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04.06.2019

"Das erinnert an den Baron Münchhausen"

Sind die Rezessionsängste berechtigt und wie wirken sie sich auf die Geldpolitik aus? Das war die Hauptfrage, der Marc Brütsch, Chefökonom von Swiss Life Asset Managers, bei seinem Besuch in Wien nachgegangen ist.

"Wir blicken auf eine verlorenes Jahrzehnt zurück, besonders trifft das auf das Beispiel Italien", begann er seine Analyse vor Medienvertretern. "Würde man das Trendwachstum zwischen 1998 und 2008 nach 2010 weiter verlängern, sehen wir, dass heute 20 Prozent dieses potenziellen Bruttoinlandsprodukts fehlen. Bei diesem Szenario würde die Staatsschuldenquote bei 100 Prozent statt bei 132 Prozent liegen.“ Ganz anders verhält es sich in Deutschland, wo das BIP bis heute um 11 Prozent über dem erwartbaren Trend liegt. Somit sei die größte Volkswirtschaft der Europäischen Union ein Art "Krisengewinner", der stark von den niedrigen Zinsen auf die Staatsanleihen profitiert.

Wie die hohe Staatsverschuldung und damit das Rezessionsrisiko in Teilen Europas wieder abgebaut werden kann, hängt vom politischen Willen ab. Die Austeritätspolitik, also das Sparen, und die Schuldenschnitte wurde in Südeuropa bereits stark ausgereizt. Am ehesten durchsetzbar ist für Brütsch noch die finanzielle Depression, also das Aufkaufen von Staatsanleihen und die Zinssenkungen der Notenbanken, wie sie in Europa derzeit passiert. Basierend auf historisch ähnlichen Phasen, geht der Chefökonom von einer 20-jährigen Dauer aus, beginnend mit 2009. Das bedeutet auch für Österreich negative Realzinsen im kommenden Jahrzehnt. Gleichzeitig begünstigen Staaten wie Italien den Abschluss von Lebensversicherungen steuerlich, die Versicherer wiederum sind regulativ verpflichtet die Staatsanleihen zu kaufen. „Das erinnert mich sehr an den Baron von Münchhausen“, resümiert Brütsch. Für die US-Wirtschaft sieht er in der aktuellen Zinsentwicklung noch keinen verlässlichen Indikator für eine bevorstehende Rezession. Die Normalisierung der Zinsen durch die Fed habe jedenfalls ein Ende.

Zum Abschluss seines Referats machte Brütsch noch einen Ausblick zum BIP-Wachstum der EU sowie der Zinsentwicklung. Swiss Life erwartet aktuell ein BIP-Wachstum von 1,5 bis 1,6 Prozent für das Jahr 2019. Zusätzlich gehe man davon aus, dass die EZB langsam aber sicher ihre Bilanz verkleinern wird. Allerdings erwartet Swiss Life, dass die Zinswende im Euroraum erst im Jahr 2020 kommt.

 

 

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