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Banken: Widerstandsfähig trotz Rezession

September 2022
Romain Miginiac von Atlanticomnium, einem Partnerunternehmen von GAM Investments, findet, dass die Widerstandsfähigkeit des europäischen Bankensektors stark unterschätzt wird.
GAM
Romain Miginiac, GAM

Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Unsicherheit fragen sich die Anleger, wie sich die Banken im Falle einer Rezession entwickeln werden, meint Romain Miginiac, Head of Research bei Atlanticomnium, einem Partnerunternehmen von GAM Investments. Die Wertentwicklung der Banken während der Finanzkrise 2008 könnte ein guter Anhaltspunkt für die Widerstandsfähigkeit des Sektors sein.

Banken sind aufgrund ihrer Kreditvergabe und ihrer Wertpapierbestände von Natur aus sensibel bezüglich konjunktureller Schwankungen. In einem Abschwung steigen die Kreditausfälle, da die Fähigkeit der Kreditnehmer, ihre Schulden zu bedienen, abnimmt, und der Wert von Wertpapieren sinkt infolge schwächerer Märkte. Dadurch wird die Rentabilität beeinträchtigt, da die Banken höhere Verluste verkraften müssen. Übersteigen die Verluste die Erträge, wird überschüssiges Kapital zur Verlustkompensation eingesetzt, wobei das Ausmaß der Verluste von der Schwere der Rezession und dem Risiko in den Bilanzen der Banken abhängt.

Die Widerstandsfähigkeit des europäischen Bankensektors wird stark unterschätzt

Wir sind jedoch der Überzeugung: Das Stigma der globalen Finanzkrise, sowie anderer Krisen, überschattet den Bankensektor weiterhin und verleitet dazu, dessen Widerstandsfähigkeit zu unterschätzen. Das Ausmaß der Verluste, der Kapitalbeschaffung und der Rettungsaktionen während der globalen Finanzkrise waren astronomisch hoch – was die Anfälligkeit des Sektors zu dieser Zeit verdeutlichte. Das systemische Risiko hob die Anfälligkeit des Finanzsystems hervor, daher die weitreichenden Auswirkungen der Krise. Dies belastet den Sektor noch heute und führt nach unserer Einschätzung dazu, die seit der Finanzkrise erfolgte Transformation zu unterschätzen. Mehr als ein Jahrzehnt der Regulierung trug zum Risikoabbau, zur Erhöhung des Kapitalstocks und zum Abbau anderer Schwachstellen (Abhängigkeit von kurzfristigen Finanzierungen usw.) und damit zur grundlegenden Neuordnung des Sektors bei. Für die Anleihegläubiger sollte der Fokus eher auf Risikominderung als auf eine Erhöhung des Kapitalstocks gerichtet sein, da Ersteres das Letztere weniger relevant macht.

Der Pfad der Risikoreduzierung, den die Banken seit der globalen Finanzkrise eingeschlagen haben, wird unserer Ansicht nach das Ausmaß der Verluste in einem zukünftigen Abschwung erheblich verringern. Dies ist sowohl auf den Ausstieg der Banken aus dem risikoreicheren Investmentbanking als auch auf ihre verstärkte Konzentration auf risikoärmere Kreditportfolios, insbesondere Wohnungsbauhypotheken, zurückzuführen. Unserer Ansicht nach sind die Banken eintönig geworden, was sie für Anleihegläubiger sehr interessant macht. Fallen die Verluste deutlich geringer aus und können über die Erträge verkraftet werden, könnte sich das Überschusskapital letztlich als unnötig erweisen. Für einen Anleihegläubiger stellt dies ein Luxusproblem dar: Er verfügt über eine beträchtliche Menge an Kapital, das voraussichtlich nicht benötigt wird, da das Ausmaß der potenziellen Verluste verringert wurde. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Banken derzeit überkapitalisierte und risikoarme Unternehmen sind, die Versorgungsunternehmen gleichen.

Banken können auch in einem Stressszenario Verluste absorbieren

In unserer jüngsten Abhandlung (Link zum Whitepaper siehe PDF im Anhang) analysieren wir die globale Finanzkrise eingehender unter der Fragestellung, welchen Geschäftstätigkeiten Banken derzeit noch nachgehen. Wir sind der Überzeugung, dass dies einen guten Einblick in den Bankensektor bietet und in der Tat die stärkste Quelle der Beruhigung in Bezug auf die Widerstandsfähigkeit des Sektors sein könnte. Wie bei vielen Themen zeigt sich, dass der Blickwinkel die Schlussfolgerungen erheblich verändern kann.

Am Beispiel der Schweizer Großbank UBS: In den Jahren 2007 bis 2009 belief sich der kumulierte Nettoverlust der UBS auf rund 28 Milliarden Franken, gleichzeitig erzielten die Wealth-Management- und Retail-Banking-Einheiten des Konzerns während der Krise eine geschätzte Eigenkapitalrendite von mehr als 15 Prozent. Die UBS stellte keine Ausnahme dar; vielmehr war eine beträchtliche Anzahl von Banken während der Krise profitabel und erhöhte angesichts der steigenden Kapitalanforderungen defensiv ihr Eigenkapital.

Im Ergebnis sind wir der Meinung, dass die Banken während der Finanzkrise ihre Fähigkeit, Verluste in einem Stressszenario zu absorbieren, ohne Anleihegläubiger negativ zu beeinträchtigen, gezeigt haben.

Ein widerstandsfähiger Sektor mit hohen Renditen

Unseres Erachtens sollte die Widerstandsfähigkeit des europäischen Bankensektors und seine Fähigkeit, Verluste selbst in einem „Extrem-Szenario“ aufzufangen, die Bewertungen im Vergleich zu anderen Sektoren stark unterstützen. Die vierteljährlichen Erträge dürften weiterhin als Katalysator für eine Neubewertung des Sektors wirken, da höhere Zinsen zu einer höheren Rentabilität führen. Sollte es zu einem Abschwung kommen, dürfte sich dies ebenfalls positiv auf die Bewertungen auswirken, da diese eine hohe Fähigkeit zur Bewältigung höherer Kreditausfälle widerspiegeln würden. Kurzfristig dürfte ein Abschwung zu einer anhaltenden Marktvolatilität führen. Längerfristig sind wir der Ansicht, dass die Banken, die ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis stellen, die Wahrnehmung des Sektors wesentlich verbessern und den Wandel in den vergangenen zehn Jahren demonstrieren sollten.

Die Fähigkeit, einen Abschwung ohne Beeinträchtigung der Notfallkasse der Anleihegläubiger (Überschusskapital) zu überstehen, dürfte dazu führen, dass Banken mit engeren Spreads gehandelt werden. Nachrangige Schuldtitel von Banken bieten Anlegern die Möglichkeit, sich in einem unsicheren Umfeld in einem äußerst widerstandsfähigen Sektor zu engagieren und gleichzeitig einige der höchsten Renditen auf dem Markt zu erzielen.