Inhalt | Print-Ausgabe 03/2014
01.10.2014

Der Wellenreiter

Fundamentale Daten interessieren ihn nicht. André Tiedje orientiert sich an der schwankenden Stimmungslage der Börsianer. Denn ihr folgen die Elliott Wellen und die reitet der deutsche Trader nahezu perfekt. Wie das mithilfe des „Croc“ funktioniert und warum ein Money Management dabei unerlässlich ist, erläutert André Tiedje im
FONDS exklusiv-Interview.

von Kay Schelauske

André Tiedje

André Tiedje

FONDS exklusiv: Herr Tiedje, Sie haben mit dem Traden von US-Aktien in fünf Jahren ein Plus von über 3.000 Prozent erzielt. Das ist ein unfassbarer Wert. Wie sind die Zuwächse in den einzelnen Jahren ausgefallen?

 

André Tiedje: Genau genommen haben wir mit unserem US-Index-Trader derzeit sogar ein Plus von 3.530 Prozent erzielt. Der Blick auf die Jahresperformance macht das Anlageergebnis in der Tat glaubhafter: Seit 2009 betrugen die jährlichen Wertzuwächse 117 Prozent, dann 145, 38, 93 und im vergangenen Jahr plus 91 Prozent. In diesem Jahr liegen wir bislang bei 32 Prozent.

 

 

Handeln Sie mit bestimmten amerikanischen Aktien?

 

A. T.: Mit dem US-Index-Trader handeln wir vorwiegend Futures und Differenzkontrakte, also CFDs, auf den Dow Jones und den DAX sowie Einzelwerte der beiden Aktienindizes. Diesen Premium-Service haben wir im Jahr 2009 bei GodmodeTrader.de gegründet. Die Wertentwicklungen der ersten beiden Jahre haben wir anhand der durchgeführten Trades nachgebildet, denn das Musterdepot wurde erst zwei Jahre später eingeführt. Der Grund dafür war, dass einige Anleger mit wenigen Trades ihr komplettes Depot verloren hatten, weil ihnen ein Money Management fehlte. Mithilfe des Musterdepots können wir das Volumen jedes Trades im Hinblick auf das gesamte Depot darstellen und damit das spezifische Anlagerisiko systematisch begrenzen.

 

 

Sie traden auf Basis der Elliott Wellen-Theorie. Worauf basiert diese Lehre in ihrem Kern?

 

A. T.: Das Elliott Wellen-Prinzip reflektiert das psychische Verhalten der Marktteilnehmer, das vor allem von Ängsten und Gier getrieben wird. Diese Marktpsychologie ist der kurstreibende Faktor, der sich mittels Elliott Wellen-Technik auswerten lässt. Es ist wirklich faszinierend, wie sich diese Marktstimmungen anhand von immer wiederkehrenden Mustern messen und darstellen lassen.

 

 

Die fundamentalen Faktoren spielen also keine Rolle mehr?

 

A. T.: Warum mehr? Sie haben noch nie eine Rolle gespielt.

 

 

Die Vergangenheit zeigt doch immer wieder, dass sich zum Beispiel Konjunkturmeldungen, Verlautbarungen der Notenbanken und militärische Auseinandersetzungen auf Kursverläufe an den Börsen auswirken können, Herr Tiedje?

 

A. T.: Wir haben in den zurückliegenden Jahren sehr oft unter Beweis gestellt, dass wir Indexverläufe auch vor wichtigen Notenbank-Entscheidungen richtig prognostiziert haben. So konnten wir in unserem Blog selbst einige der Fundamentalisten überzeugen. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Prognosen möglich sind, wenn man sich Mühe gibt. Solche Nachrichten sind zwar kursrelevant, aber sie beschleunigen nur eine Kursentwicklung, deren Richtung bereits feststeht. Es ist immer wichtig zu wissen, welche Welle gerade läuft. Angenommen ein Aktienkurs bewegt sich entlang einer Impulswelle aufwärts, dann wird der Wert selbst bei schlechten Nachrichten weiter gekauft. Umgekehrt können gute Nachrichten im Rahmen einer entsprechenden Abwärtsbewegung eine Fortsetzung des Verlaufs nicht stoppen.

 

 

Woran liegt es, dass das Elliott Wellen-Prinzip dennoch nicht sonderlich populär und kaum verbreitet ist?

 

A. T.: Die Elliott Wellen-Theorie ist eine sehr komplexe Materie, bei der die Wahrscheinlichkeit von Annahmen ständig überprüft werden muss. Aus eigener Erfahrung scheint mir das größte Problem zu sein, immer das zu glauben, was man sieht. Was meine ich damit? Müsste sich beispielsweise ein anhaltender Kursanstieg, trotz Erreichen eines Allzeithochs, nach Analyse der Elliott Wellen weiter fortsetzen, will man dieses Ergebnis gerade bei gleichzeitig negativen Börsennachrichten nicht akzeptieren. Das zweite Problem ist, dass die verschiedenen Zeitebenen vom Minuten- über den Stunden- bis zum Tageschart miteinander verbunden werden müssen. Das erzeugt Aufwand, fordert Geduld und stellt zumindest für jene Anleger, die schnell an der Börse erfolgreich sein wollen, schwer überwindbare Hürden dar. Das Wichtigste aber ist, dass sich mit der Elliott Wellen-Theorie stabile Erträge nur im Zusammenwirken mit einem Money Management erzielen lassen.

 

 

Was verstehen Sie unter einem Money Management?

 

A. T.: Nicht nur der Einstieg ist wichtig, sondern auch das Ziel, die Sicherung von Teilgewinnen und der Verkauf. Das Ziel ergibt sich aus der Elliott Wellen-Prognose, der Einstieg anhand eines abgelaufenen Musters, also meistens einem Rücklauf, dem sogenannten Retracement und der Stopp ist gehärtet. Er liegt an dem Punkt, wo das prognostizierte Elliott Wellen-Szenario negiert wird. Der Stopp wird so gesetzt, dass pro Trade maximal ein Verlustrisiko in Höhe von einem Prozent des Gesamtvermögens eintreten kann. Es wird also nie alles auf eine Karte gesetzt. Beim US-Index-Trader darf das gesamte Verlustrisiko bezogen auf das Gesamtkapital eine Größenordnung von sieben Prozent nicht überschreiten.

 

 

Inzwischen setzen Sie beim Traden mit dem „Croc“ einen elektronischen Helfer ein. Wollen Sie auf diese Weise den Einfluss von Emotionen begrenzen? Oder was war der Auslöser?

 

A. T.: Den Crocomichi-Trader habe ich über einen Zeitraum von zehn Jahren entwickelt. In der Tat erschrickt man manchmal unweigerlich, wenn man die weiteren Kursverläufe skizziert und ein Kursziel ermittelt, das man sich kaum vorstellen kann. Der Analyst steht sich dann mit seinem Versuch, sich fundamental eine Begründung für einen solchen Kurs herzuleiten, selbst im Weg. Der Auslöser war jedoch, durch die tägliche nunmehr elektronische Analyse der Vielzahl an Basiswerten Zeit zu sparen. So prüft der Croc alle Indexwerte auf das Vorliegen der betreffenden wellentechnischen Muster und liefert uns Signale, wenn ein Setup, also eine aussichtsreiche Tradingsituation, vorliegt. Mittelfristig können wir uns daher vorstellen, diesen Prozess über ein gemanagtes Depot zu automatisieren und einem breiteren Publikum anzubieten. Denn der Croc liefert auch auf Schlusskursbasis Signale, die Privatanleger dann in ihrem Depot umsetzen können.

 

 

Wie groß ist die Treffgenauigkeit des Croc?

 

A. T.: Das kommt auf die Art der Signale an. So gibt es ein blaues, das das Ende der Welle 3 erkennt. Hier beträgt die Treffgenauigkeit beachtliche 97 Prozent. Deshalb freuen wir uns auch jedes Mal, wenn der Croc ein solches Signal liefert. Es gibt aber auch Signale bei 4er- und Korrekturwellen, deren Treffgenauigkeit knapp über dem Münzwurf liegt. Dann setzen wir weniger Kapital ein oder, noch wichtiger, wir verkaufen bei Erreichen der bestehenden Risikobegrenzung nicht die gesamte Position, in der Erwartung, dass der Trade dann den gewünschten Verlauf nimmt. So kann ich sogar mit einer Treffgenauigkeit von 30 Prozent dauerhaft Erträge erzielen, sofern ich das Money Management konsequent umsetze. Denn Fehltrades gehören dazu.

 

 

Was war Ihr bisher größter Fehler in den zurückliegenden 15 Jahren an der Börse?

 

A. T.: Beim Aktienkauf blind auf andere zu hören. Das hat mich damals in den Zeiten des Neuen Marktes mein erstes Depot gekostet, zumal ich weder mit Stopps eingestiegen war, noch irgendeine Ahnung von Charts hatte.

 

 

Im Jahr 2011 haben Sie einen Dow Jones-Anstieg auf 30.000 Punkte ­vorausgesagt. Seither ist der Index um rund 4.000 Punkte gestiegen. Halten Sie an Ihrer Prognose fest?

 

A. T.: Ja, ich denke aber, dass das exakte Bestimmen des Tiefpunkts im Jahr 2009 eine entscheidendere Bedeutung einnimmt. Damals hatte ich bei meinem ersten Auftritt auf der Anlegermesse Invest in Stuttgart den Einstieg in Aktien empfohlen, weil sich ein stabiler Boden gebildet hatte. Angesichts der jüngsten Börseneinbrüche waren darüber viele Anleger entsetzt und schrieben mir teils persönlich verletzende Mails. Aber das Tief, das ich damals taggenau verkündet hatte, hat eben bis heute gehalten und mich damit nachhaltig bestätigt. Die Prognose des Dow Jones-Anstieges ist dagegen einfacher, weil ich hier keinen Trendwechsel, sondern nur einen Trendverlauf projizieren brauchte.

 

 

Was spricht aus wellenanalytischer Sicht für diesen anhaltenden Kursanstieg?

 

A. T.: Wir bewegen uns in einer großen Impulswelle. Größere Rücksetzer im Umfang von 2.000 bis 3.000 Punkten sind zwar möglich, ändern aber nichts daran, dass der Dow dann in Richtung 26.000 oder sogar 30.000 Punkte durchstarten wird.

 

 

Und wie beurteilen Sie die Lage beim S&P 500, dem manche, wie zuletzt George Soros, einen massiven Absturz voraussagen?

 

A. T.: Seit 2009 hat sich der S&P 500 fast verdreifacht. Folglich ist ein Rückschlag mehr als wahrscheinlich. Aber wir werden keinen Crash erleben wie in den Jahren 2000 oder 2007. Diese Einbrüche werden überrannt. Das ist wellentechnisch sehr deutlich zu erkennen. Es ist sozusagen ein Gesetz der Psychologie: Je mehr Marktteilnehmer einen Crash befürchten, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommen wird. Denn der Markt macht immer das, was die Masse nicht glaubt. Aber wir stehen vor einem „next generation chaos“…

 

 

Lesen Sie das ganze Interview in der Print-Ausgabe 03/2014 von FONDS exklusiv.