Auf ihrer Aprilsitzung hat die EZB ihren Leitzins wie erwartet unverändert bei zwei Prozent belassen. Erstmals wurde dabei eine Zinserhöhung nicht nur als abstrakte Option erwähnt, sondern im Rat konkret diskutiert – letztlich jedoch mangels ausreichender Datengrundlage verworfen. Und das ist folgerichtig. Zwar sind die Aufwärtsrisiken für die Inflation durch den erneuten Anstieg der Energiepreise gestiegen. Gleichzeitig haben sich aber auch die Abwärtsrisiken für die Konjunktur erhöht. Die Preiselastizität der Nachfrage ist höher als 2022. Vor diesem Hintergrund sind die am Markt eingepreisten drei Zinsanhebungen bis Jahresende ambitioniert, meint Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz.
Die EZB verweist zu Recht darauf, dass bislang keine überzeugenden Argumente für eine unmittelbare Straffung vorliegen. Der jüngste Inflationsanstieg ist zwar kräftig, aber bisher vor allem energiegetrieben. Gleichzeitig mehren sich die Hinweise auf eine schwächere Konjunkturdynamik. Der Zielkonflikt in der Geldpolitik tritt damit deutlicher hervor. Lagarde hat diesen Punkt heute klar adressiert. Die heutige Entscheidung sei auf Basis „noch unzureichender Informationen“ zur Nachhaltigkeit beider Entwicklungen getroffen worden. In den kommenden Wochen dürfte sich das Bild mit neuen Daten und Projektionen schärfen.
WAS KOMMT IM JUNI?
Eine Zinserhöhung im Juni ist damit möglich, aber aus unserer Sicht weniger wahrscheinlich. Denn die Nachfrageelastizität dürfte in Europa wie auch in anderen Regionen höher sein als beim letzten Energiepreisschock. Hierfür sprechen die weniger umfangreichen fiskalischen Unterstützungen, die schwächere konjunkturelle Grundtendenz und die Tatsache, dass viele Haushalte und Unternehmen nach den Erfahrungen des Jahres 2022 schneller mit Kürzungen auf höhere Preise reagieren dürften. Insgesamt erscheint der geldpolitische Ausblick damit sogar etwas offener als noch im März.
Die EZB signalisiert mit ihrer aktuellen Kommunikation etwas mehr Geduld im Umgang mit dem Inflationsanstieg und rückt näher an die Linie der FED. Für Anleger bedeutet dies: Der Zinsausblick bleibt unsicher – so wie eigentlich immer. Die am Markt eingepreisten drei Zinsanhebungen bis Jahresende scheinen aber weiterhin ambitioniert. Gleichzeitig nehmen die konjunkturellen Risiken zu. Zyklische Geschäftsmodelle bleiben damit anfällig, während sich das Zinsumfeld stabiler darstellt, als es die Markterwartungen nahelegen.

