Mit dem Nahostkonflikt werden weltweite Zahlungsausfälle und Insolvenzen steigen: Der Kreditversicherer Allianz Trade hat in seiner aktuellen globalen Insolvenzstudie die Prognosen für die Jahre 2026 und 2027 im Zuge des Konflikts im Nahen Osten deutlich nach oben korrigiert. So dürften 2026 Pleiten mit einem Zuwachs von sechs Prozent (2025: +6 %) zum fünften Mal in Folge steigen – doppelt so stark als bisher erwartet: Vor dem Konflikt lag die Prognose noch bei einem Anstieg der Fallzahlen um drei Prozent. 2027 dürften sich die globalen Unternehmensinsolvenzen auf einem hohen Niveau einpendeln (vor Nahostkonflikt: leichter Rückgang). Ein anhaltender Konflikt in Nahost könnte das Insolvenzrisiko jedoch noch weiter verschärfen, sowohl weltweit als auch in Deutschland.
FOLGEN FÜR DEUTSCHLAND
„Schon jetzt hat der Nahostkonflikt auf Deutschland deutliche Auswirkungen und auch der US-Handelskrieg ist längst nicht vorbei“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Die Folgen sind nicht nur an der Zapfsäule und bei der Inflation zu spüren. Der Welthandel, Exporte und die deutsche Wirtschaft wurden erneut ausgebremst. Das hat auch Folgen bei den Insolvenzen, die mit zwei Prozent deutlicher steigen dürften als bisher erwartet (1 % auf 24.080 Fälle). Wir rechnen mit 24.650 Fällen (+570 Fälle mehr) – das wäre der höchste Stand seit 14 Jahren.“ Dennoch bleiben die Fallzahlen deutlich unter dem Negativrekord während der globalen Finanzkrise mit mehr als 32.000 Pleiten.
2027: LEICHTE ENTSPANNUNG ERWARTET
„Es gibt aber zumindest einen Lichtblick“, sagt Bogaerts. „Aktuell zeichnet sich am Horizont 2027 ein leichter Rückgang ab (-2 % auf 24.150 Fälle). Bis dahin bleibt es trotz fiskalischer Unterstützung holprig und viele Unternehmen stehen unter Druck.“ Voraussetzung für diese Erholung ist allerdings ein baldiges Ende des Nahostkonflikts und die Öffnung der Straße von Hormus. Sollte sich der Konflikt länger hinziehen, dürften sich die Auswirkungen verschärfen.
„Es hängt jetzt alles von der Dauer des Nahostkonflikts ab“, sagt Bogaerts. „Die Abwärtsrisiken sind aktuell hoch. Im Worst Case Szenario (35 % Wahrscheinlichkeit) bei einer weiteren Eskalation und einem länger anhaltenden Konflikt gehen wir mit vier Prozent von einem doppelt so hohen Insolvenzanstieg aus. Das wären mit insgesamt 24.994 Insolvenzen dann nochmals 344 Fälle mehr als wir aktuell erwarten.“
Der vierte Insolvenzanstieg in Folge dürfte sich 2026 erneut über alle deutschen Branchen hinwegziehen. Schon 2025 waren sechs Branchen die stärksten Treiber. Sie verzeichneten die höchsten Fallzahlen, aber auch zweistellige Zuwächse, insbesondere im Baugewerbe (+10 %), Handel (+15 %), freiberufliche Dienstleistungen (+10 %), Gastgewerbe (+27 %), Verwaltungs- und Unterstützungsdienstleistungen (+12 %) sowie das verarbeitende Gewerbe (+24 %) – darunter erneut eine Reihe von Insolvenzen bekannter Unternehmen.
AUCH GLOBAL STEIGENDE INSOLVENZEN
Die Krise im Nahen Osten hat die Volatilität und Unsicherheit auf den Energiemärkten, bei den Transportkosten und den globalen Lieferketten verstärkt. Über die unmittelbaren Störungen hinaus deuten die Folgewirkungen auf eine beschleunigte Inflation, schwierigere finanzielle Rahmenbedingungen und eine Verschlechterung des Geschäftsklimas hin.
„Diese Situation treibt die Kosten entlang globaler Wertschöpfungsketten in die Höhe, von der Agrar- und Lebensmittelindustrie über das verarbeitende Gewerbe bis hin zum Gesundheitswesen und zur Technologiebranche. Zudem verschärft sie den Druck auf energieintensive Sektoren wie Transport, Chemie und Metall. Die Kombination aus schwächerer Nachfrage, steigenden Inputkosten und angespannten Finanzbedingungen belastet Unternehmen mit schwacher Preissetzungsmacht, geringen Margen, hoher Verschuldung oder strukturell erhöhtem Betriebskapitalbedarf. Im Vergleich zu unserer Prognose vor der Krise wird der direkte Schaden des Nahostkonflikts weltweit 7.000 zusätzliche Unternehmensinsolvenzen für 2026 und 7.900 für 2027 bedeuten“, sagt Aylin Somersan Coqui, CEO von Allianz Trade.
Sollte die Straße von Hormus länger blockiert bleiben, könnten sich die Folgewirkungen durch eine anhaltende Unterbrechung der weltweiten Öl- und Gasversorgung sowie durch weitere Versorgungsengpässe bei Rohstoffen (Düngemittel, Helium) verstärken. In Verbindung mit steigender Inflation, sinkendem Vertrauen und geringerem Wachstum würde dies das Insolvenzrisiko noch weiter verschärfen.
„Eine anhaltende und weitreichende Eskalation würde dazu führen, dass die weltweiten Insolvenzen im Jahr 2026 um zehn Prozent und im Jahr 2027 um drei Prozent steigen. Dies würde im Zeitraum 2026-2027 rund 4.100 zusätzliche Insolvenzfälle in den USA und 10.500 in Westeuropa bedeuten“, sagt Maxime Lemerle, leitender Analyst für Insolvenzforschung bei Allianz Trade.
JOBS IN GEFAHR
Angesichts eines Anstiegs der weltweiten Unternehmensinsolvenzen um sechs Prozent im Jahr 2026 schätzt Allianz Trade, dass 2,2 Millionen Arbeitsplätze direkt gefährdet wären. Dies entspricht einem Anstieg um 94.000 im Vergleich zu 2025.
„Bauwesen, Einzelhandel und Dienstleistungen wären die am stärksten gefährdeten Sektoren“, sagt Lemerle. „Europa führt mit 1,3 Millionen potenziell betroffenen Jobs die weltweite Statistik an, 209.000 davon in Deutschland. Westeuropa (~960.000) und Nordamerika (~460.000) verzeichnen voraussichtlich beide ein 12-Jahres-Hoch. Insgesamt dürften die durch Unternehmensinsolvenzen gefährdeten Arbeitsplätze 6 % der Gesamtzahl der Arbeitslosen in den USA und Europa ausmachen.“

