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Aufwärtsrisiken bei der Teuerung

Mai 2026

Der aktuelle Energiepreisschock markiere zwar kein zweites 2022. Aber das heutige Inflationsumfeld ist fragiler, konstatiert Thomas Romig, Assenagon.

Assenagon
Thomas Romig, Assenagon

Die jüngste Eskalation im Nahen Osten hat die Inflations­debatte an den Kapital­märkten neu entfacht. Kraft­stoffe und Heizöl haben sich deutlich verteuert und erhöhen den Preis­druck. So stieg die Inflations­rate in Deutschland im April 2026 auf 2,9 Prozent. Die Energie­preise lagen gut 10 Prozent über dem Vorjahres­monat. Aus Sicht der Investment-Experten von Assenagon greift der schnelle Vergleich mit der Energie­krise 2022 dennoch zu kurz: „Der aktuelle Energiepreis­schock fällt bislang milder aus und markiert kein zweites 2022, aber er trifft auf ein deutlich fragileres Inflations­umfeld“, sagt Thomas Romig, Geschäfts­führer und CIO Multi Asset bei Assenagon. „Für Anleger ist deshalb nicht nur entscheidend, wie stark Energie­preise steigen, sondern ob sich die gegen­wärtige Lohn-Preis-Spirale weiter verstärken wird.“

Das Inflations­umfeld hat sich nach Einschätzung der Assenagon-Experten in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Während Energie über weite Strecken der Jahre 2024 und 2025 sogar disinflationär wirkte und sich Lebensmittel sowie nicht-energetische Industriegüter stabilisierten, blieb die Inflations­rate im Dienstleistungs­sektor überdurchschnittlich hoch: von 4,4 Prozent im Jahr 2023 und 3,8 Prozent 2024 lag die Teuerungsrate von Dienstleistungen 2025 bei 3,5 Prozent. Zwar fiel die Dienstleistungs­inflation im April 2026 auf 2,8 Prozent, eine nachhaltige Trendwende ist angesichts erhöhter Lohn­dynamiken jedoch noch nicht in Sicht.

„Die Struktur der Inflation hat sich verändert: weg von einem breit angelegten, energie- und waren­getriebenen Preisschub, hin zu einem Umfeld, in dem trägere, stärker binnen­wirtschaftlich geprägte Dienst­leistungen die Entwicklung bestimmen“, konstatiert Sebastian Schmider, Head of AI Solutions & Macro Analytics bei Assenagon. Damit steige auch das Risiko, dass Energiepreis­anstiege nicht auf einen temporären Preis­effekt beschränkt blieben, so der Experte.

INFLATIONSERWARTUNGEN IM FOKUS

Auch die markt­basierten Inflations­erwartungen signalisieren ein verändertes Regime. In den 2010er-Jahren lagen fünf- und zehnjährige Euro-Inflation-Swaps meist klar unter dem Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentral­bank (EZB). Nach dem Schock von 2022 beruhigten sie sich zwar wieder, kehrten aber nicht in das alte Niedriginflationsumfeld zurück. Mit der jüngsten Nahost-Eskalation zog vor allem der fünfjährige Swap-Satz erneut an und bewegte sich in Richtung 2,5 Prozent.

Für die EZB ist das eine unbequeme Konstellation: Sie kann Energiepreis­schocks nur so lange als temporäre Niveau­verschiebung einordnen, wie die Erwartungen verankert bleiben. „Die Zweiprozent-Marke erscheint heute weniger als komfortable Obergrenze denn als Anker mit spürbaren Aufwärts­risiken“, so die Assenagon-Experten.

Für Kapitalmarktanleger bedeutet das: Ein Portfolio, das weiterhin auf dauerhaft niedrige und stabile Inflation setzt, unterschätzt aus Sicht von Assenagon ein zentrales Risiko. In der Niedrig­inflations­phase konnten nominale Staatsanleihen Kurs­verluste bei Aktien häufig abfedern. Bei höherem Preis­druck und ausgeprägter Zins­volatilität kann dieser Diversifikations­effekt jedoch deutlich schwächer ausfallen oder sich zeitweise umkehren, wie 2022 zu beobachten war. „Der klassische Mix aus Aktien und Staatsanleihen reicht nicht mehr automatisch aus, um Inflations­risiken zu kontrollieren. Vielmehr stellt sich zunehmend die Frage: Aktien oder Staats­anleihen?“, sagt Romig.

Assenagon sieht deshalb reale Ertragsquellen wie Infrastruktur und Rohstoffe, inflations­indexierte Anleihen, aktive Anleihe- und Durations­strategien sowie Aktien von Unternehmen mit ausgeprägter Preissetzungs­macht im Vorteil. Schmider ergänzt: „Die strategische Asset-Allokation muss sich nicht neu erfinden. Sie sollte sich aber von der Annahme lösen, dass niedrige Inflation dauerhaft die Basis verlässlicher Diversifikation bildet.“