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„80 Prozent unseres Portfolios folgt einem Modern Value-Ansatz“

April 2022
Anleger beschäftigen derzeit vor allem drei globale Risiken: Inflation, China und die Zinswende. Wie sind diese Risiken zu bewerten und welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Detaillierte Antworten gibt Heiko Böhmer auch mit Blick auf das Fondsmanagement der Shareholder Value Management AG. Seit wenigen Monaten unterstützt der 51-Jährige den Vermögensverwalter als Kapitalmarktstratege an der Seite des Vorstandsvorsitzenden Frank Fischer.
Shareholder Value Management AG
Heiko Böhmer, Shareholder Value Management AG

FONDS exklusiv: Die Inflation ist zurück. Innerhalb der Europäischen Union stiegen die Preise auf zuletzt 4,4 Prozent, in den USA kletterten sie auf 6,2 Prozent und damit so stark wie seit 31 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig bremsen Materialengpässe und Brüche in den Lieferketten das Wirtschaftswachstum. Werden uns diese Entwicklungen auch in 2022 begleiten?
Heiko Böhmer: Wir beobachten die Entwicklungen anhand verschiedener Indikatoren. Ein wichtiger ist die monatliche Umfrage der Bank of America unter globalen Fondsmanagern. Laut der November-Erhebung ist der Anteil jener, die den Inflationsanstieg für ein vorübergehendes Phänomen halten, von 58 auf 61 Prozent gestiegen. Der zuvor eingesetzte Wandel in der Bewertung, dass uns die hohe Inflation länger erhalten bleiben wird, hat sich damit ebenso wenig fortgesetzt, wie die zuletzt zunehmende Einschätzung, dass die Inflation derzeit das größte Risiko darstellt. Dennoch wird sie weiterhin von jedem dritten Fondsmanager als solches wahrgenommen.

Was bedeutet das mit Blick auf die Unternehmen?
H. B.: Neben den Angebotslücken infolge der angesprochenen Brüche in den Lieferketten, fallen besonders die Transportkosten ins Gewicht. Diese haben sich beispielsweise für Lieferungen von China nach Europa gegenüber dem Vor-Krisen-Niveau mehr als verfünffacht. Derartige Kostensteigerungen werden zwangsläufig in die Preiskalkulationen von Produkten einfließen, vorausgesetzt, die Unternehmen können den Preisanstieg tatsächlich weitergeben. Hinzu kommen Lohnerhöhungen, besonders in den USA, infolge des Arbeitskräftemangels in vielen Bereichen. Insgesamt sieht es daher eher danach aus, dass wir es hier mit einer längerfristigen Herausforderung zu tun haben, während die Wachstumsdynamik Anfang 2022 nachlassen wird.

Können die Portfolioschwergewichte, in die Shareholder Value investiert ist, diese Preissteigerungen an die Kunden weitergeben?
H. B.: Wir präferieren Unternehmen, die über eine Preissetzungsmacht und den sogenannten wirtschaftlichen Burggraben verfügen. Das gilt besonders für unsere Portfolioschwergewichte. Ein Beispiel ist der belgische Brauereikonzern Anheuser Busch InBev, die gemessen am Absatzvolumen größte Brauereigruppe der Welt. Entscheidend für ein Engagement ist aber nicht allein die Preissetzungsmacht, sondern dass es sich um einen Qualitätstitel mit durchgängig hoher Ertragskraft handelt, losgelöst von Konjunkturzyklen.

Als zweites globales Risiko gilt China und Evergrande. Der zweitgrößte chinesische Immobilienkonzern hat bereits zum dritten Mal einen Zahlungsausfall abwenden können. Ist die Gefahr globaler Verwerfungen, insbesondere auf den Immobilienmärkten, damit gebannt?
H. B.: Eine Ansteckungsgefahr für andere globale Immobilienmärkte sehen wir selbst bei einem Zahlungsausfall von Evergrande nicht. Denn es gibt kaum finanzielle Verflechtungen des Konzerns ins Ausland und die Immobilienmärkte in den USA und Europa sind deutlich finanzstärker. Aber der Blick auf China insgesamt fällt heute anders aus als früher. Die rasanten Wachstumsraten der Wirtschaft gehören der Vergangenheit an. Und die überraschend massiven staatlichen Regulierungen im Technologiesektor haben die Kurse einiger Unternehmen, besonders im Bildungsbereich, kräftig abstürzen lassen.

Sind Fonds von Shareholder Value davon betroffen?
H. B.: Wir sind auch mit dem Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen in den Techgrößen Tencent Holdings und Alibaba investiert, in letztere seit ihrem Börsengang. Manche Schwächephasen in diesem Jahr haben wir genutzt, um unsere Engagements auszubauen. Dennoch sind es mit Blick auf die Portfolios eher kleinere Positionen geblieben. Aufgrund der veränderten Bedingungen in China fühlen wir uns mit dem begrenzten Engagement sehr wohl.

Weltweit spitzt sich die Corona-Lage derzeit in vielen Regionen wieder zu. Steigt hiermit die Gefahr von Kurseinbrüchen an den Aktienmärkten?
H. B.: Wenn die Politik tiefgreifendere Maßnahmen beschließt, durch welche die wirtschaftlichen Aktivitäten stark heruntergefahren werden, könnten die bereits für das erste Halbjahr 2022 reduzierten Konjunkturaussichten noch stärker zurückgehen. Hierauf könnten die Börsen mit Kursabschlägen reagieren. Allerdings machen die höhere Impfquote und die Aussicht auf weitere Medikamente zur Behandlung von Covid-19 jetzt mehr Hoffnung als im letztjährigen Winter. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass die Aktienmärkte die Entwicklungen in 2022 weiter zurückhaltend begleiten werden, ähnlich wie bei den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen infolge des Brexits.

Was können Sie tun, um auf solche „grauen Schwäne“ rechtzeitig zu reagieren?
H. B.: Hierfür nutzen wir unter anderem unser hauseigenes Mr. Market Cockpit. Dieses Tool verknüpft und bewertet fünf Entscheidungssysteme für verschiedene Marktsegmente, die insbesondere auf Stimmungs- und Fundamentaldaten basieren. Das Mr. Market Cockpit liefert zwar keine Handlungsanweisung, hilft uns aber dabei, die Kapitalmärkte besser zu interpretieren und daraus ableitend die Aktienquote zu steuern. Das kann über den Verkauf von Titelpositionen, Absicherungen und den Erwerb von Goldpositionen geschehen. Letzteres haben wir jüngst, wie schon mal während der Corona-Krise, im Umfang von fünf Prozent getan.

Das dritte zentrale Risiko ist die Geldpolitik der Notenbanken. Die amerikanische FED hat jüngst angekündigt, mit dem Tapering zu beginnen. Steht am Ende dieser Maßnahmen der Einstieg in die Zinswende?
H. B.: Richtig, die FED will bei den Anleihenkäufen aber nicht auf die Bremse treten, sondern lediglich den Fuß vom Gas nehmen. Denn das Anleihekaufprogramm läuft weiter, nur in schrittweise verringertem Ausmaß. Und die eingangs erwähnte Umfrage unter globalen Fondsmanagern hat gezeigt, dass es hier nach dem alljährlichen Treffen der Notenbanker in Jackson Hole im Spätsommer einen Meinungswandel gegeben hat. Inzwischen erwarten bereits über 50 Prozent der Befragten spätestens im zweiten Halbjahr 2022 eine Zinserhöhung. Das ist ein starkes Signal. Dennoch kann sich die erwartete Zinswende weiter hinziehen. Doch sobald sie kommt, werden wir sicherlich kleine Zinsschritte sehen. Leitzinsen in Höhe von drei bis vier Prozent in den USA sind weiter nicht am Horizont zu erkennen.

Was bedeutet das für Aktienanleger mit Blick auf 2022?
H. B.: Der mögliche Druck von der Zinsfront wird nicht so groß werden, dass Aktien gegenüber Anleihen an Attraktivität verlieren. Vielmehr bleiben Aktien auch deshalb erste Wahl, weil die beschriebenen Preissteigerungsraten von vier bis fünf Prozent im Umfeld faktischer Nullzinsen zu einer hohen negativen Realrendite führen. Aktien sind also weiterhin alternativlos, allerdings sollte man vor dem Hintergrund steigender Volatilitäten die Absicherung nicht aus den Augen verlieren.

Bleibt abschließend die Frage an Sie als Value-Investor: Sind Value-Titel in 2022 die bessere Wahl?
H. B.: Eindeutig ja, sofern wir einen erweiterten Value-Ansatz verfolgen. Inzwischen sind rund 80 Prozent unserer Portfoliotitel diesem erweiterten Modern Value-Ansatz zuzuordnen. Vor Ausbruch der Corona-Krise waren es noch 60 Prozent. Unternehmensbeispiele sind die amerikanische Alphabet, ehemals Google, das Pharmaunternehmen Roche, der neuseeländische Pflegeanbieter Ryman Healthcare und der deutsche Cybersecurity-Spezialist secunet Security Networks, unsere größte Fondsposition im Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen. Diese Unternehmen verfügen nicht nur über sehr stabile Geschäftsmodelle und dauerhaft gefestigte Wettbewerbsvorteile, den sogenannten wirtschaftlichen Burggraben, sondern generieren auch ein stabiles Umsatz- und Gewinnwachstum. Das sind Unternehmen, die wir im Rahmen unseres Modern Value-Ansatzes suchen und für die wir auch bereit sind, einen etwas höheren Preis zu bezahlen, weil wir wissen, dass wir in wunderbare Unternehmen investieren, die in den nächsten fünf bis zehn Jahren überdurchschnittliche Erträge liefern – und das spiegelt sich auf kurz oder lang in steigenden Aktienkursen wider.

ZUR PERSON:
Heiko Böhmer verfügt über mehr als 20 Jahre Finanzmarkterfahrung und arbeitet seit 1. September 2021 als Kapitalmarktstratege bei der Shareholder Value Management AG. Dort hat er besonders die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen Entwicklungen und Anlagetrends im Blick. Zuvor war der 51-Jährige über 15 Jahre als Finanzredakteur für zahlreiche Publikationen im Börsenbereich tätig und hat seit 2019 den erfolgreichen YouTube-Kanal „Du kannst Börse“ mit aufgebaut.