Inhalt | Print-Ausgabe 03/2016
29.09.2016

Die Goldbullen trampeln wieder

Was zu Jahresbeginn als zaghafte Trendwende beim Goldpreis begonnen hatte, könnte sich noch zu einem handfesten Bullenmarkt entwickeln. Selten sprachen derart viele Gründe für den Preisauftrieb, zu denen allen voran die massiven Schuldenberge, negative Zinsen und wachsende politische Spannungen zählen. Welchen Pfad der Goldpreis noch einschlagen dürfte und wie Anleger davon profitieren können, hat FONDS exklusiv mit Experten analysiert. 

von Raja Korinek

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Der Zeitpunkt war wohl ein wenig ungewöhnlich. Normalerweise schlummern die mächtigen Bären in der kalten Jahreszeit noch tief in ihrem Winterschlaf. Doch im Februar 2013 ließen sie zumindest am Goldmarkt ihre wuchtigen Tatzen ordentlich spielen, der Preis für das gelbe Edelmetall stürzte binnen weniger Monate um rund 25 Prozent unerwartet heftig ab. Seither ist die Notierung ein gutes Stück vom Allzeithoch von 1910 Dollar je Unze entfernt. Jenes Rekordniveau wurde im August 2011 erreicht.

 

Womit wohl schnell klar wird, dass ein Goldinvestment auch seine Tücken hat. Sie wurden offensichtlich von manch einem Anleger damals unterschätzt, der einstige Glanz des gelben Edelmetalls war zumindest vorerst ein wenig verblasst. Evy Hambro, Co-Chief Investment Officer des Natural Resources Equity Team bei BlackRock und Fondsmanager des BlackRock World Gold Fund, verweist dabei auf einen wichtigen Punkt: „Da das Edelmetall keine Zinserträge bringt, fallen bei allgemein hohen Marktzinsen auch hohe Opportunitätskosten für Goldinvestoren an.“ Sprich, Anlegern entgeht der Zinsverdienst mit einer Goldanlage. Hinzu kommt, dass Gold auch Lager- sowie Lieferkosten verursacht – sofern man in das physische Metall investiert. Dabei reicht Anlegern schon die bloße Befürchtung, dass die Marktzinsen wieder steigen dürften, um sich rasch von einem Goldinvestment zu trennen. Doch was genau war 2013 passiert? Damals hatte die US-Notenbank signalisiert, allmählich das Ende der ultralockeren Geldpolitik einzuleiten, weshalb Anleger alsbald auch mit einer Zinswende rechneten. Und dann würde sich konkret ein zinsloses Goldinvestment weniger rechnen als der Kauf von sicheren US-Staatsanleihen, bei denen nicht nur höhere Zinsen winken würden, sondern auch die Gewissheit, das man zumindest bei Fälligkeit sein eingesetztes Geld zurückbekommt. Zugleich legte auch der Dollar zu, denn die Aussicht auf höhere US-Zinsen lockte immer mehr Anleger in die US-Währung hinein. Und weil Gold in Dollar gehandelt wird, verteuerte sich damit ein Investment für internationale Anleger, allen voran für die weltweit größten Käufernationen China und Indien. Zu guter Letzt war das internationale Umfeld zu jenem Zeitpunkt nicht von derart vielen (geo-)politischen Spannungen umgeben. Das Argument einer „Krisenwährung“ fiel somit weg. 

 

Glänzende Trendwende

 

Doch seit Jahresbeginn 2016 hat sich das Umfeld schlagartig verändert, blickt Michael Blumenroth, Edelmetallhändler bei der Deutsche Bank, auf die Trendwende beim Goldpreis zurück. Allein der Start war freilich noch ein wenig zaghaft. Dann kamen immer mehr Faktoren hinzu, die den Auftrieb des Goldpreises unterstützten. Blumenroth: „Als der Ölpreis und damit auch der globale Aktienmarkt nachgab, wurde Gold plötzlich wieder als sicherer Hafen entdeckt“, so der Goldexperte. Und jene Anleger, die zu dem Zeitpunkt auf einen weiter fallenden Goldpreis setzten, begannen rasch diese Positionen zu schließen. „Das verlieh der Notierung des Edelmetalls weiteren Auftrieb“, erklärt der Deutsche Bank-Experte.

 

Weiter Öl ins Feuer gießt offensichtlich die globale Notenbank-Politik. Allein in der Eurozone, der Schweiz, aber auch in Japan verharren die Zinsen im Minusbereich. Zieht man die Inflationsrate ab, schaut ein noch größerer Verlust bei den daraus resultie­renden Realzinsen heraus. Auf gut Deutsch: Man verliert Geld dafür, dass man es Staaten borgt. BlackRock-Experte Hambro: „Weltweit bieten Anleihen im Wert von mehr als zehn Billionen Dollar negative Renditen. Vieles spricht dafür, dass sich daran auf absehbare Zeit nichts ändert.“ Um Opportunitätskosten braucht man sich bei einer Goldanlage wohl einige Zeit keine Sorgen machen. Dazu müssten „die realen Zinsen auf gut zwei Prozent ansteigen“, rechnet Joachim Berlenbach, Fondsmanager des Earth Gold Fund UI, vor.

 

Tatsächlich hat allein die EZB ihr Anleihekaufprogramm sogar auf Unternehmensanleihen aus dem Investment Grade-Bereich ausgeweitet. Ronald-Peter Stöferle vom liechtensteinischen Vermögensberater Incrementum und Autor des jährlichen „In Gold We Trust“ fügt hinzu: „Um die horrenden Dimensionen der Anleihekaufprogramme zu veranschaulichen, vergleichen wir sie mit dem Gegenwert der Goldförderung.“ Bei einem Preis von 1200 Dollar könne die EZB mit dem derzeitigen Volumen der Programme alleine im ersten Quartal 2016 gut 4698 Tonnen Gold kaufen. Das übersteige den Wert der globalen Goldförderung in diesem Zeitraum um das 6,49-Fache.

 

US-Notenbank zögert zunehmend

 

Und selbst in den USA ist man offenbar von den Zinserhöhungen wieder abgekommen, auch wenn die aktuellen Wirtschaftsdaten derzeit ein recht gemischtes Bild zeichnen. Dennoch möchte man als einzige Industrienation den zaghaften Weltwirtschaftsaufschwung nicht mit weiteren Anhebungen womöglich gefährden, analysiert George Cheveley, Fondsmanager des Investec GSF Global Gold Fonds.

 

Ein genauer Blick auf die unterschiedlichen Konjunktursignale aus den USA lohnt sich dennoch. Sie sorgen immer wieder für kurzfristige Kursausschläge und verdeutlichen damit, wie volatil die Assetklasse letztendlich ist. Allein Ende Juli wurde bekannt, dass das US-Bruttoinlandsprodukt von April bis Juni auf das Jahr hochgerechnet um 1,2 Prozent zulegte. Damit blieb es deutlich unter den Erwartungen mit einem Plus von 2,5 Prozent. Kein Wunder, dass danach der Goldpreis einen Satz nach oben machte. 

 

Andererseits wurden bereits in der Folgewoche die Zahlen zum US-Arbeitsmarkt veröffentlicht. Ganze 255.000 neue Stellen wurden vergangenen Juli geschaffen, weit mehr als von Analysten erwartet worden war. In einer ersten „Schockreaktion“ gab der Goldpreis kräftig nach. Schließlich keimten neue Zinserhöhungsängste auf. Aber selbst dann sollten sich die Goldbullen nicht abschrecken lassen. Davon ist James Butterfill, Chefanalyst bei ETF Securities, überzeugt und wirft deshalb auch einen Blick auf die Historie: „Sobald dann jeweils die erste Anhebung vollzogen war, hat in der Vergangenheit der Goldpreis seinen Aufwärtstrend wieder aufgenommen.“ Das war beispielsweise in den Jahren 1976, 1986, aber auch 2004 der Fall.

 

Der Grund liegt für Butterfill klar auf der Hand: „Schließlich wurden die Zinsen ja aufgrund einer anziehenden Konjunktur angehoben, was in der Regel auch eine steigende Inflation zur Folge hat.“ Nicht ohne Grund überwog deshalb auch rasch die Sorge, dass die US-Notenbank gar nicht schnell genug die Zinsen anheben könne, um mit der Inflation mitzuhalten. „In einem derartigen Umfeld konnte Gold klar seine Funktion als Inflationsschutz unter Beweis stellen“, verweist der ETF Securities-Experte auf eine weitere Eigenschaft des gelben Edelmetalls. Schließlich kann man Gold – im Gegensatz zu Geld – nicht endlos vermehren.

 

 

 

 

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Inflationsschutz und Krisenschutz gefragt

 

Auch wenn für viele Anleger das Thema Inflation derzeit keine Rolle spielt, könnte sich dies in den kommenden Jahren ändern. Davon ist Butterfill überzeugt. Denn mit einer Besserung am US-Arbeitsmarkt nehme der Lohndruck zu, was wiederum zu einer anziehenden Inflation führe. Zudem verweist der Rohstoffprofi auf den ansteigenden Ölpreis, auch hier gab es seit Jahresbeginn eine Trendwende. „Hatten zuvor die sinkenden Preise noch zu einem Rückgang der Inflationsrate geführt, wird nun der jüngste Preisauftrieb einen Anstieg auslösen.“ Noch zu Jahresbeginn lag die Notierung der Nordseemarke Brent bei rund 36 Dollar je Fass, sie erreichte zu Jahresmitte gut 50 Dollar.

 

Dabei würden viele Staaten ohnedies einen Inflationsanstieg begrüßen, so lassen sich schließlich die immensen Schuldenberge weginflationieren. Auch könne die Schuldenlast durch negative Zinsen „theoretisch auf Kosten der Sparer reduziert werden, aber die strukturellen Probleme würden noch verschärft“, so Stöferle von Incrementum. Allein, der globale Schuldenstand ist seit 2007 um mehr als 40 Prozent auf gut 200 Billionen Dollar angestiegen und hat inzwischen auch die Schwellenländer erreicht.

 

Auch die Eigenschaft als Krisenwährung rückt wieder deutlich in den Vordergrund. Das hatte allein das Brexit-Votum mit unerwartetem Ausgang gezeigt. „Hier gibt es nun ein deutlich erhöhtes Risiko, dass auch andere EU-Länder für einen Austritt stimmen könnten“, resümiert Cheveley von Investec. Hinzu kamen Wahlen in Spanien, in Italien sorgt die Bankenlandschaft zunehmend für Verunsicherung. Diskussionen rund um eine mögliche Abschaffung des Bargeldes waren wenig hilfreich, um das Vertrauen vieler Anleger zu umwerben. Und so konnte der Preis für das gelbe Edelmetall auch auf Eurobasis kräftig zulegen. Thorsten Proettel von der LBBW präzisiert: „Aus europäischer Sicht hat der Goldpreis wieder das Niveau vor dem kräftigen Einbruch im April 2013 erreicht.“ 

 

Zu guter Letzt steigen freilich die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten, verweist Hambro von BlackRock auf eine weitere Preisstütze, und meint zudem: „Für zusätzliche Unsicherheit sorgt etwa auch die konjunkturelle Abkühlung in China. Diese Gemengelage kommt Gold zugute, denn das Edelmetall hat sich über Jahrhunderte als traditioneller Zufluchtsort für Investoren in Krisenzeiten bewährt.“ Genauer gesagt könne laut Stöferle von Incrementum keine andere Währung einen 5000-jährigen Trackrekord aufweisen.

 

 

 

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Unterschiedliche Anlagechancen

 

 

Das haben offensichtlich auch die weltweiten Notenbanken längst erkannt. Das Hoch bei deren Beständen vom Jahr 2000 mit rund 33.500 Tonnen wurde zwar noch nicht wieder erreicht. Schließlich gab es während der Finanzkrise große Verkäufe. Doch immerhin rückt inzwischen wieder die Marke von 33.000 Tonnen immer näher. Auch die Nachfrage seitens Investoren für das physische Gold sowie für ETPs (Exchange Traded Products) legte laut World Gold Council allein im 1. Quartal 2016 kräftig zu. Hier übertraf die Nachfrage mit 618 Tonnen sogar die weltweite Schmucknachfrage.

 

 

Die vollständige Titelstory finden Sie in der Print-Ausgabe 03/2016 von FONDS exklusiv.