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30.01.2020

„Notenbanken als Klimaretter?“

Anleger sind 2020 gut beraten, vor allem auf die Geldpolitik und die Kapitalströme zu achten, sagt Alois Wögerbauer. Im Interview setzt sich der Fondsmanager und Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment-Gesellschaft mit der künftigen Rolle der Notenbanken auseinander und erläutert, warum weder die Entwicklung der Weltwirtschaft noch die Aktienbewertungen richtungsweisend für die Börsen sein werden.

von Wolfgang Regner

Alois Wögerbauer, 3 Banken-Generali Investment-Gesellschaft

Alois Wögerbauer, 3 Banken-Generali Investment-Gesellschaft

3 Banken-Generali Investment-Ges.

FONDS exklusiv: Im Anlagejahr 2020 bleibt es für Investoren spannend: Das globale Wirtschaftswachstum schwächelt, eine französische Politikerin und Juristin lenkt erstmals die Geschicke der Europäischen Zentralbank (EZB) und die USA bewegen sich auf die Zielgerade der amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu, während der Handelskonflikt mit China weiter ungelöst ist. Worauf sollten sich Anleger angesichts dieser Szenarien einstellen?

ALOIS WÖGERBAUER: Der Blick für das Wesentliche und das richtige Einordnen der Informationen bleibt weiter die wichtigste Eigenschaft. Wer seine Anlagestrategie an die jeweils aktuelle Brexit-Entwicklung angelehnt hat, ist wohl der Verzweiflung nahe. Gerade die vergangenen zwölf Monate haben eindrucksvoll gezeigt, dass die Notenbanken die Märkte wesentlich mehr prägen als die harten Fakten der Ökonomie oder der Geopolitik. Nach dem kläglichen Scheitern der Normalisierung im vierten Quartal 2018 werden sich die Notenbanken im Zweifel noch mehr und noch rascher für eine expansive Geldpolitik aussprechen. Das müssen wir nicht für richtig halten. Es ist aber Fakt. Anleger sollten daher nicht alle Tweets des US-Präsidenten lesen, sondern sich vielmehr fragen: Wenn offenbar die Zinswelt auf tiefstem Niveau eingefroren ist, welche logischen Konsequenzen ergeben sich daraus für die Geldanlage? Ein Aktienmarkt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von beispielsweise 15 und einer Dividendenrendite von drei Prozent ist ganz einfach nicht teuer – vor allem im Vergleich zu den Alternativen aus der Anleihewelt.

Aber die Weltwirtschaft hat zuletzt gelitten. Welche Konsequenzen hat dies erfahrungsgemäß für weltweit investierte Anleger?

A. W.: Auch hier muss man differenzieren. Gerade in Deutschland und Österreich gibt es einen hohen Fokus auf Maschinenbau und Automobile. Ja, wir sehen eine Industrierezession. Aber die Industrie macht kaum 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) in unseren Breitengraden aus. Kein Fondsmanager und kein Anleger ist gezwungen, Auto-Aktien zu kaufen. Aber hat die tägliche BIP-Wasserstandsmeldung Bedeutung für ein Medizin-Technik-Unternehmen oder einen Digitalisierungsprofiteur? Wohl nein. Auch wenn das viele Anleger nicht wahrhaben wollen: Das BIP des jeweils letzten Quartals ist kein guter Ratgeber für die Anlageentscheidungen. Die Weltwirtschaft wuchs bis 2008 um knapp fünf Prozent, in den letzten Jahren um knapp vier Prozent und wird in den kommenden Jahren wohl um knapp drei Prozent wachsen. Ich würde dies nicht dramatisieren.

Wie beurteilen Sie in diesem Kontext die Lage an den europäischen Börsen, gerade nach diesem bislang gut gelaufenen Börsenjahr?

A. W.: 2019 ist gut gelaufen – aber werfen wir einen Blick auf einen Chart der europäischen Börsen seit 2000 oder seit 2008. Insgesamt sind die europäischen Börsen in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Vergleich zu den USA eine Enttäuschung. Das kann man jetzt so fortschreiben oder als Chance für das kommende Jahrzehnt sehen. Ich bin eher im zweiten Lager – es geht aber nicht nur um Bewertungen. Liquidität und internationale Kapitalströme entscheiden über alles und nicht die philosophische Frage, ob ein KGV von 14 oder 17 angebracht ist. Die Zinswende ist weiter weg denn je und in den vergangenen Wochen gab es erstmals seit längerer Zeit wieder Nettozuflüsse in europäische Aktien. Das ist noch keine Trendwende – aber ein erstes Hoffnungssignal, das es sorgfältig zu beobachten gilt.

Können die Börsen weiter mit Unterstützung nunmehr durch die neue EZB-Chefin Christine Lagarde rechnen oder hat ihr Vorgänger, Mario Draghi, während seiner achtjährigen Amtszeit bereits alle Register gezogen?

A. W.: Die EZB wird sich verändern und unter Lagarde politischer werden als sie es unter Draghi jemals war. Dass Anleihekäufe nicht der Weisheit letzter Schluss sind, sollte mittlerweile jedem klar sein. Lagarde wird mehr auf ein Zusammenspiel der Geldpolitik mit der Fiskalpolitik drängen. Das sehe ich grundsätzlich positiv. Ob sich die EZB noch der Klimathematik annehmen muss, da habe ich doch große Zweifel. So wichtig das sein mag, ist es doch nicht Aufgabe der EZB. Wie weit wollen wir das Mandat noch ausweiten? Eigentlich waren die Notenbanken mal „Währungshüter“, mittlerweile sind sie Staatenfinanzierer und bald auch noch Klimaretter?

Welches Fazit ziehen Sie unter die EZB-Präsidentschaft des italienischen Wirtschaftswissenschaftlers?

A. W.: Eine sehr gute erste Halbzeit. Klarer Plan, klare Worte. Ohne Draghis Mut hätte sich 2012 die Euro-Krise wohl wesentlich dramatischer entwickelt. Weniger überzeugend war die zweite Halbzeit. Nur ein Plan A, kein Plan B. Immer die gleiche Strategie, immer mehr von immer der gleichen Medizin. Und wenig Bereitschaft über die Nebenwirkungen zu diskutieren. In das EZB-Bashing, das viele Crash-Propheten und Bücher-Schreiber betreiben, stimme ich aber nicht ein. Es waren viele Entscheidungen zu treffen – und wer etwas kritisiert, muss sagen, was er besser und anders gemacht hätte.

Welche Schlussfolgerung ergibt sich daraus gerade für private Anleger?

A. W.: Agieren und nicht lamentieren. Es bringt nichts, von der guten alten Zinswelt zu träumen. Sie ist Geschichte und kommt so nicht zurück. Nüchterne Analyse ist besser als sich immer wieder mit Weltuntergangsszenarien zu beschäftigen. Bemerkenswert ist, dass viele Medien jenen Crash-Propheten, die nachweislich seit zehn Jahren falsch liegen, immer und immer wieder eine breite Bühne geben.

Wenn wir das nun zu Ende gehende Anlagejahr Revue passieren lassen, was war für Sie die größte Überraschung?

A. W.: Unser Makrobild war richtig. Wir waren der festen Überzeugung, dass die Konjunkturerwartungen zu Jahresbeginn zu optimistisch waren. Dementsprechend sind wir auch etwas vorsichtiger ins Jahr gestartet. Wir waren davon überzeugt, dass die Notenbanken deutlich gegensteuern werden. Wir gingen aber davon aus, dass dies erst bei höherem Leidensdruck in der zweiten Jahreshälfte passiert. Dass die US-Notenbank FED bereits im Februar eine Wende historischer Dimension hinlegt, hat uns dann doch überrascht.

Nach vorn geschaut, welche Segmente bieten mit Blick auf die nächsten zwölf Monate das größte Kurspotenzial?

A. W.: Wenn der Blick nicht ganz klar ist, sollte man sich vor Extrempositionen hüten. Das ist nicht feig, sondern professionell. Wenn unser Gesamtbild eintritt, dass sich die Wirtschaft 2020 eher einen Tick besser entwickeln wird als es der allgemeine Konsens erwartet, dann würde ich dem Anleger raten, bei vielen gut gelaufenen Titeln aus der defensiven Welt mal Gewinne mitzunehmen. Im Gegenzug kann man mutig auch mal Titel zukaufen, die derzeit in den Anlegerdepots wenig bis kaum vertreten sind. Diese finden sich im Bereich der Industrie und auch im Bereich der Banken. Auch viele Minenwerte erscheinen uns günstig.

Wo liegen für Investoren in 2020 die größten Herausforderungen?

A. W.: Am Ende des Tages geht es vor allem darum: Wo liegen die Zinsen, wie entwickelt sich die Liquidität, wie verlaufen die Kapitalströme international und was machen die Notenbanken. Geldanlage hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv verändert.