Inhalt | Print-Ausgabe 04/2017
21.12.2017

Vor allem Riester- und Betriebsrente sichern

Private Vorsorge bleibt unverzichtbar. Denn nur mit betrieblicher Altersvorsorge (bAV) und Riester-Rente lässt sich der Lebensstandard im Alter zumeist sichern. Dies gilt jedoch nicht für jede Altersklasse und Region Deutschlands. Dies zeigen die Ergebnisse des aktuellen Vorsorgeatlas im Auftrag von Union Investment.

von Kay Schelauske

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Die "2. Schicht" des deutschen Rentensystems spielt zusehends die „erste Geige“. Gemeint sind die betriebliche Altersvorsorge (bAV) und die Riester-Rente. Beide Bereiche werden durch den Gesetzgeber im Zuge des Betriebsrenten- stärkungsgesetzes (BRSG) besonders gefördert. Die Politik setzt damit zwar die richtigen Schwer- punkte, doch wie viel kann mit der zusätzlichen Vorsorge erreicht werden? Antworten gibt der jüngst veröffentlichte "Vorsorgeatlas Deutschland 2017“. Das Forschungszentrum Generationenverträge der Universität Freiburg hat die Studie unter Leitung von Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen im Auftrag von Union Investment erstellt.

Die erfreuliche Nachricht: Wer Leistungen aus der zweiten Schicht nutzt, kann im Zusammenspiel mit der ersten Schicht – also der gesetzlichen Altersrente – zumeist seinen Lebensstandard im Alter sichern. Denn im Durchschnitt liegt die Ersatzquote bei 61,8 Prozent und damit deutlich über der 60 Prozent-Marke, die hierfür laut Verfasser zumindest erreicht werden muss. Kurz zur Erklärung: Die Ersatzquote gibt die Höhe des monatlichen Alterseinkommens zum Rentenbeginn im Verhältnis zum letzten Bruttoeinkommen wieder. Bemerkenswert: Selbst die junge Generation, die besonders von den Rentenreformen der Vergangenheit betroffen ist, erzielt zusammen aus beiden Schichten im Durchschnitt bereits eine Quote von 55 Prozent – und muss somit nur noch wenig privat vorsorgen, um sich ihren Lebensstandard im Alter zu sichern. Die Riester-Rente ist mit über 16 Mil- lionen Verträgen in der zweiten Schicht am weitesten verbreitet. Laut Vorsorgeatlas haben 44 Prozent der Förderberechtigten einen Vertrag und können damit die gesetzlichen Renten- ansprüche um 10,6 Prozent des Einkommens ergänzen. Auf Basis derzeiti- ger Sparraten werden sie somit durchschnittlich 290 Euro im Monat zusätzlich zur Altersrente erhalten.

Während bei der Riester-Rente über die Zulagen besonders Familien und Geringverdiener und über den Steuer-vorteil Menschen mit höheren Einkommen profitieren, greift bei der bAV vorwiegend die steuerliche Förderung. Vor allem aber ist die bAV untrennbar mit einem Arbeitsverhältnis verbunden. „Es besteht zwar ein gesetzlicher Anspruch in Form von Entgeltumwandlung – ob der Arbeitgeber diese aktiv anbietet oder sich an den Beiträgen beteiligt, bleibt jedoch ihm überlassen“, sagt Raffelhüschen. Insgesamt verfügen 16,2 Prozent oder etwa acht Millionen Bundesbürger im Alter von 20 bis 65 Jahren über bAV-Ansprüche.

Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen, dass die bAV überwiegend von größeren Unternehmen mit entsprechend hohem Lohnniveau aktiv angeboten und in Form von Arbeitgeberbeiträgen gefördert wird: Während bei den Menschen mit einem monatlichen Einkommen von mehr als 2000 Euro rund jeder Dritte Beschäftigte eine betriebliche Absicherung hat, ist es in der Einkommensgruppe von 1100 Euro bis 2000 Euro nur gut jeder Fünfte. Bei einem noch geringeren monatlichen Verdienst sind es gar nur noch 5,4 Prozent. Immerhin fallen die Ersatzquoten hier mit 29 Prozent höher aus als bei den oberen Einkommensklassen, wo die bAV im Durchschnitt gerade einmal 13 Prozent des Bruttoeinkommens ersetzt. Besonders im Osten Deutschlands wird eine betriebliche Altersvorsorge nur selten abgeschlossen und dazu nicht voll ausgeschöpft. Folgerichtig soll das Sozial- oder Tarifpartnermodell als Kernstück des BRSG vor allem die bAV-Verbreitung im Mittelstand erhöhen. Nun kommt es darauf an, ob die nicht tarifgebundenen klein- und mittelständischen Unternehmen von den Vorteilen und Möglichkeiten überzeugt werden können. Schließlich bleibt es ihnen freigestellt, ob sie eine bAV im Unternehmen etablieren wollen.

Dass sich eine bAV lohnt, zeigt der Vorsorgeatlas: Bundesweit können Beschäftigte mit ihren bAV-Ansprüchen durchschnittlich 14,9 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens ersetzen. Jedoch gibt es regionale Unterschiede: Während die Ersatzquoten in Westdeutschland durchgängig bei mindestens 15 Prozent liegen, erreichen sie im Osten nur einen Durchschnittswert von 11,3 Prozent. Die geringste Ersatzquote haben die Erwerbstätigen mit zehn Prozent in weiten Teilen Sachsen-Anhalts. In absoluten Beträgen bedeutet das: Die Bundesbürger können zum Rentenbeginn mit Betriebsrenten von durchschnittlich 575 Euro rechnen. Im Westen der Bundesrepublik sind es 608 Euro, im Osten 379 Euro. In vielen Regionen Ostdeutschlands kommen die bAV-Ansprüche nicht über Beträge von 367 Euro hinaus. Zusammengefasst benötigen vor allem junge Menschen sowie im Osten der Bundesrepublik beheimatete Bürger eine ergänzende private Vorsorge, also die sogenannte dritte Schicht. Gleiches gilt zudem für Erwerbstätige mit höheren Gehältern, da Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze nicht zu entsprechend steigenden gesetzlichen Rentenansprüchen führen. Die Menschen, die über Geld- und Immobilienvermögen verfügen, können laut Vorsorgeatlas damit im Durchschnitt ein Viertel des Einkommens zu Beginn des Ruhestands ersetzen. Bei Renteneintritt können sie auf ein monatliches Alterseinkommen in Höhe von durchschnittlich 459 Euro zurückgreifen, berechnet auf der Basis eines vollständigen Kapitalverzehrs bis zum Lebensende.

Dieser Durchschnittswert verschleiert aber, dass die Vermögenswerte vielfach, gerade in Ostdeutschland, geringer ausfallen. Dort betragen die durchschnittlichen Ansprüche aus Geld- und Immobilienvermögen nur 257 Euro gegenüber 500 Euro im Westen. Das ist fast doppelt so viel und zeigt, wie ungleich die Vermögen in Deutschland verteilt sind – selbst 27 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung. „Trotzdem ist es wichtig, dass die Möglichkeiten, insbesondere der privaten Vorsorge, genutzt werden. Denn wer das beherzigt, ist im Alter gut versorgt“, betont Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment. Vielfach reichen nämlich bAV und Riester-Rente zur Sicherung des Lebensstandards. Wer darüber hinaus noch zusätzlich privat vorsorgt, kann zum Rentenbeginn auf rund 83 Prozent seines letzten Einkommens zurückgreifen. „Die Zahlen belegen die Stabilität des Vorsorgesystems über drei Schichten. Grundlegende Veränderungen sind nicht erforderlich“, resümiert Raffelhüschen. Nach Einschätzung der Studienverfasser wird das Vorsorgesystem somit auch in der Zukunft funktionieren.