Inhalt | Print-Ausgabe 03/2016
12.10.2016

Schlechte Stimmung, gute Chancen

Amerika hui, Europa pfui. Internationale Investoren finden schon seit Längerem Gründe, Aktien lieber in den USA zu kaufen als in Europa. Der überraschende Ausgang des Referendums zum Austritt Großbritanniens aus der EU („Brexit“) hat einen weiteren Grund geliefert. Sind die Perspektiven europäischer Aktien wirklich so viel schlechter? 

von Dirk Arning, Drescher & Cie

Fotolia.de

Als am Morgen des 24. Juni die Nachrichten verkündeten, dass bei der Abstimmung in Großbritannien am Tag zuvor eine knappe Mehrheit dafür gestimmt hatte, die Europäische Union (EU) zu verlassen, schockierte dies auch die Finanzmärkte. Es waren allerdings weniger die Auswirkungen auf Großbritannien selbst als die Fragen nach dem politischen Zusammenhalt der gesamten EU, die zu Kurseinbrüchen an den Kapitalmärkten führten. Die höchsten Kursverluste gab es folgerichtig bei den wirtschaftlich schwächeren EU-Mitgliedern, den Mittelmeer-Anrainern Spanien, Italien und Griechenland. Und es traf Finanzwerte, deren Geschäfte stärker als bei Unternehmen der Realwirtschaft auf die länderübergreifende Stabilität in Europa angewiesen sind. Die Zins- und Rentenmärkte reagierten wie so oft in den vergangenen Jahren: Eine Flucht in vermeintlich sichere „Häfen“ ließ die Kurse von Staatsanleihen hoher Bonität noch weiter steigen und die Erwartung einer weiterhin sehr lockeren Geldpolitik wurde eingepreist. Dass die Bank of England der Schwächung der eigenen Volkswirtschaft mit einer Leitzinssenkung entgegentreten würde, galt als ausgemachte Sache und bescherte ausgerechnet dem britischen Aktienmarkt im europäischen Vergleich der nationalen Standard­indizes relative Stärke.

 

Der Brexit

 

Das Referendum Ende Juni hat formal noch keine Wirkung auf den Status Großbritanniens. Rechtlich könnte sich die Regierung in London sogar darüber hinwegsetzen; politisch wird das Votum aber mehrheitlich als bindend angesehen. Allerdings möchte sich Großbritannien mit dem offiziellen Austrittswunsch an die EU Zeit lassen und schon vorher Regelungen für die Zeit danach treffen. Erst mit der offiziellen Austrittserklärung gegenüber der EU würde eine Periode von zwei Jahren beginnen, in der die Entflechtung im Detail geregelt und vollzogen würde. Artikel 50 sieht für diese Phase auch die Möglichkeit einer Verlängerung vor. Weil erst mit Abschluss dieser Übergangsphase der Austritt rechtlich vollzogen würde, hätte Großbritannien solange weiter im EU-Rat alle Rechte eines Mitgliedslandes.

 

London hat mit Blick auf seine eigene Verhandlungsposition also kein Interesse an einem raschen Austritt. Durch den Vollzug des EU-Austritts verlöre Großbritannien auch die Vorteile aus rund 50 EU-Freihandelsverträgen mit Drittstaaten. Diese müssen bilateral neu verhandelt werden. Darunter sind auch Vereinbarungen mit den USA. Und die Bereitschaft der USA zu bilateralen Zugeständnissen dürften angesichts scheiternder TIPP-Verhandlungen mit Europa begrenzt sein. US-Präsident Barack Obama kündigte schon früh an, dass sich die Briten bei bilateralen Neuverhandlungen „hinten anstellen müssten“.

 

Entgegen der Selbstwahrnehmung vieler Briten ist das heutige Großbritannien keine Weltmacht mehr. Die EU mit 27 verbleibenden Staaten hat in internationalen Verhandlungen ein ungleich größeres Gewicht.

 

Die Vereinbarungen Dritten gegenüber sind schon wichtig, aber noch entscheidender für Großbritannien ist, wie sein Zugang zum EU-Binnenmarkt in Zukunft aussehen wird. Großbritanniens Exporte gehen zu 44 Prozent in EU-Staaten. Würden sie mit hohen Zöllen belegt, würde die Wirtschaft auf der Insel eine Rezession erleben. Vorbild für einen weitgehend freien Zugang zum Binnenmarkt könnten die Arrangements der EU mit Schweiz und Norwegen sein.

 

Aufgrund deren geografischer Lage führt wirtschaftlich fast kein Weg an der EU vorbei. Im Falle der Schweiz ist das sogar wörtlich zu nehmen. Die EU hat weitreichenden Freihandel im Warenverkehr mit Dienstleistungsfreiheit und Freizügigkeit im grenzüberschreitenden Personenverkehr verknüpft und wird wohl auch London gegenüber von dieser Koppelung nicht abweichen. Insbesondere die Freizügigkeit bei der Arbeitsplatzwahl innerhalb der EU war aber ein Argument der Brexit-Befürworter. Gerade der Finanzplatz London lebt von seiner Internationalität und Weltoffenheit. Er ist bislang einer der wichtigsten Finanzmärkte der Welt und trägt entscheidend zum Wohlstand ganz Großbritanniens bei. Alleine in London hängen 1,5 Millionen Jobs von Finanzgeschäften ab.

 

Angesichts des Brexit-Beschlusses denken jetzt viele internationale Großbanken wie Goldman Sachs, Credit Suisse, ING oder Société Générale über eine Verlagerung ihres Geschäftssitzes in die Eurozone nach, darunter die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA. Für Großbanken macht es wenig Sinn, sich an einem international isolierten Standort zu engagieren, der außerhalb des wichtigen Binnenmarktes liegt. Bislang weist Großbritannien einen hohen Überschuss bei Finanzdienstleistungen mit dem Rest der EU auf. Der Wunsch, den Finanzplatz London möglichst wenig unter dem EU-Austritt leiden zu lassen, dürfte die Verhandlungsposi­tion der Briten erheblich schwächen.

 

Zudem würden viele laufende Projekte auf der Insel in Schwierigkeiten geraten, wenn EU-Zahlungen plötzlich wegfielen. Umgekehrt müssten die EU-Staaten klären, wie die Lücke im EU-Haushalt durch den Wegfall der britischen Beiträge geschlossen werden kann. Rund die Hälfte der britischen EU-Beiträge fließt über Agrar-Zahlungen und von der EU finanzierte Projekte direkt nach Großbritannien zurück. Und gemessen am Bruttoinlandsprodukt stehen die Briten lediglich an Nummer zehn der Nettozahler-Länder in der EU. Der indirekte Nutzen aus der EU-Mitgliedschaft, insbesondere die Integration in den Binnenmarkt, lässt sich dagegen kaum beziffern. Vertreter der Kampagne „Britain stronger in Europe“ gehen davon aus, dass für jedes Pfund, das Großbritannien nach Brüssel zahlt, zehn Pfund ins Land zurückkommen.

 

Weil Großbritannien den Zugang zum EU-Binnenmarkt auch in den Augen der Brexit-Befürworter braucht, wird das Land bei seinen Ausfuhren auf den Kontinent auch künftig die Regeln und Vorschriften der heftig kritisierten Brüsseler EU-Bürokratie anwenden müssen. Die Möglichkeiten, diese Regeln und Verordnungen aber selbst stärker zu beeinflussen und mitzugestalten, verliert Großbritannien mit seinem EU-Austritt.

 

Sollte sich die EU mit ihren Vorstellungen durchsetzen, würde ein EU-Austritt nicht viel ändern. Weil Großbritannien der Vereinbarung von Schengen nicht beigetreten ist, kontrolliert es an seiner Grenze ohnehin jeden, der ins Land kommt. EU-Bürger dürfen die Briten jedoch nicht abweisen und ihnen auch nicht verbieten, sich dauerhaft im Land niederzulassen. Während an den Stammtischen über die Belastung des britischen Sozialsystems, der Gehälter, des Bildungssystems, des Gesundheitswesens und der Infrastruktur geklagt wurde, dürfte die Volkswirtschaft in Wahrheit von der Zuwanderung profitiert haben, denn in Großbritannien herrscht die niedrigste Arbeitslosigkeit seit Mitte 2008 (Quote 5,4 %) und die höchste Beschäftigung (über 31 Mio.) seit Jahrzehnten. Die Zuwanderer aus der EU zahlen netto mehr Steuern und Sozialabgaben, als sie kosten. Nach Angaben des britischen Innenministeriums wurde 2015 bereits jeder siebte neue Betrieb von einem Migranten gegründet, die damit für 14 Prozent aller neuen Stellen verantwortlich seien.

 

Chancen besser als Stimmung

 

Das Brexit-Votum belastet das Vertrauen internationaler Anleger in ganz Europa. Ein Zerfall der Europäischen Union zählt für internationale Fondsmanager aktuell zu den größten Risiken für ihre Investments. Das Brexit-Votum Ende Juni hat die Risikowahrnehmung und damit die eingepreisten Risikoprämien für europäische Aktien noch einmal erhöht. Das höhere Risiko begründet einen Abschlag auf die Bewertung der Aktien gegenüber dem rein betriebswirtschaftlichen Wert.

 

 

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Print-Ausgabe 03/2016.