Inhalt | Print-Ausgabe 03/2020
08.10.2020

Verhindert Corona die Klimarettung?

In Zeiten der Corona-Krise kann der blaue Planet durchatmen. Aber der wirtschaftliche Einbruch wird bisher nicht genutzt, um einen „grünen Strukturwandel“ zu organisieren. Gegen den Trend schafft die Europäische Union mit ihrem „Green Deal“ Fakten. Eine Taxonomie soll Milliarden-Investitionen in nachhaltige Bahnen lenken. Die Leitplanken sind umstritten. Klar ist aber: ESG-Investments lohnen sich auch in Krisenzeiten.

von Kay Schelauske

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Der geringere Anstieg von CO2-Emissionen gibt Anlass zur Hoffnung, dass sich der Trend stabilisieren wird und ein Rückgang am Horizont erkennbar ist“, bewerten die Vereinten Nationen die letztjährigen Entwicklungen in ihrem Bericht „United in Science 2020“. Demnach übertrafen die globalen CO2-Emissionen bei Rekordwerten von 36,7 Gigatonnen nur geringfügig das Niveau des Vorjahres. So ist der Anstieg der CO2-Emissionen von jährlich drei Prozent in den 2000er-Jahren auf jährlich ein Prozent in der letzten Dekade zurückgegangen. Dann begann sich im März 2020 das Corona-Virus SARS-CoV-2 über den Globus auszubreiten und veranlasste Regierungen weltweit das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben quasi komplett herunterzufahren – ein Segen für das Klima?

Die Daten der Vereinten Nationen bestätigen das, was einen der gesunde Menschenverstand erahnen lässt: Der weltweite „Lockdown“ im frühen April 2020 hat den Ausstoß von CO2-Emissionen um 17 Prozent gedrosselt. Die Wissenschaftler führen das maßgeblich auf die Einbrüche beim Land- und Seeverkehr, vornehmlich Transporten auf der Straße, zurück, gefolgt von Rückgängen in der Industrie, dem Energiesektor, der Luftfahrt, öffentliche Einrichtungen und dem Handel. (siehe Schaubild auf Seite 14). „Die von den Regierungen weltweit beschlossenen Pandemiemaßnahmen hatten erheblichen Einfluss auf die Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre: Weniger Konsum, weniger Produktion, mehr Homeoffice, eingeschränkter Flugverkehr und somit sinkende C02-Emissionen weltweit“, bestätigt Angela McClellan, Geschäftsführerin des Forums für Nachhaltige Geldanlagen (FNG), dem Fachverband für den DACH-Raum. Der Energiebedarf ist beispiellos gesunken, aber eben nur temporär, ergänzt McClellan: „Denn die Veränderungen haben noch nicht die strukturellen Änderungen hervorgerufen, die dringend notwendig sind“.

Umdenken? Fehlanzeige!

Da der pandemiebedingte Emissionsrückgang nicht gewollt, sondern durch eine Verringerung der Wirtschaftätigkeit erzwungen wurde, hat sie allenthalben Schmerzen verursacht und soll nun schnell überwunden werden, bewertet R. Andreas Kraemer die Lage. „Die Pandemiebekämpfung hat bisher gerade keinen Strukturwandel und keine technische Erneuerung gebracht und sie hat bei nur sehr wenigen Menschen zu einem Umdenken geführt“, betont der Umweltingenieur und Gründer des Ecologic Instituts, einem Think Tank für internationale und europäische Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik. Die Folge: Sobald die Restriktionen weiter gelockert werden, komme nach längerem Reisefrust wieder Reiselust auf und hohe Kapitalbeträge, die nicht ausgegeben wurden, dürften nun, so Kraemer, zu einem Kaufrausch führen. „In Anfängen ist das schon zu erkennen und die Emissionen steigen dann schnell wieder an“, sagt er.

Tatsächlich verringerte sich bereits Anfang Juni 2020 der Rückgang bei den CO2-Emissionen im Vergleich zum Vorjahr auf nur noch fünf Prozent, bei einer Spanne zwischen einem und acht Prozent. Je nach Pandemieverlauf rechnen die Vereinten Nationen nun für das Gesamtjahr mit einer Reduktion der CO2-Emissionen in einer Spanne zwischen vier und sieben Prozent. Gleichzeitig resümieren die Studienverfasser: „Die Spanne der Emissions-reduzierungen stimmt nahezu mit unseren Prognosen für 2020 überein, die benötigt werden, um die globale Erderwärmung – in Übereinstimmung mit den Pariser Klimazielen – unter 1,5 Grad Celsius bzw. deutlich unter zwei Grad Celsius zu halten.“

 

Grafik - PANDEMIEAUSBRUCH DRÜCKT GLOBALE CO2-EMISSIONEN

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Wie wichtig der Kampf gegen die Klimakrise auch in Pandemiezeiten ist, unterstreicht eine aktuelle Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Mercator Research Institute for Global Commons and Climate Change (MCC). Keine Frage, es kommen zwar oft neue Studien zu Klimafragen heraus. Das besondere an dieser ist jedoch, dass sie auf Klima- und Wirtschaftsdaten für 1500 Regionen in 77 Staaten der Welt basieren, die für einige Regionen bis zu hundert Jahre zurückreichen.

Frühere Forschungsarbeiten legten nahe, dass ein um ein Grad Celsius heißeres Jahr die Wirtschaftsleistung um etwa ein Prozent reduziert, erläutern die Forscher und stellen fest: „Die neue Analyse deutet auf Produktionsverluste hin, die in warmen Regionen bis zu dreimal so hoch sind.“ Indem diese Zahlen als Maßstab für die Berechnung künftiger Schäden durch weitere Treibhausgasemissionen verwendet wurden, stellen die Forscher erhebliche wirtschaftliche Verluste fest: zehn Prozent im globalen Durchschnitt und mehr als zwanzig Prozent in den Tropen bis 2100. „Klimaschäden treffen unsere Unternehmen und Arbeitsplätze, nicht nur Eisbären und Korallenriffe“, sagt die PIK-Studienautorin Leonie Wenz und ergänzt: „Steigende Temperaturen machen uns weniger produktiv, was insbesondere für draußen arbeitende Menschen in der Bauindustrie oder der Landwirtschaft relevant ist. Sie betreffen unsere Ernten und bedeuten zusätzliche Belastungen und damit Kosten für unsere Infrastruktur, weil zum Beispiel Rechenzentren gekühlt werden müssen.“ Laut Studie wird jede Tonne CO2, die in diesem Jahr emittiert wird, einen wirtschaftlichen Schaden verursachen, der bei den Preisen von 2010 zu Kosten zwischen 73 und 142 Dollar führt. „Bis 2030 werden die sogenannten sozialen Kosten von Kohlenstoff aufgrund steigender Temperaturen bereits um fast 30 Prozent höher sein“, mahnen die Forscher und verweisen auf Europa: Der Kohlenstoffpreis im europäischen Emissionshandel schwanke derzeit zwischen 20 und 30 Euro pro Tonne; in Deutschland klettere er von 25 Euro im nächsten Jahr auf 55 Euro im Jahr 2025.

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