Inhalt | Print-Ausgabe 03/2019
02.10.2019

Gold wieder im Aufwärtstrend

Die Meinungen zu Gold als Kapitalanlage gehen seit jeher weit auseinander: Während die einen das unverzinste Edelmetall bestenfalls als Spekulation oder Liebhaberei gelten lassen, ist Gold für andere unverzichtbarer Bestandteil einer gut strukturierten Vermögensanlage.

von Dirk Arning

Foto: Fotolia

Der Preisanstieg in diesem Jahr in einem schwierigen Börsenumfeld scheint den Befürwortern recht zu geben. Gold-Optimisten hoffen auf einen Aufwärtstrend wie zwischen 2001 und 2011, als sich der Goldpreis versiebenfachte. Wer allerdings erst auf dem Höhepunkt der Euphorie in den Jahren 2011 und 2012 eingestiegen ist, sitzt bis heute auf Verlusten. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts hatte sich Gold nach 20 Jahren Preisrückgang mit einer Hausse zurückgemeldet. Bis zum Jahr 2011 stieg der Preis für eine Feinunze auf zeitweilig gut 1.900 US-Dollar. Die Gold-Bullen nannten Kursziele weit oberhalb von 2.000 Dollar und skeptische Stimmen gerieten in die Defensive. Doch sie sollten Recht behalten: Statt eines fortgesetzten Höhenfluges erlebte der Goldpreis einen deutlichen Rücksetzer: Vor allem 2013 verflogen die kurzfristigen Hoffnungen der Goldinvestoren, als der Preis deutlich fiel. Bis zum Jahreswechsel 2015/16 verbilligte sich eine Unze Gold auf kaum 1.050 Dollar. Die Stimmung war entsprechend schlecht und viele rechneten mit einer Rückkehr zu nur dreistelligen Goldpreisen. So gab es viele Short-Spekulationen, die auf einen weiter fallenden Preis setzten.

Gerade dies war der Nährboden für eine Trendwende nach oben. Allerdings reichte der Goldpreisanstieg 2016 und 2018 nur jeweils bis in den Bereich 1.350 bis 1.375 Dollar, wo somit eine Widerstandszone entstanden war. Erst im Juni dieses Jahres gelang es dem Goldpreis, diese Hürde zu überwinden. Mit den neuen Fünf-Jahres-Hochs über 1.400 Dollar entstand ein übergeordneter Aufwärtstrend, der das Edelmetall in Richtung seiner Rekordpreise führen kann.

Investoren und Notenbanken kaufen

Als wichtigsten Treiber für den Goldpreis haben Beobachter den niedrigen bzw. negativen Realzins ausgemacht: Die Inflationsraten sind zwar in den großen etablierten Volkswirtschaften nicht hoch, liegen mehrheitlich zwischen ein und zwei Prozent; aber die erzielbaren Zinsen, ob am Geld- oder Rentenmarkt, liegen nahe Null, oft im negativem Bereich. Der Realzins, die Differenz zwischen erzielbarer Rendite und der Inflationsrate, ist damit negativ. Der langfristige Nachteil der „Währung Gold“, ihre Zinslosigkeit, verwandelt sich in einem Umfeld negativer Zinsen zu einem Vorteil: Gold hat mit Nullzinsen einen Zinsvorteil gegenüber negativ verzinsten Papierwährungen.

Absichten, die jeweils eigene Papierwährung absichtlich abzuwerten, um auf den Weltmärkten Wettbewerbsvorteile zu erlangen, tragen dazu bei, das Verhältnis Gold zu Papierwährung weiter zugunsten des Edelmetalls zu verschieben. Auf längere Sicht könnte Gold zum Gegengewicht der von der expansiven Geldpolitik geschwächten klassischen Papierwährungen werden. Gegenüber Kryptowährungen haben Edelmetalle den Vorteil, dass ihre physische Existenz mehr Werterhalt gewährleisten kann als rein elektronisch existente Währungen, die zwar möglicherweise jede für sich begrenzt werden können, deren Gesamtzahl aber unüberschaubar wächst. Letztendlich hängt zwar auch der Wert eines Edelmetalls davon ab, ob sich schließlich ein Käufer findet, der einen entsprechenden Preis bezahlt. Im Gegensatz zu Papiergeld, zinslosen Anleihen und substanzlosen Kryptowährungen stützt sich das gelbe Edelmetall dabei aber auf eine lange Geschichte der Wertschätzung.

Dem Anspruch an eine Krisenwährung, die sich zwangsläufig positiv entwickeln müsse, wenn Wertpapierkurse fallen, kann Gold allerdings nur manchmal entsprechen. Würde Gold allein von den Sorgen westlicher Kapitalanleger bewegt, hätten schon die Ängste um Nordkoreas Atom- und Raketenrüstung, vor einem neuen Schwellenländer-Crash, militärische Konfrontationen am Persischen Golf oder die US-Sanktionen gegen China und Russland einen Goldpreisanstieg auslösen müssen. Das war aber nicht der Fall. Auch der Goldpreis ergibt sich auf dem Weltmarkt durch Angebot und Nachfrage. Und fallende Wertpapierkurse führen nicht zwangsläufig zu einer höheren Goldnachfrage. Die Nachfrage westlicher Investoren ist nur ein Faktor. Großen Einfluss kann beispielsweise die Goldnachfrage asiatischer Märkte haben, insbesondere aus Indien, oder das Verhalten der Notenbanken, die ihrerseits Goldreserven auf- oder abbauen können. Russland und China dürften ihre Goldreserven gerade deshalb in der jüngeren Vergangenheit erhöht haben, um die globale Vormachtstellung der US-amerikanischen Währung zu schwächen. Allerdings ist jeder jetzige Goldkäufer auch ein potenzieller Goldverkäufer der Zukunft.

Steigende Kosten

Langfristig spielt natürlich auch das Angebot der Goldminen eine zentrale Rolle. Rund drei Viertel des Goldangebots auf dem Weltmarkt kommen aus der Förderung durch Goldminen. Hohe Goldpreise lösen verstärke Investitionen aus und wirken zeitverzögert angebotserhöhend. Umgekehrt haben fallende Goldpreise dazu geführt, dass die Goldminen Investitionen senken mussten. Wenn Gold nicht mehr kostendeckend gefördert werden kann, sinkt das Angebot der Produzenten. Allein dieser Effekt macht Gold zu einem Wert, der langfristig von einer gewissen „Mittelwertrückkehr“ geprägt ist, wobei dieser Mittelwert, um den der Goldpreis schwankt, nicht einfach ein Durchschnitt aus der Vergangenheit sein dürfte, sondern nahe den Gesamtkosten aus Suche und Förderung liegt. Weil die Zeit der großen Goldfunde wohl vorbei sein dürfte, sollte der Preis des Edelmetalls steigen. Die Budgets zur Exploration sind seit 2012 deutlich gesunken. Ab 2020 rechnen Experten mit einem Absinken der Goldförderung. Der „Peak Gold“ sei 2018/2019 erreicht bzw. überschritten. Der Haupttreiber der steigenden Produktionskosten ist der sinkende Goldgehalt. Allerdings wird Gold nicht verbraucht. Dort wo es in nennenswertem Umfang industriell verarbeitet wurde, wird es in der Regel aufgrund seines hohen Wertes recycelt. Schon jetzt stammt rund ein Viertel des Goldangebots auf dem Weltmarkt aus Recycling. Die Goldmenge im Besitz der Menschheit wächst also stetig. Das spricht gegen die Annahme, der Goldpreis müsse langfristig „automatisch“ steigen, aber zumindest in etwa so wie die langfristigen Förderkosten.