Inhalt | Print-Ausgabe 03/2020
08.10.2020

Gelingt Europas Aufholjagd?

Während die US-Märkte längst neue Rekordstände erreicht haben, legten Europas Indizes seit dem Corona-Crash gemächlicher zu. Das könnte sich nun ändern. Die Europäische Union plant ein umfangreiches Rettungspaket. Und der wichtige Handelspartner China kommt allmählich wieder auf die Beine. Einiges spricht für Europas Aufholjagd.

von Raja Korinek

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Es war ein beinahe beispielloser Einbruch: Mit der Corona-Pandemie erlebt die globale Wirtschaft die schwerste Krise seit den 1930er Jahren. Das zeigt die jüngste Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) deutlich auf. Weil die Zahl der Neuinfektionen noch immer steigt, dürfte sich die Lage auch nicht allzu rasch verbessern. Allein in diesem Jahr dürfte die globale Konjunktur um sechs Prozent schrumpfen, sofern es nicht eine zweite schwere Infektionswelle gibt, hält die OECD-Studie fest. Die Eurozone dürfte es mit einem prognostizierten Wachstumseinbruch von mehr als neun Prozent noch härter treffen.

 

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Einzig, an der Börse hat man die schlechten Nachrichten sichtlich schon verarbeitet. Vor allem die US-Börsenbarometer drehten seit dem Tief von Mitte März kräftig nach oben und erreichten bereits neue Rekordstände. Auch in Europa legten die Indizes zu, der Aufschwung fiel aber weitaus bescheidener aus. Schließlich waren vor allem zahlreiche Technologieaktien für die Hausse verantwortlich. Und davon sind jede Menge jenseits des Atlantiks gelistet. Freilich, auch die Pharmabranche hat zu einem guten Teil der Hausse beigetragen. Von jenen Unternehmen gibt es einige innovative Branchenfirmen auch in Europa. Doch dieser Umstand reichte bislang nicht aus, dass Europas Indizes mit jenen in den USA mithalten konnten.

Unterschiedliche Bewertungen

Wie ausgeprägt dieser Börsenaufschwung der zwei Geschwindigkeiten ist, verdeutlichen Bewertungen, wie etwa das Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis (Shiller-KGV). Diese Kennzahl betrachtet den durchschnittlichen Unternehmensgewinn der vergangenen zehn Jahre, aber auch die Inflationsrate. Und das macht im aktuellen Umfeld mehr Sinn. Denn vorausschauende KGVs, bei denen Gewinnprognosen berücksichtigt werden, sind laut Experten im aktuellen Umfeld schwer prognostizierbar. Für den MSCI Europe lag das Shiller-KGV Anfang September bei rund 16 und damit im langjährigen Schnitt. Für den MSCI USA zeichnet sich ein anderes Bild ab: Dort liegt die Zahl bei rund 30, ein gutes Stück über dem langjährigen Schnitt von 25.

Umso mehr könnte sich das Blatt allmählich zugunsten Europas wenden. Doch nicht nur aufgrund der Bewertungsunterschiede. John Bennett, Leiter europäische Aktien bei Janus Henderson Investors, meint: „Europa kommt mit der Pandemie gut klar, Amerika erlebt hingegen ein Desaster“. Daran sehe man auch das Ende des US-amerikanischen und den Beginn des asiatischen Jahrhunderts, findet Bennett weitere deutliche Worte. „Und dieses wird Europa besser für sich zu nutzen wissen als die USA“. Chancen gibt es jedenfalls reichlich. Allein China konnte die Krise bislang am besten meistern, die Wirtschaft sollte laut OECD im kommenden Jahr wieder ordentlich an Fahrt gewinnen.

Der Janus-Henderson-Experte meint auch, Europa habe das Technologie-Wettrennen gegen die USA zwar verloren, will dafür nun aber das „grüne“ Rennen gewinnen und die Führungsrolle in Sachen Nachhaltigkeit einnehmen. Das werde wiederum reichlich Kapitalflüsse anziehen, ergänzt Ben Ritchie, Leiter Europaaktien bei Aberdeen Standard Investments.

Hilfsgelder sollen stützen

Wichtige Unterstützung für das ambitionierte Vorhaben wird es vom geplanten Wiederaufbaufonds der Europäischen Kommission geben. Auf diesen einigten sich im vergangenen Sommer die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU). Zahlreiche Hilfsgelder daraus sollen ausschließlich für die Förderung nachhaltiger Projekte vergeben werden.

Die Summen sind jedenfalls beachtlich. Insgesamt soll der Wiederaufbaufonds mit 750 Milliarden Euro befüllt werden, 390 Milliarden Euro davon als Zuschüsse, um vor allem der gebeutelten Peripherie unter die Arme zu greifen. Und damit soll der neuen Fiskalpolitik das gelingen, was der Geldpolitik bislang nicht gelang. Trotz Jahre der ultralockeren Zinsen in der Eurozone sprang die Wirtschaft kaum an. Dabei haben zuletzt die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) sogar neue Rekordhöhen erreicht. Erst im Juni stockte die EZB das Corona-Stützprogramm Pandemic Emergency Purchase Program um weitere 600 Milliarden Euro auf 1,35 Billionen Euro auf.

Noch muss das Europäische Parlament dem Wiederaufbaufonds aber zustimmen, wobei grünes Licht bereits im Herbst erwartet wird. Der aktuelle Entwurf enthielt den Parlamentariern noch zu wenig „grüne“ Vorschläge für die Verwendung der Hilfsgelder. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass grundsätzlich die Gründung des Wiederaufbaufonds in der Finanzwelt gut ankommt. „Dieser ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer weiteren fiskalischen Integration und ein Schritt in die richtige Richtung für den Zusammenhalt der EU“, sagt Matthew Barrett, Fondsmanager des MFS Meridian Funds - Continental European Equity Fund. Er meint auch, das daraus wiedergewonnene Vertrauen in das europäische Projekt könnte in naher Zukunft für europäische Risikoanlagen und den Euro förderlich sein.

Schon jetzt sind die positive Auswirkungen in der Entwicklung der Gemeinschaftswährung sichtbar. Der Euro legte zuletzt ein gutes Stück allein gegenüber dem US-Dollar kräftig zu. „Wir sehen gute Chancen, dass die höhere Euro-Bewertung nicht nur eine Momentaufnahme bleibt“, konstatiert Jörn Quitzau, Senior Economist bei Berenberg Wealth and Asset Management. Auch, weil die innerpolitischen Spannungen in den USA sowie der Handelskonflikt mit China wieder anschwellen, betont Quitzau.

Prozyklische Investments

Damit bleibt noch die Frage, wie die Europaprofis die Chancen nutzen. Giles Rothbarth, Ko-Fondsmanager des BlackRock Global Funds - Continental Europe Flexible, verweist auf seinen prozyklischen Zugang, der mit Titeln etwa aus der Industrie-, der IT-, sowie der Luxusbranche abgedeckt wird. Aktuell entfällt die größte Fondsposition auf die französische LVMH. Zuletzt hat Rothbarth aber auch den Anteil an Bankaktien ausgeweitet. Dazu stockte Rothbarth bei der BNP Paribas und der Société Générale auf und stieg bei der italienischen Unicredit ein.

Mit seiner Strategie hat der BlackRock-Fondsmanager ein geschicktes Händchen bewiesen, wie die langjährige Performance in der Tabelle zeigt. Auch der Janus Henderson Fonds reiht sich langjährig unter die Top-Performer. Fondsmanager Bennett wird derzeit vor allem in der Schweiz fündig. Gleich vier eidgenössische Titel zählen zu seinen größten Fondspositionen, wie etwa der Zementhersteller LafargeHolcim. „Wir suchen die besten Valueaktien in ganz Europa. Da spielt es keine Rolle, wo sie gelistet sind“, stellt Bennett klar. Als Valueaktien werden grundsätzlich solide Qualitätstitel bezeichnet, die an der Börse günstig bewertet sind und praktisch erst noch „wachgeküsst“ werden müssen.

Doch was verursachte hingegen den schweren Performanceknick in der jüngsten Vergangenheit? Bennett sagt, „die hohe Gewichtung an Pharmaaktien 2016 und 2017 sowie einige weitere Einzelinvestments hatten geschadet“. Man sei eben früh in den Gesundheitssektor eingestiegen.

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