Auch das zweite Quartal wird für Aktienanleger nicht einfach: Trotz Waffenruhe könnten geopolitische Unsicherheiten, der durch die Schließung der Straße von Hormus ausgelöste Energieschock sowie eine Neuordnung der Marktdynamik für Unruhe an den Börsen sorgen. Wo es Chancen gibt, erläutert René Nicolodi, Leiter Aktien bei Swisscanto/ZKB.
Das aktuelle makroökonomische Umfeld bleibt von erhöhter geopolitischer Unsicherheit geprägt, insbesondere durch den Konflikt im Nahen Osten. Im März stieg die Risikoprämie für US-Aktien auf 3,7 Prozent und für EU-Aktien auf über 4,5 Prozent. Zugleich nahm die Volatilität deutlich zu. Die Ankündigung einer zweiwöchigen Waffenruhe sorgte für eine kräftige Erholungsrally an den Märkten. Doch wie geht es weiter? In unserem Basisszenario rechnen wir weiterhin mit einer zeitnahen Lösung im Nahen Osten. Die Anfang April signalisierten Verhandlungsabsichten der Kriegsparteien stützen diese Erwartung: Sowohl die US-Regierung – mit Blick auf die Zwischenwahlen im November – als auch China haben ein großes Interesse an einer Entspannung.
Die Marktlage bleibt jedoch fragil. Der Fortgang der Verhandlungen ist nur schwer einzuschätzen, und eine erneute Eskalation ist nicht auszuschließen. Selbst nach der Verkündung der zweiwöchigen Waffenruhe liegt der Preis für Brent-Rohöl immer noch bei rund 100 US-Dollar pro Barrel. Eine Verlängerung der Blockade würde die globalen wirtschaftlichen Folgen des Energiepreisschocks verschärfen – etwa durch steigende Inflationserwartungen und sinkende globale Wachstumsprognosen. Im März sind die US-Inflationserwartungen bereits sprunghaft von 2,4 auf 3,3 Prozent gestiegen, während das US-Konsumentenvertrauen im April ein langjähriges Tief erreicht hat. Sollten sich nun niedrigere Gewinnerwartungen materialisieren, könnte dies zu weiteren Korrekturen an den Aktienmärkten führen. Eine vollständige Öffnung der Straße von Hormus könnte den Stabilisierungsprozess dagegen erheblich beschleunigen.
Solange es kein dauerhaftes Friedensabkommen gibt und die Straße von Hormus nicht nachhaltig für Öltanker passierbar wird, rechnen wir deshalb mit anhaltend hohen Schwankungen. Die Schlagzeilen prägen die Marktstimmung stärker als die Fundamentaldaten.
UNTERSCHÄTZTE RISIKEN?
Zu Jahresbeginn waren die Erwartungen relativ optimistisch. Trotz Unsicherheiten rund um das Potenzial der Künstlichen Intelligenz (KI), der Ankündigung neuer Handelszölle und steigender Ausfallraten im Private-Credit-Segment zeigten die Aktienmärkte bis Ende Februar attraktive Renditen – insbesondere in Europa (5,6 Prozent) und in den Schwellenländern (11 Prozent). Im März reagierte der Markt rasch und die Aktienbewertungen wurden nach unten angepasst.
Dennoch: Angesichts des Schocks im globalen Energieangebot und der historisch hohen Bewertungen haben die Anlegerinnen und Anleger bisher relativ gelassen reagiert und die Korrektur an den Aktienmärkten fiel moderat aus. Seit Konfliktbeginn verzeichneten globale Aktien per 10. April ein Minus von 1,5 Prozent, US-Aktien fielen um 0,75 Prozent, EU-Aktien büßten 2,3 Prozent ein und Schwellenländer verloren 3,6 Prozent. Der Volatilitäts-Index VIX stieg in den Stressphasen nur kurz über 30 Punkte und liegt aktuell bei 20 Punkten. Gleichzeitig liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis beispielsweise für US-Aktien aktuell (10. April) mit 21 weiterhin deutlich über dem langfristigen Durchschnittswert von rund 17,7. Bemerkenswert ist, dass die Gewinnerwartungen für die Jahre 2026 und 2027 bislang keine Anpassungen durch die Analysten erfahren haben. Entweder rechnen die Marktteilnehmer nicht mit gravierenden Folgen für die Weltwirtschaft, oder sie unterschätzen das Risiko einer länger anhaltenden Eskalation.
ELEKTRIFIZIERUNG IM FOKUS
Auf regionaler Ebene hat der Konflikt vor allem jene Regionen belastet, die in hohem Maß auf Energielieferungen aus dem Nahen Osten angewiesen sind – insbesondere Europa und die Schwellenländer. Letztere leiden zusätzlich unter der Unsicherheit über die möglichen wirtschaftlichen Folgen. Dazu zählen eine restriktivere Geldpolitik, ein stärkerer US-Dollar und das Risiko sinkender globaler Wachstumsprognosen. Die USA hingegen haben sich bislang als widerstandsfähig erwiesen. Sie profitieren von ihrer Position als Netto-Ölexporteur und ziehen auf der Anlageseite als „sicherer Hafen“ weiterhin Kapital an.
Auf Sektorebene gehörten im globalen Vergleich Energietitel mit einem Plus von 11,3 Prozent im März zu den klaren Gewinnern. Zyklische Sektoren wie Industrie- und Grundstoffe zählten dagegen mit Rückgängen von 10,6 Prozent beziehungsweise 10,7 Prozent zu den größten Verlierern. Darüber hinaus hat der Konflikt im Nahen Osten einige der Rotationen im Aktienbereich umgekehrt, die seit Jahresbeginn die Renditen geprägt hatten: Value-Aktien beendeten im März ihre Phase der Outperformance, und Small Caps blieben nach zwei Monaten mit positiver Entwicklung sogar drei Prozent hinter den Large Caps zurück. Im Gegensatz dazu konnten hochwertige Qualitäts-Aktien erneut überzeugen.
Gleichzeitig bleibt Künstliche Intelligenz als potenzieller struktureller Wachstumstreiber intakt. Als Hauptprofiteure dieses Investitionszyklus gelten Halbleiterunternehmen, Anbieter von Netzwerktechnik sowie Unternehmen mit Fokus auf Rechenzentrumsinfrastruktur. Getrieben wird diese Entwicklung vor allem durch die hohen Investitionen großer Hyperscaler. In einem Umfeld, in dem Energiesicherheit und -unabhängigkeit zunehmend an Bedeutung gewinnen, rückt zudem das Thema Elektrifizierung stärker in den Vordergrund.
Die raschen Wendungen im geopolitischen Nachrichtenfluss erfordern in diesem volatilen Umfeld vor allem Gelassenheit. Vor dem Hintergrund unseres Basisszenarios halten wir eine neutrale bis leicht defensivere Positionierung bei Aktien für angemessen, etwa über Titel aus den Sektoren Basiskonsumgüter, Versorger oder Gesundheit. Auch eine stärkere Allokation in Qualitätsunternehmen kann dazu beitragen, die Widerstandsfähigkeit des Portfolios zu erhöhen. Die Waffenruhe hat zwar für eine gewisse Entspannung gesorgt, doch die Headline-Risiken dürften in den nächsten Tagen hoch bleiben. Entsprechend bleibt die Marktlage vorerst fragil.

