Inhalt | Print-Ausgabe 02/2017
13.07.2017

Gold wird wieder zum Krisenschutz

Während steigende Zinsen zahlreiche Anleger von einem zinslosen Goldinvestment abschrecken, nimmt zugleich die Sorge über die steigenden geopolitischen Konfliktherde zu. Damit steht das gelbe Edelmetall als Krisenschutz wieder zunehmend im Fokus. Ob die Bären oder doch die Bullen letztendlich die Oberhand am Goldmarkt gewinnen werden, das wollte FONDS exklusiv von den Experten wissen. Schon jetzt steht eines fest: Es bleibt volatil.

von Raja Korinek

Foto: fotolia

Es kam ein wenig plötzlich, als der Goldpreis Anfang 2016 seine langjährige Talfahrt abrupt beendet hatte und wieder höhere Notierungen erreichte. Rund 1100 Dollar kostete die Unze Gold im Januar des Vorjahres. Und dann ging es gleich mehrere Monate zügig nach oben, bis die Notierung im Sommer 2016 sogar kurz über die Marke von 1300 Dollar sprang. Seither folgt allerdings ein großes Auf und Ab beim Preis, mal haben scheinbar die Bullen, dann wieder die Bären die Überhand. Tatsächlich sprechen einige handfeste Gründe sowohl für weiter steigende Kurse, aber auch für eine erneute Korrektur. Umso mehr lohnt der Blick auf die zahlreichen Einflussfaktoren, um die Entwicklungen beim Goldpreis zu verstehen. Dazu gehört allen voran das wirtschaftliche Gesamtumfeld. Bislang war die Welt von einer Ära der historischen Zinstiefs, teils sogar negativen Zinsen geprägt. Und das machte ein Investment in das zinslose Gold zu einer attraktiven Alternative, bei der zumindest keine negativen Zinsen drohten, lautete ein gängiges Argument. Einzig die Kursschwankungen, sie müssen Anleger in Kauf nehmen können.

Wirtschaftsdaten lasten auf dem Goldpreis

Doch im Jahr 2015 wendete sich erstmals seit Längerem das Blatt. Grund waren die US-Wirtschaftsdaten, sie drehten allmählich ins Plus. Weil ein Anziehen der Konjunktur in der Regel auch zu höheren Inflationsraten führt, rechneten immer mehr Anleger mit steigenden US-Zinsen. Für Gold ist das freilich ein wenig glänzendes Umfeld, denn es wirft ja keine Zinsen ab, erklärt Burkhard Varnholt, Chief Investment Officer der Credit Suisse, den Zusammenhang. Währenddessen werden Anleihen nach deren Anhebungen zunehmend gefragt, da neue Schuldverschreibungen dann höher verzinst sind. „Gold ist eben eine von vielen Anlageklassen. Das darf man nicht vergessen“, mahnt Varnhold, das gelbe Edelmetall nicht zu überschätzen. Dabei verliert Gold vor allem dann an Reiz, wenn noch dazu die Realzinsen zu steigen beginnen, so der Credit-Suisse-Experte. Auf gut Deutsch: Wenn nach Abzug der Inflation immer noch ein Ertrag vom Anleihekupon übrig bleibt, ist auch der Realzins positiv. Dann fällt auch das Argument für Gold als Inflationsschutz weg, fügt Stefan Eppenberger, Investment & Commodity Strategist bei der Bank Vontobel, hinzu. Tatsächlich folgte prompt die erste US-Zinsanhebung Ende 2015, während das Gold an Wert verlor.

Nachhaltige Wende fraglich

Doch genauso schnell, wie die Sorgen über weitere Anhebungen aufkeimten, schienen sie nach dieser ersten Anhebung auch wieder verflogen. Stattdessen keimten Zweifel auf, ob sich die Konjunktur jenseits des Atlantiks auch tatsächlich nachhaltig erholen würde. Schlagartig stand das gelbe Edelmetall Anfang 2016 erneut im Rampenlicht. Allerdings nur bis zum Sommer, dann war es mit der Minihausse erneut vorbei. Denn im Herbst 2016 gewann Donald Trump die Präsidentschaftswahlen. Die Auswirkungen umschreibt Ronald Stöferle, Fondsmanager beim Liechtensteinischen Vermögensverwalter Incrementum und Autor des jährlichen „In Gold We Trust“-Report: „Die Wahl des von der Wall Street ursprünglich ungeliebten Kandidaten entzündete die Hoffnung auf eine Renaissance Amerikas durch eine nationalistisch ausgerichtete Wachstumspolitik.“ Präsident Trump hatte laut Stöferle einen Stimmungswechsel gebracht, „besonders bei jener Bevölkerungsschicht, die das Vertrauen in das Wirtschaftssystem und die politischen Institutionen verloren hatte“. Groß war die Hoffnung, dass Trumps Vorhaben die Konjunktur ankurbeln würden – somit die Zinsen doch noch zügig nach oben klettern könnten.

Zu Jahresende 2016 war es auch soweit. Nach einem Jahr der Pause zogen die Notenbanker jenseits des Atlantiks die Schraube ein klein wenig enger. Allerdings scheint auch dieser Schock inzwischen verdaut. Schließlich müssen nach den vielen Ankündigungen des neuen Präsidenten konkrete Taten folgen, wie Marktexperten meinen. Noch lassen sie auf sich warten. Der Anstieg beim Goldpreis hingegen nicht, die Notierung legt seit Anfang 2017 erneut zu. Was zugleich auch zeigt, wie volatil die Entwicklung des Goldpreises ist.

Vielmehr scheint sich das wirtschaftliche Umfeld in den USA einzutrüben, wie Stöferle von Incrementum unterstreicht: „In den jüngsten Wachstumszahlen offenbarte sich die strukturelle Schwäche der US-Realwirtschaft. Nach der jüngsten Schätzung wuchs die US-Wirtschaft im ersten Quartal 2017 annualisiert um magere 1,2 Prozent“. Verständlich, dass auch viele Ökonomen von den optimistischen Zinsprognosen wieder abgekommen sind. Ganze vier hätten es ursprünglich werden sollen. Mittlerweile dürften die Anhebungen bescheidener ausfallen.

Realzinsen bleiben tief

Stefan Breintner, Fondsmanager des DJE - Gold & Ressourcen Fonds, kann sich jedenfalls durchaus ein Szenario eines moderaten Wachstums der US-Wirtschaft begleitet von US-Zinsanhebungen vorstellen. Zwei bis drei könnten es theoretisch allein im kommenden Jahr sein. Allerdings dürfte dann der Realzins immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau verharren. „Und das ist letztendlich entscheidend für den Goldpreis“, betont Breintner. Damit steht der langjährige Branchenprofi nicht alleine da. Auch James Butterfill, Chefanalyst bei ETF Securities, rechnet mit gemäßigten Anhebungen in den USA. „Falls die US-Notenbank doch noch sehr aggressiv bei den Anhebungen vorgehen sollte, wäre das sehr negativ für das Goldumfeld. Damit rechnen wir aber nicht“, so Butterfill. Noch weniger „Störfeuer“ wird derzeit aus Europa erwartet. Hier hinkt die Entwicklung sowohl auf der Konjunkturseite als auch an der Zinsfront ein gutes Stück hinten nach. Der Realzins ist überwiegend negativ, in Deutschland lag er zwischenzeitlich bei fast minus zwei Prozent. Obendrein haben die Schuldenberge ein beachtliches Ausmaß erreicht, da wären höheren Zinsen sehr belastend, meint Vontobel-Experte Eppenberger. Auf eine allzu rasche Zinswende darf man in Europa wohl nicht hoffen. Dazu sind auch die Divergenzen innerhalb der Region zu stark. So würden beispielsweise Italiens Banken noch immer unter einer Krise leiden, erklärt Breintner, weshalb eine Zinsanhebung die italienische Volkswirtschaft hart treffen würde. Derzeit gebe es ohnedies nur wenige Regionen in der Welt mit positiven Realzinsen, wie beispielsweise China. Was aber die Bevölkerung im Reich der Mitte trotzdem nicht von einem Goldkauf abhält. Goldschmuck und Gold zu Anlagezwecken ist weiter gefragt. Zudem möchte die Zentralbank längerfristig ihre Reserven diversifizieren. Insgesamt kauften die weltweiten Notenbanken allein im Vorjahr 384 Tonnen, wenngleich das ein Rückgang von 33 Prozent gegenüber 2015 bedeutet. Das geht aus den Statistiken des World Gold Council hervor. Zu den größten Käufern zählten nebst China allen voran Russland und Kasachstan. Zusammen machten sie rund 80 Prozent der gesamten Notenbank-Käufe aus. Zum Vergleich: Das weltweite Angebot lag bei 4.570,8 Tonnen.

Krisenschutz zunehmend gefragt

Ein zunehmender Teil entfällt inzwischen auf Investoren, einerlei ob mittels börsengehandelten ETFs (Exchange Traded Funds) oder Barren und Münzen. Dabei wächst die Nachfrage sogar rasant. Ganze 1561,1 Tonnen wurden allein 2016 gekauft, ein fulminantes Plus von 70 Prozent gegenüber 2015. Der Grund ist für Experten durchaus verständlich. Vor allem die steigenden politischen und geopolitischen Konflikte locken Investoren derzeit in das gelbe Edelmetall. Längst haben letztere Unruhen auch Europa erreicht, wie die jüngsten Ereignisse in Großbritannien verdeutlichen – und überschatten deshalb zunehmend die anhaltenden Diskussionen um die Realzinsen. Für Butterfill von ETF Securities steht dabei fest: „Gold ist ein guter Risikoschutz.“

 

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