Startseite » Investmentfonds » ELTIF » Ungebremst ins Retailgeschäft

Ungebremst ins Retailgeschäft

Printausgabe | August 2026

ELTIFs stehen vor ihrem bislang größten Durchbruch: von einem regulatorischen Nischenprodukt zu einem Investment für breite Anlegerschichten sogar zur Altersvorsorge. Allerdings stellt die Illiquidität der Assetklassen Kunden vor erhebliche Herausforderungen.

firefly

Der ELTIF-Markt ist relativ jung. Und er wächst. Jetzt ist daher die richtige Zeit, um sicherzustellen, dass nicht die falschen Kundinnen und Kunden in diese Investments reinstolpern.“ Mit diesen Worten warnte BaFin-Präsident Mark Branson Mitte Mai vor den Risiken von Private Debt, Private Equity und European Long-Term Investment Funds, kurz ELTIFs, für Privatanleger. Die Aufsicht sieht unter anderem Probleme bei Kosten, Bewertbarkeit, Liquidität und Risikokennzeichnung der Produkte. Die Warnung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem diese „Europäischen langfristigen Investmentfonds“ politisch vor ihrem möglicherweise größten Durchbruch stehen. Denn sie könnten nach bisherigen Angaben der Bundesregierung im neuen Altersvorsorgedepot eingesetzt werden, das in Deutschland ab 2027 die Riester-Rente ablösen soll. Damit könnte ein Produkt, das ursprünglich als europäisches Infrastruktur- und Private-Markets-Vehikel konzipiert wurde, zu einem Teil der breiten privaten Altersvorsorge werden.

Der Markt wächst insgesamt weiter beachtlich. Laut der neuen Marktstudie „Massenstart geglückt“ des Analysehauses Scope wurden im Jahr 2025 europaweit 113 neue ELTIFs aufgelegt – fast doppelt so viele wie im Vorjahr (siehe Grafik). Das verwaltete Vermögen stieg innerhalb eines Jahres um 55 Prozent auf rund 34 Milliarden Euro (siehe Grafik). Damit bleiben ELTIFs zwar im Verhältnis zum gesamten europäischen Fondsmarkt mit rund 25 Billionen Euro Fondsvermögen (EFAMA, European Fund and Asset Management Association) weiterhin ein vergleichsweise kleines Segment. Die hohe Wachstumsdynamik bei Neuauflagen und Mittelzuflüssen deutet jedoch darauf hin, dass sich ELTIFs zunehmend von einem regulatorischen Nischenprodukt zu einem relevanten Wachstumssegment des europäischen Fondsmarkts entwickeln.

Scope formuliert die Entwicklung ungewöhnlich pointiert: „Das Inkrafttreten der technischen Regulierungsstandards des ELTIF-2.0-Regimes im Oktober 2024 hat damit endgültig alle Bremsen gelöst“, schreiben die Analystinnen Hosna Houbani, Sonja Knorr und Klaudia Morhin in ihrer Studie. Seit Einführung im Jahr 2015 wurden 268 ELTIFs von 129 verschiedenen Asset Managern registriert. 

Deutschland entwickelt sich, laut Studie, hinter Frankreich zum zweitgrößten ELTIF-Markt Europas. Das verwaltete Vermögen deutscher Anleger stieg Ende 2025 auf rund 4,4 Milliarden Euro. Besonders stark nachgefragt werden Infrastruktur-Strategien, in diesem Segment dominierte lange Zeit vor allem der klimaVest der Commerz Real den Markt. Inzwischen verteilt sich das Wachstum deutlich breiter, denn mehrere Anbieter sammelten im vergangenen Jahr jeweils mehr als 100 Millionen Euro ein. Und Commerz Real hat derweil mit infraVest, einem zweiten ELTIF auf Infrastrukturanlagen, nachgelegt. „Wir sind stolz auf den Erfolg des klimaVest und möchten mit unserem neuen Infrastruktur-ELTIF daran anknüpfen. Zwei Monate nach Vertriebsstart haben wir bereits rund 200 Millionen Euro eingesammelt“, sagte Henning Koch, Vorstandsvorsitzender der Commerz Real, gegenüber Scope.

Dreiteilung des Marktes

Der Blick auf die Assetklassen zeigt im Wesentlichen eine Dreiteilung, bei der Private Debt mit einem Anteil von 34 Prozent vorne liegt (siehe Grafik auf Seite 29). Private Debt gilt vielen Häusern als besonders geeignet für semi-liquide Retailstrukturen. „Überschaubare Kreditlaufzeiten und laufende Zinszahlungen ermöglichen einen stabilen, wiederkehrenden Ertragsstrom. Mit dieser Eigenschaft ist Private Debt besonders für Evergreen-Strategien interessant“, wird Stephanie Mönkebüscher, Head of Wealth Distribution Germany & Austria bei Ares Management, in der Scope-Studie zitiert. 

Private Equity bleibt zwar die Assetklasse mit den höchsten Renditeerwartungen, gilt im Vertrieb an Privatanleger aber zugleich als deutlich erklärungsbedürftiger. Infrastruktur wiederum profitiert davon, dass viele Investitionen für Anleger greifbarer erscheinen. Solarparks, Stromnetze oder Windkraftanlagen lassen sich leichter vermitteln als komplex strukturierte Kreditstrategien.

Gleichzeitig versuchen viele Anbieter, das Thema Diversifikation stärker in den Vordergrund zu rücken. Multi-Asset-ELTIFs sollen Privatanlegern den Einstieg in verschiedene Private-Markets-Segmente erleichtern. „Für einen Retail-Kunden könnte ein Multi-Asset-ELTIF der erste Schritt in den Bereich Private Markets sein“, stellt Federico Vettore, Head of European Private Wealth bei Morgan Stanley, im Rahmen der Studie fest. 

Allerdings muss das Verlangen der Privatanleger erst noch umfassend geweckt werden; bislang scheint der Markt stärker angebots- als nachfragegetrieben zu sein. So hat die Private-Markets-Plattform Moonfare im August 2025 den Vertrieb ihres Private-Equity-Produkts nach nur einem Jahr aus strategischen Gründen und wegen mangelnder Nachfrage eingestellt.  Für die Branche war das ein Reality-Check. Nicht jedes Produkt, das regulatorisch möglich ist, findet auch Käufer. 

Trotz des Rückzugs des Moonfare-Angebots konnte der ELTIF-Vertrieb im vergangenen Jahr vor allem über digitale Wege gewinnen: In Deutschland startete Scalable Capital mit einem ELTIF von BlackRock. Kurz darauf bot Trade Republic Produkte von Apollo und EQT an. Aktuell kursieren Gerüchte, dass auch Revolut seinen rund 50 Millionen europäischen Privatkunden die Investition in ELTIFs ermöglichen will. Sollte Revolut tatsächlich ELTIFs in seine Finanzapp integrieren, würde das die Retailisierung von Private Markets auf eine völlig neue Ebene heben. 

Gleichzeitig zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass die Öffnung illiquider Assetklassen für Retailkunden auch erhebliche Herausforderungen mit sich bringt. Besonders sichtbar wurde dies im Fall Greenman: „Erstes Gating bei einem ELTIF“, lautete Ende vergangenen Jahres eine negativ anmutende Schlagzeile. Der Greenman OPEN, ein bekannter europäischer Immobilien-ELTIF, setzte die Rücknahme von Anteilen zeitweise aus. Der Fonds investiert überwiegend in Immobilien des Lebensmitteleinzelhandels. Doch nachdem die Rückgabe-
wünsche im dritten Quartal 2025 die vertraglich festgelegte Schwelle überschritten hatten, wurde die Rücknahme vorübergehend eingeschränkt. Der Fonds kündigte daraufhin Immobilienverkäufe an, um zusätzliche Liquidität zu schaffen.

Für viele Privatanleger klang das dramatisch. Tatsächlich gehört das Gating aber zu den klassischen Instrumenten des Liquiditätsmanagements bei Fonds mit illiquiden Vermögenswerten. Selbst die BaFin betrachtet diese Rücknahmebeschränkungen als Instrument, das die Interessen der verbleibenden Anleger schützt, indem es Notverkäufe verhindert und vermeidet, dass Rückgaben zulasten der verbleibenden Investoren bedient werden müssen. Der Greenman-Fonds hätte ohne Gate einige Objekte unter Zeitdruck veräußern müssen, was zu Preisabschlägen geführt und damit die Werte aller Anleger beeinträchtigt hätte. Die vorübergehende Aussetzung der Rücknahme verschafft dem Fonds Zeit, um geordnet Liquidität zu schaffen, und schützt damit erst einmal jene Anleger, die investiert bleiben wollen, vor unnötigen Verlusten. 

In dieser Perspektive wird deutlich, dass der erste Gating-Fall zwar ein Weckruf ist, aber keiner, der das Konzept grundsätzlich infrage stellt. Vielmehr zeigt er, dass die Mechanismen funktionieren, die der Gesetzgeber für genau solche Situationen vorgesehen hat.

Genau hier liegt jedoch der kommunikative Zielkonflikt vieler ELTIFs. Einerseits werden die Produkte zunehmend als unkomplizierter Zugang zu Private Markets vermarktet, andererseits bleiben die zugrunde liegenden Anlagen langfristig und nur eingeschränkt handelbar. Scope weist in der Studie ausdrücklich auf dieses Spannungsfeld hin: Das „Fristentransformationsrisiko bei semi-liquiden Privatmarktinvestments“ kann insbesondere in Krisenphasen problematisch werden. Branchenvertreter betonen deshalb seit Monaten, wie wichtig eine realistische Erwartungshaltung der Anleger ist.

vertrieb ist gefordert

Diese Anlegerhaltung zu formen, ist primär die Aufgabe des Vertriebs. In der Präsentation der Scope-Studie berichteten mehrere Marktteilnehmer deshalb von enormen Investitionen in Schulungs- und Vertriebsprogramme. Viele Anbieter haben eigene Schulungsakademien aufgebaut, spezielle Vertriebsteams geschaffen und zusätzliche Informationsdokumente entwickelt. Scope verweist zudem darauf, dass Kapitalverwaltungsgesellschaften inzwischen produktspezifische Zusatzunterlagen bereitstellen, die im Beratungsprozess verpflichtend eingesetzt werden können. 

Damit rückt die sogenannte Retailfähigkeit von ELTIFs noch stärker in den Fokus. Zwar gilt der Zugang zu Private Markets für Privatanleger politisch und wirtschaftlich als gewünscht. Viele Asset Manager argumentieren zudem, dass langfristige Anlagen wie Infrastruktur oder Private Debt hervorragend zu langfristig orientierten Anlegern passen. Doch die Realität im Beratungsgespräch ist oft komplizierter. Viele Privatanleger sind es gewohnt, Investmentfonds jederzeit verkaufen zu können. Zudem basieren Bewertungen illiquider Assets nicht auf permanent verfügbaren Börsenkursen, sondern auf Modellbewertungen und periodischen Gutachten. Viele Produkte lassen sich erst über einen längeren Zeitraum sinnvoll beurteilen. Während klassische Aktienfonds täglich Transparenz über Marktbewegungen bieten, entwickeln sich Private-Markets-Investments vor allem in den ersten Jahren häufig deutlich träger und weniger sichtbar. 

Aus diesen Gründen sehen manche Marktteilnehmer die Gefahr, dass ELTIFs teilweise aggressiver vermarktet werden könnten, als es ihrer tatsächlichen Risikostruktur entspricht. Auch wird vielfach befürchtet, dass der Boom zunehmend Gesellschaften anzieht, die zwar starke Vertriebskapazitäten besitzen, aber nur über begrenzte Erfahrungen im Management komplexer illiquider Assets verfügen. „Als ein wesentliches Risiko sehen wir, dass einzelne Anbieter die Herausforderungen des langfristigen Investierens nicht ernst genug nehmen könnten und in der Vermarktung zu offensiv vorgehen und nicht genug darauf aufmerksam machen“, wird Dr. Florian Liegler, Senior Portfolio Manager, Allianz Global Investors, in der Scope-Studie zitiert. Dadurch könne das Ansehen des ELTIF als Vehikel in Mitleidenschaft gezogen werden, warnt er. Laut der Markterhebung von Scope wagten im vergangenen Jahr 56 Gesellschaften erstmals den Einstieg in diesen Markt. 

Fazit und Ausblick

Die kommenden Jahre dürften darüber entscheiden, ob der Markt unter seinem eigenen Wachstum leidet oder der ELTIF tatsächlich zum europäischen Erfolgsmodell wird. Die Voraussetzungen für weiteres Wachstum sind grundsätzlich vorhanden. Das Interesse von Banken, Wealth Managern und Privatanlegern ist hoch. Gleichzeitig suchen institutionelle Investoren und Asset Manager nach neuen Vertriebskanälen. Hinzu kommt der politische Wunsch, privates Kapital stärker für Infrastruktur, Energiewende und europäische Unternehmen zu mobilisieren.

Der ELTIF hat 2025 zwar den Durchbruch geschafft – zugleich endet jedoch die Schonfrist einer Branche, die bislang vor allem vom regulatorischen Aufbruch und der Begeisterung über neue Vertriebsmöglichkeiten getragen wurde. Künftig muss sich zeigen, ob aus dem Boom tatsächlich ein dauerhaft tragfähiger europäischer Markt entsteht. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung des Falls Greenman, also nicht darin, dass ein ELTIF zeitweise Rückgaben begrenzen musste, sondern darin, dass der Markt erstmals zeigen musste, wie er mit Stresssituationen umgeht. 

Mit der Öffnung des neuen Altersvorsorgedepots für ELTIFs könnte das in Deutschland bislang eher spezialisierte Anlageprodukt erstmals die Rolle eines Bausteins der breiten privaten Altersvorsorge übernehmen. Für die ELTIF-Branche würde sich damit die Aussicht auf dauerhaft planbare Kapitalzuflüsse über Jahrzehnte hinweg eröffnen – ein Umstand, der ideal zu langfristigen Infrastruktur-, Immobilien- oder Private-Debt-Investments passen würde. Gerade deshalb dürfte die Frage nach der tatsächlichen Retailfähigkeit der Produkte künftig noch wichtiger werden. Denn Privatanleger müssen die Produkte verstehen, um ihnen langfristig vertrauen zu können. Oder, wie es BaFin-Chef Branson fordert: „Wer über einen Fondsmantel, wie einen ELTIF, in Private Equity oder Private Debt investiert, muss sich der Risiken bewusst sein, die damit einhergehen.“