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16.01.2020

Warum Anleger auf Asiens Aufschwung schauen sollten

Der Wirtschaftsboom in den Emerging Markets hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Fahrt gewonnen. Vor allem Asiens eindrucksvolle Aufholjagd gegenüber den entwickelten Märkten sticht hervor. Was hinter dem Erfolgsrezept steckt und worauf Anleger in der Region achten müssen, erklären ausgewählte Asienexperten.

von Raja Korinek

Foto: AdobeStock

Auf den ersten Blick zeichnet Asiens Wirtschaft ein weniger rosiges Bild als noch vor einigen Jahren. Vor allem Chinas Konjunkturmotor – die wichtigste Lokomotive in der Region - scheint ein wenig ins Stocken zu geraten. Im Oktober wuchs etwa die Industrieproduktion um nur 4,6 Prozent im Jahresvergleich. Erwartet wurden gut 5,4 Prozent. Auch das BIP stieg zuletzt um nur sechs Prozent, und lag damit am unteren Ende der Bandbreite, die von der Regierung für heuer vorgegeben wurde. Tilmann Galler, globaler Marktstratege bei JP Morgan Asset Management, kennt die Ursachen, zu denen er etwa den anhaltenden Handelskrieg mit den USA zählt. Allerdings zieht auch Chinas Regierung ihre Bemühungen, den wachsenden Schuldenberg im Land einzudämmen und die Binnenwirtschaft weiter zu stärken, hartnäckig durch. Galler glaubt jedenfalls nicht an eine wirtschaftlich harte Landung Chinas. „Das Reich der Mitte hat noch reichlich Spielraum für weitere Zinssenkungen, um gegenzusteuern“, sagt der langjährige Marktkenner. Tatsächlich hat die PBOC erst Mitte November davon Gebrauch gemacht, da senkte sie den Zinssatz für kurzfristige Kredite von 2,55 auf 2,50 Prozent. Auch in anderen asiatischen Ländern wurde heuer der Leitzins gesenkt, zeigt Toby Hudson, Fondsmanager des Schroder ISF Asian Opportunities Fund, auf. Der Grund? Der liegt in der rückläufigen Inflation sowie dem schwächeren Konsumsektor.

Urbanisierung als Motor

Doch mittelfristig spreche einiges für Asien, weshalb man vor allem die Region unter sämtlichen Schwellenländern gut im Auge behalten sollte, findet Galler, und verweist auf zahlreiche Trends, die das Umfeld positiv prägen. Immerhin ziehen immer mehr Menschen in die Städte, wobei die Urbanisierung vor allem in Ländern wie etwa China, Thailand, Indien aber auch Indonesien stattfindet.

Und weil es in den Städten meist auch die besser bezahlten Jobs als am Land gibt, dürfte das BIP pro Kopf, somit auch der Wohlstand, ebenso wachsen. Schon jetzt lohnt ein Blick auf die Zahlen. Trotz des zuletzt verlangsamten Wachstums im Reich der Mitte macht etwa Chinas Wirtschaftsleistung bereits einen Anteil am globalen BIP von rund 15 Prozent aus. Galler von JP Morgan Asset Management ist überzeugt: „Der Anteil wird in rund zehn Jahren jenen der USA einholen“. Auch weitere Zahlen verdeutlichen die positive Entwicklung. So erzielen Asiens Unternehmen (ohne Japan) inzwischen 30 Prozent der weltweiten Unternehmensumsätze. Noch vor rund zwanzig Jahren lag die Zahl bei vier Prozent.

Handel in Asien wächst

Der Aufwärtstrend liegt freilich teils auch am wachsenden innerasiatischen Handel – und zwar auch mit Japan sowie Australien, die als entwickelte Länder oftmals separat betrachtet werden. Doch viele Asien-experten tun dies nicht mehr. Dale Nicholls, Fondsmanager des Fidelity Funds-Pacific Fund, sagt: „Noch bis vor zehn Jahren war Japans Exportwirtschaft vor allem auf die Märkte in den USA und in Europa fokussiert. Heute verschiebt sich der Schwerpunkt zugunsten Chinas und anderen asiatischen Märkten, die ein signifikant höheres Wachstumspotential aufweisen.“ Und das wird schon jetzt reichlich genutzt, was sich auch im MSCI Emerging Markets widerspiegelt. Dort hat in den vergangenen Jahren eine wahre kontinentale Verschiebung stattgefunden. Ende Juni 2008 waren im MSCI Emerging Markets Index die größten Titel Rohstoffaktien aus Brasilien und aus Russland. Inzwischen stammen die Top-Zehn-Aktien aus Asien, allen voran aus China.

Doch wo wird Fidelity-Experte Nicholls konkret fündig? Fast ein Viertel des Fondsvermögens entfällt auf chinesische Titel, etwa mit dem Onlinehändler Alibaba – der jüngst ein Zweitlisting in Hongkong durchgeführt hat – sowie mit dem Internetkonzern Tencent. Ihm gefällt nämlich das strukturelle Wachstum in China gut. Das werde etwa von der wachsenden Mittelschicht, dem Wandel im Konsumverhalten, aber auch von der steigenden Internetnutzung und dem wachsenden E-Kommerz geprägt. Auch Versicherer wie AIA und China Pacific Insurance zählen zu den größten Positionen. Schließlich gibt es noch großen Aufholbedarf an Versicherungsschutz, davon profitiert vor allem letzterer Konzern. Zudem verbessere die teilstaatliche China Pacific Group zunehmend ihre betriebliche Effizienz. AIA ist hingegen der größte private Versicherer in Asien. Der Konzern sei in China gut aufgestellt, weiteres Wachstum wird AIA zugetraut.

Japan und Australien im Fokus

Regional reihen sich Japan und Australien gleich auf Platz zwei und drei. So investiert Nicholls etwa auch in Lynas Corporation, einem australischen Hersteller von Seltenen Erden. Deren Minen wiesen ein langes Leben auf, das Minen-Output sei von hoher Qualität. Und das ist auch gut so. Denn Seltene Erden werden zunehmend gefragt, etwa bei der Energiespeicherung oder für Mobiltelefone. Doch auch in Ländern wie Südkorea, Taiwan oder Indien wird Nicholls fündig. Insgesamt achtet er darauf, dass Unternehmen einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil aufweisen. Solche sucht der Fondmanager vor allem im Segment der kleinen und mittelgroßen Firmen, deren potenzieller Wert vom Markt noch nicht richtig erkannt worden ist. Auch im JPMorgan Funds - Pacific Equity Fund ist Japan enthalten und macht mit rund 34 Prozent sogar den größten Anteil aus. Dazu zählen Investments etwa in Keyence Corporation, einem weltweit operierenden Anbieter von Komponenten für die Automatisierungstechnik, der auch in China gutes Geld verdient. Recruit Holdings profitiert wiederum als Personalfirma vom schrumpfenden Pool an erwerbstätigen Menschen in Japan, weshalb immer mehr Unternehmen händeringend qualifiziertes Personal suchen. Chinas Anteil ist mit 18 Prozent hingegen ein gutes Stück geringer als im Fidelity Fonds. Auch hier spielen unter anderem Versicherer wie AIA und Ping An Insurance eine große Rolle. Und in Indien wird man etwa bei der HDFC Bank fündig.

Ohne Japan geht es auch

Doch auch Anleger, die nur in Asien – ohne Japan – investieren wollen, können dies etwa mit dem Schroder ISF Asian Opportunities Fund tun. Darin entfällt gut die Hälfte des Fonds auf chinesische Aktien, inklusive jener in Hongkong. Bei den Branchen gibt es hingegen ein knappes Rennen. Nebst Finanzwerte sind auch Aktien aus den Bereichen Informationstechnologie und Nicht-Basiskonsumgüter jeweils zu rund zwanzig Prozent gewichtet. Dazu zählen etwa der Halbleiterhersteller TSMC aus Taiwan, Samsung Electronics aus Südkorea und Alibaba. Dabei konnte allein im Oktober vor allem Taiwans Aktienmarkt zulegen, blickt Fondsmanager Hudson auf das Geschehen zurück. Grund waren das Kursplus bei Technologieaktien, denn hier wurden die Gewinnerwartungen nach oben geschraubt. Thailand war hingegen der einzige regionale Markt, der in dem Zeitraum ins Minus rutschte, konstatiert Hudson. Schließlich enttäuschten die Wirtschaftsdaten. Im dritten Quartal verlangsamte sich das BIP auf 2,3 Prozent.

Insgesamt aber bleiben die Aussichten für Asien durchaus intakt. Mögliche Risiken sollte man dennoch beachten, zu denen etwa ein weiteres Aufschaukeln des US-Handelskriegs mit China zählt. Aber auch eine Abkehr der jüngsten Niedrigzinspolitik der US-Notenbank könnte die Märkte belasten. Dann könnten wieder Sorgen aufkeimen, dass der nächste Schritt nach oben wäre. Das würde Dollarschulden der Emerging Markets verteuern, vor allem aber US-Investments wieder verstärkt in den Fokus rücken.