Elektrizität spielt eine immer größere Rolle für die technologische Transformation der Weltwirtschaft. „Sie wandelt sich zu einer strategischen Infrastruktur, die entscheidend für wirtschaftliche Souveränität und die Resilienz der Industrie ist“, erklärt Diane Neuville, Portfoliomanagerin des ODDO BHF Green Planet Fonds, in einem aktuellen Marktkommentar. Europas Abhängigkeit von russischem Gas, das vor 2022 noch über 40 Prozent der Importe ausmachte, verdeutlichte, wie stark Energiesysteme den politischen Handlungsspielraum begrenzen können. Eingeschränkte Lieferungen führten zu Preisschocks, Störungen in der Industrie und einer kostspieligen Neuausrichtung der Lieferketten. Europas wunder Punkt in der Energieversorgung wurde schmerzhaft deutlich.
Elektrifizierung ist nicht mehr eine bloße Antwort auf den Klimawandel, sondern eine Sicherheitsstrategie. „Eine heimische Stromerzeugung – ob aus erneuerbaren Quellen oder Kernenergie – reduziert die Anfälligkeit für externe Schocks, schwankende Rohstoffmärkte und geopolitische Spannungen. Sie verankert einen Teil des Energiesystems im Inland“, führt Neuville aus. Das Risiko liege in der Fähigkeit, komplexe Prozesse der Energieerzeugung wie Übertragung, Verteilung sowie des Lastausgleichs in Echtzeit aufeinander abzustimmen.
ALTE STROMNETZE
Eine weitere Herausforderung ist die steigende Stromnachfrage, angetrieben durch Elektromobilität und Transformationen von Heizsystemen und Industrie. Die Verbreitung von KI erfordert eine zuverlässige Stromversorgung für Rechenzentren, während die elektrifizierte Industrie neue Lastprofile mit sich bringt. „All dies erhöht die technische und betriebliche Komplexität der Stromversorgung, insbesondere angesichts von Schwankungen dezentraler erneuerbarer Energiequellen“, meint die Expertin. Stromnetze haben Mühe, Schritt zu halten. Sie wurden auf zentralisierte Versorgung ausgelegt und altern durch den Nachfrageanstieg und bidirektionale Stromflüsse. Diese Bedingungen bilden ein Nadelöhr. „Verzögerungen beim Netzanschluss, steigende Kosten und wachsender Druck auf die Lieferketten für Ausrüstung sind die Folge“, so Neuville.
„Das Thema Elektrifizierung sollte nicht als eng gefasste Wette auf die Energiewende verstanden werden, sondern als Investition in Energieunabhängigkeit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit, makroökonomische Stabilität und Resilienz gegenüber externen Schocks.“ Darüber hinaus erweisen sich Investitionen in Energieinfrastruktur angesichts langfristig komplexer Erzeugungs- und Nachfragebedingungen als widerstandsfähig gegenüber politischen Kurswechseln. „In einer fragmentierten Welt bemisst sich Souveränität nicht mehr allein am Zugang zu Ressourcen, sondern an der Fähigkeit, widerstandsfähige, effiziente und autonome Stromversorgungssysteme zu betreiben“, so die Portfoliomanagerin.

