Inhalt | Print-Ausgabe 03/2019
02.10.2019

Europas Perlentaucher

Für den "Alten Kontinent" ist die Ausgangslage denkbar schwierig: Der US-Handelskrieg ist voll entbrannt, der Brexit naht und Italien wird vom Politwirbel heimgesucht. Und trotzdem kann der Kontinent mit zahlreichen Champions aufwarten. Im Rampenlicht der Top-Fondsmanager stehen derzeit vor allem Schweizer Großkonzerne ebenso wie französische Luxushäuser und deutsche Finanzwerte.

von Raja Korinek

Das hatte dem „alten Kontinent“ Europa gerade noch gefehlt: Vor wenigen Wochen wurde nämlich der US-Handelskrieg mit China wieder einmal voll entfacht. Dabei reichte lediglich ein Tweet des US-Präsidenten Donald Trump aus, um die Wogen hochgehen zu lassen. Und schon erlegten sich die zwei Regionen neue Zölle auf. Doch damit nicht genug, denn Trumps Rundumschlag hat längst auch Europa erreicht. Zuletzt war es Frankreichs geplante Digitalsteuer auf ausgewählte US-Tech-Konzerne, die Trump ein gewaltiger Dorn im Auge ist. Dabei könnten im Herbst ohnedies noch weitere Strafzölle auf Autoimporte aus der EU folgen. Wie dramatisch es noch werden kann, bleibt freilich abzuwarten.

Dem „alten Kontinent“ bietet das aktuelle Umfeld damit eine denkbar schwierige Ausgangslage, zumal die deutsche Automobilindustrie schon jetzt mit reichlich Gegenwind kämpft. Umso mehr würden neue Zölle Europas größte Volkswirtschaft hart treffen. Schon jetzt sieht Andreas Scheuerle, Ökonom bei der Deka Bank, drei akute Misserfolgsfaktoren: Ein hoher Industrieanteil, eine hohe Exportquote und ein hoher Anteil an Ausfuhren in die Region Asien. „In allen drei Kategorien punktet Deutschland – eine ungute Konstellation“, listet Scheuerle auf. Obendrein schwächt sich die Konjunktur in Europa ab. Allein in der Eurozone nahm im zweiten Quartal das Wachstum nur noch um 0,2 Prozent im Vorquartalsvergleich zu. Scheuerle sagt: „Noch halten die auf die Binnenwirtschaft ausgerichteten und konsumorientierten Branchen die Konjunktur am Laufen. Doch je länger die industrielle Schwäche anhält, desto stärker wächst die Gefahr, dass diese bislang tragende Säule Risse bekommt“. Die Prognosen wurden zuletzt jedenfalls gesenkt. Für dieses Jahr rechnet die Deka Bank nur noch mit einem BIP-Wachstum von 0,8 Prozent, im kommenden Jahr mit 0,9 Prozent. Und damit hinkt Europa ein gutes Stück den USA hinten nach, wobei der nahende Brexit aber auch der jüngste Politwirbel in Italien weiteres Öl ins Feuer gießen könnte.

Europas Chancen richtig nutzen

Die negative Stimmung ist dabei längst auch auf die Aktienmärkte in Kontinentaleuropa übergeschwappt, sie hinken jenen in den USA schon länger hinten nach. John Bennett, Fondsmanager des Janus Henderson Continental European Fonds ortet zudem einen wesentlichen Grund für die schwächere Entwicklung auch im Gewinnwachstum europäischer Unternehmen. „Das hat mit jenen US-amerikanischer Unternehmen nicht Schritt gehalten“. Doch weshalb belastet das die Indizes diesseits des Atlantiks so stark? Schuld ist letztendlich der hohe Anteil an Aktien aus den Bereichen Telekommunikation, Banken und Versorger. Im Gegensatz dazu sind die US-Indizes bestückt mit einer hohen Anzahl an Wachstumsunternehmen, sogenannten „Growth“-Titeln, zeigt Bennett auf. Und das habe sich in den vergangenen Jahren durchaus als vorteilhafter erwiesen. Dort verzeichneten die Unternehmen hohe Gewinne. Vor allem Technologie- und Softwarefirmen zählen dabei zu den Gewinnern, fügt Kurt Cruickshank, Investmentteammitglied des Aberdeen Standard SICAV I – European Equity (ex-UK) Fund, hinzu. Hinzu kommt aber noch eine weitere Entwicklung: So habe sich der US-Bankensektor nach der Finanzkrise von 2008 weitaus rascher erholt, betont der Aberdeen-Experte. Ein nicht unwesentlicher Faktor, wenn man bedenkt, dass der Sektor in Europa immerhin eine gewichte Rolle einnimmt.

Global Player gibt es auch in Europa

Die Bewertungen der Aktien in Kontinentaleuropa sieht Giles Rothbarth, Co-Portfoliomanager des BGF Continental European Flexible Fund, derzeit jedenfalls nahe ihren langfristigen Durchschnitt. Doch gerade weil das Umfeld schwierig und damit für manch einen Investor abschreckend wirkt, sollte man umso genauer nach interessanten Chancen Ausschau halten. Und sie werden auch erfolgreich genutzt, etwa von Rothbarth. Immerhin schafft es sein Fonds auf Platz eins in der Tabelle. Rothbarth betont aber auch, wie wichtig ein äußerst aktiver Zugang bei der Aktienwahl in der Region ist. Ein reines Investment nach Branchen oder auch nach Ländern bringe da letztendlich wenig.

Dazu macht sich Rothbarth vor allem auf die Suche nach Unternehmen mit einer starken Preissetzungsmacht und nachhaltigen Geschäftsmodellen. Ähnlich der Tenor anderer Fondsmanager, die erfolgreich durch Kontinentaleuropa navigieren. So sagt etwa Aberdeen-Experte Cruickshank: „Wir müssen nicht in den gesamten Markt investieren, sondern nur in die besten Ideen“. Und die setzt man derzeit mit nur 34 Titeln um. Blicke man nämlich ein wenig hinter die Kulisse des niedrigen Wachstums und politischer Turbulenzen, stoße man durchaus auf eine Vielzahl an erfolgreichen Weltkonzernen, findet Cruickshank und sagt obendrein: „Sie profitieren etwa von den demografischen Veränderungen, der Digitalisierung oder könnten schlicht mit einzigartigen Marken punkten“. Und dann gibt es noch einen Punkt, auf den MFS-Equity-Portfoliomanager Matthew Barrett verweist: „Aufgrund der Exportorientierung Europas gibt es auch eine Diversifizierung in Bezug auf regionale Umsätze, wobei ein Großteil der europäischen Unternehmensumsätze außerhalb Europas erzielt wird“. Im Herbst könnte obendrein die weitere Lockerung der Geldpolitik für eine wichtige Stütze sorgen. Wie weit die EZB die Zügel allein diesen Herbst noch lockern wird, bleibt abzuwarten. Dennoch dürfte es für zusätzlichen Rückenwind sorgen, ist Rothbarth überzeugt.

Fliegen und Luxus ist beliebt

Im Gespräch mit FONDS exklusiv gibt er zudem Einblicke in sein Erfolgsrezept, etwa dazu, weshalb ausgerechnet Industrietitel mit fast 30 Prozent eine besonders hohe Gewichtung einnehmen. Auf eine Erholung der europäischen Binnenwirtschaft setze man aber nicht. Vielmehr gehe es darum, damit von der globalen Gewinnentwicklung zu profitieren. „Der Sektor ist allerdings sehr heterogen. Wir bevorzugen spät-zyklische Titel wie etwa jene, die in der Flugindustrie tätig sind“. Denn der starke Wachstumstrend im weltweiten Flugverkehr halte an. Deshalb werden in Summe mehr Flugzeuge in Betrieb genommen. Tatsächlich zählen die Aktien von Airbus zu den größten Positionen im BlackRock-Fondsvermögen. Auch weitere Werte aus Frankreich dominieren die Liste der Top-Ten, nicht aber, weil man eine Länderwette damit eingehe. An der Pariser Börse gebe es eben einige Unternehmen mit sehr erfolgreichen Geschäftsmodellen, findet Rothbarth. Dazu zählt etwa der Technologiekonzern Safran S.A., der Komponenten für die Flug- und Verteidigungsindustrie liefert. Doch auch vom Hang zu mehr Luxus profitiert der BlackRock-Fonds. Schließlich gibt es vor allem in Asien immer mehr Vermögende, und das wollen sie auch zur Schau stellen. Verständlich, wenn Rothbarth meint, Luxuskonzerne können dem globalen Konjunkturabschwung erfolgreich trotzen. Obendrein gebe es in dem Sektor hohe Eintrittsbarrieren, wobei die Produkte ohnedies einzigartig seien. Und so nehmen beispielsweise die Aktien von LVMH die zweitgrößte Fondsposition ein.

 

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