Inhalt | Print-Ausgabe 03/2014
28.10.2014

Den Index optimieren

Eine neue Generation von Exchange Traded Funds (ETF) ist an den Finanzmärkten immer zahlreicher zu beobachten. Diese Fonds bilden Indizes nicht nur eins zu eins ab, sondern korrigieren die Schwächen der herkömmlichen Börsenbarometer. Was kann diese alternative Fondsklasse leisten?

von Wolfgang Regner

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In den letzten Jahren wurden unzählige neue Indizes für verschiedene Anlageklassen und Segmente entwickelt, die von Finanzexperten häufig als „SmartBeta“-Lösungen gepriesen werden. Der Begriff bezeichnet Indexstrategien, die sich von den üblicherweise eingesetzten „traditionellen“ markt­kapitalisierungsgewichteten Strategien (Beispiel S&P 500, MSCI World, DAX – bei diesen erfolgt Berechnung der Gewichtung durch Multiplikation der Anzahl der jeweiligen Aktie mit Freefloat, also der Anzahl der als Streubesitz frei handelbaren Aktien, mit dem aktuellen Kurs) unterscheiden.

 

Die Idee dahinter ist, dass die Gewichtung nach dem Börsenwert vergangenheitsorientiert ist, da dabei gewissermaßen die „Gewinner der Vergangenheit“ hoch gewichtet werden, die ihre Aufstiegsphase schon hinter sich haben. Die jungen, aber noch kleinen Newcomer werden dagegen kaum nennenswert gewichtet.

 

Anhand einer Auswahl aus dem schon wieder recht umfangreichen Angebot an SmartBeta-Produkten lassen sich einige besonders interessante Strategien herausfiltern. Doch was bedeutet SmartBeta eigentlich? Der griechische Buchstabe Beta steht für das Gesamt-marktrisiko eines Investments. Je höher das Beta, desto höher auch das Marktrisiko, z.B. eines Fonds oder einer Aktie. SmartBeta-Lösungen streben meist danach, einen Teil des Marktrisikos aus den Produkten he­rauszunehmen, das Beta also zu reduzieren. Und da gibt es eine ganze Reihe alternativer Ansätze.

 

Zahlreiche Strategien

Die fundamentale Idee hinter dem SmartBeta-Ansatz ist das Ziel, die wesentlichen Vorteile von aktiv und passiv gemanagten Portfolios zu kombinieren: Flexibilität und Möglichkeit der Outperformance von der aktiven Seite sowie Transparenz und Kosten­effizienz von der passiven Seite. „SmartBeta-Strategien lassen sich in zwei große Felder einteilen:

 

Erstens in einen Bereich mit Aktienfokus, in dem mit einem systematischen Anlageprozess die weltweit bekannten globalen Benchmarks neu definiert werden sollen“, erklärt Martin Weithofer, Head of Smart Beta bei Deutsche Asset & Wealth Management (DeAWM). So lassen sich etwa ein globales Portfolio, ein Anlageuniversum sowie bestimmte Benchmarkkriterien festlegen, nach denen ein SmartBeta-Portfolio gemanagt wird. Dies wäre z.B. ein Ansatz, der nur Aktien ins Portfolio aufnimmt, die bestimmte Qualitätskriterien erfüllen, oder ein anderer, der Value-Aktien übergewichtet, die rein passiv, nach quantitativen Kriterien ausgewählt werden. Wieder andere SmartBeta-Fonds werden nach dem Prinzip der Gleichgewichtung ­ gemanagt.

 

Ein verwandter Ansatz wäre, systematisch aktiv gemanagte Portfolios mit passiven Kriterien nachzubilden, also systematisches Alpha zu generieren. „Die Produktentwickler von Smart­Beta-Fonds müssen dabei gleich mehrere Aufgaben erfüllen:  „Sie müssen Renditefaktoren identifizieren, systematisieren und investierbar machen“, meint Weithofer. Das zweite große Feld besteht aus fundamentalen Investmentprozessen, die z. B. makroökonomische Faktoren investierbar machen. „So haben wir festgestellt, dass etwa Faktoren wie BIP-Wachstum, Währungsreserven, Verschuldung oder die Zinsentwicklung besonders bei den Emerging Markets einen signifikanten Einfluss auf die Performance ausüben.“

 

Eine andere Möglichkeit, einen Smart-Beta-Fonds zu konstruieren, ist der DB Platinum Equity Risk Premia. Der Prozess bestückt nach bestimmten Aktienfaktoren ein Portfolio, um die nach diesen Faktoren ermöglichte Überrendite zu isolieren. Für den Anlageprozess wurden fünf Investmentstile identifiziert: Value, Qualitäts-Aktien, Low Volatility, Small Caps und Aktien mit hohem Kursmomentum. Der DB Platinum IV Equity Risk Premia verhält sich außerdem weitgehend marktneutral. Das bedeutet, dass der Fonds beabsichtigt, für eine positive Wertentwicklung ausschließlich diese Risikoprämien zu extrahieren und nicht auf steigende Aktienmärkte angewiesen zu sein.

 

Am häufigsten sind jedoch folgende drei Investmentstrategien zu beobachten. Valérie Baudson, Global Head of ETF and Indexing bei Amundi ­Asset Management, erklärt: „Unsere Einzelfondslösungen ermöglichen die Exposure in einen spezifischen SmartBeta-Faktor im Gegensatz zum reinen, simplen Beta. Anleger erhalten die Möglichkeit, im Gegensatz zu den herkömmlichen Indizes, in einen ETF zu investieren, der nach drei besonderen Faktoren ausgerichtet ist: Der Größe, der Volatilität oder des Value-Kriteriums. Der Amundi ETF Euro Stoxx Small Cap ist ein Beispiel des Größenfaktors. Dagegen bildet der Amundi ETF MSCI Europe High Dividend den Value-Faktor ab. Und schließlich bietet der Amundi ETF MSCI Europe minimum volatility ein möglichst wenig schwankungsanfälliges Investment.“ 

 

Spezielle Investmentansätze

Daneben gibt es Fonds, die eine ähnliche Strategie verfolgen, aber nicht genau als SmartBeta-Fonds bezeichnet werden können. Dazu zählen Produkte, die einen Analysten-Research-basierten Investmentprozess verwenden, wie z.B. der DB Platinum CROCI Sectors Fund. CROCI bedeutet dabei Cash Return on Capital Invested und ist eine Bewertungsmethode der Deutschen Bank, bei der die fundamentale Datenbasis angepasst wird. Bei CROCI werten 60 Analysten die Daten von mehr als 800 Unternehmen aus und schaffen damit die Basis für den CROCI-Investmentprozess.

 

CROCI ermöglicht den Vergleich von Unternehmen über Branchen und Regionen hinweg auf einer einheitlichen Grundlage, indem bei den Jahresabschlüssen von Unternehmen bestimmte Bereinigungen vorgenommen werden. Das Ziel ist es, Aktien auf Basis ihrer niedrigsten wirtschaftlichen Bewertung und damit aufgrund ihres Kurssteigerungspotenzials auszuwählen. Titel mit hoher Bewertung, die sich tendenziell eher schwächer entwickeln könnten, werden vermieden. Werte, die nach der CROCI-Analyse Wachstumspotenzial besitzen, dagegen bevorzugt. Beim CROCI Sectors Fund besteht ein zusätzlicher Faktor darin, dass nur die nach CROCI attraktivsten Sektoren ausgewählt werden.

 

Gleichgewichtung, Volatilität

Eine weitere Idee ist das Prinzip der Gleichgewichtung. Ein nach dem Kriterium der Marktkapitalisierung gewichteter Index richtet den Blick in den Rückspiegel der Finanzmärkte. Kleine Unternehmen, die in der Vergangenheit groß geworden sind, werden mit hohem Indexgewicht belohnt. Doch was passiert mit den aktuell noch kleinen Unternehmen? Sie haben kaum einen Einfluss auf den Index. Eine alternative Gewichtung eines Aktienindex kann also durchaus Sinn machen.

 

„Dies kann umgesetzt werden, indem man alle Indexunternehmen gleich gewichtet und durch regelmäßiges Rebalancing sicherstellt, dass einzelne Unternehmen oder Branchen keinen zu großen Einfluss auf die Indexent­wicklung haben können – wie beim db x-trackers S&P 500 Equal Weight ETF. Denn wenn man sich auf die Unternehmen konzentriert, die ohnehin schon groß geworden sind, ist die Chance eher gering, dass diese Aktien eine weiterhin starke Performance zeigen. Oder man konzentriert sich gleich ausschließlich auf Small Caps. Unser ETF auf den MSCI Europe Small Cap Index ist ein nach Marktkapitalisierung gewichteter, aber auf die kleinen Unternehmen fokussierter Fonds“, erläutert Martin Weithofer, Experte bei DeAWM. Auch nach der Volatilität der Aktien lässt sich ein Index alternativ gewichten. Aktien mit hoher Vola werden weniger berücksichtigt (= Minimum Volatility). Dazu kommen noch währungs- oder gegen Zinsrisiken abgesicherte Produkte. Wichtig dabei ist: Bei allen SmartBeta-Fonds handelt es sich nach wie vor um passiv gemanagte ETFs. Dabei kommen nur alternative Gewichtungsstrategien zum Einsatz. Subjektive Einschätzungen eines Fondsmanagers haben keinen Einfluss auf die Zusammenstellung des Fondsportfolios. Gemeinsames Merkmal aller SmartBeta-Strategien ist, dass sie transparent, kontinuierlich und auf Regeln beruhend angewendet werden. Die Anbieter unterscheiden sich jedoch darin, wie stark sie von dem zugrunde liegenden Index abweichen.

 

Was bringt das?

Rückrechnungen und vor allem auch erste Ergebnisse der SmartBeta-Fonds zeigen ein durchaus positives Bild. So schaffte der von db X-trackers aufgelegte S&P 500 Equal Weight seit Januar 2012 ein Plus von annähernd 53 Prozent, der traditionelle S&P 500 bringt es nur auf 48 Prozent (per 30.6.2014). Und der auf schwankungsarme Werte setzende  iShares Europe Minimum Volatility schneidet mit einer Einjahresrendite von fast 25 Prozent besser als seine Benchmark ab, und das bei geringerer Schwankungsbreite (der Euro Stoxx 50 kommt per Ende Juni auf eine Einjahresentwicklung von  +23,5%).

 

„Gleichgewichtete SmartBeta-Fonds können langfristig in Aufschwungphasen besser abschneiden als traditionelle ETFs, da sie die Kurschancen der noch günstigen kleineren Titel nutzen“, meint Deutschbanker Martin Weithofer. Allerdings: „Wichtig ist dabei zu verstehen, dass SmartBeta-Indizes keine Überrendite gegenüber klassischen Indizes versprechen, denn dies würde höhere Risiken bedeuten.

 

Aber sie können eine Entwicklung mit geringerer Schwankungsbreite oder eine deutlich geringere Abhängigkeit von der Entwicklung traditioneller Anlageklassen (geringere Korrelation) bieten“, erklärt Bahram Sadighian, ­iShares Head of Austria and Eastern Europe. Auch das Angebot von iShares setzt vorderhand auf die bekannten, bewährten Strategien. Dazu Sadighian: „Momentan bieten wir drei alternative Gewichtungsstrategien an.  Erstens Minimum Volatility, zweitens das Thema Währungsabsicherung und drittens die Absicherung gegen Zinsrisiken.“

 

Zur Strategie Minimum Volatility  gehören etwa der iShares S&P 500 Minimum Volatility ETF, der  iShares MSCI Europe Minimum Volatility ETF oder der iShares MSCI Emerging Markets Minimum Volatility ETF. Low Volatility Indizes sind Indizes, in denen Wertpapiere mit geringer Volatilität stärker gewichtet werden. Produkte zur Zinsabsicherung sind etwa der iShares $ Corporate Bond Interest Rate Hedged ETF und der iShares Euro Corporate Bond Interest Rate Hedged ETF.  Als währungsabgesicherte Indizes bieten wir den MSCI Japan EUR Hedged ETF,  iShares MSCI World EUR Hedged ETF und den  iShares S&P 500 EUR Hedged ETF an.

 

Und welche Performance konnten die iShares-Produkte erzielen? Die Wert­entwicklung in der Vergangenheit zeigt, dass z. B. die Minimum Volatility Indizes in den Abschwungphasen nur 64 Prozent Partizipation aufweisen. Dagegen konnten die Indizes Aufschwungphasen meist in großem Umfang nutzen (94 Prozent Partizipation, als Beispiel wurde der S&P 500 Minimum Volatility Index gewählt). So konnten die Indizes gegenüber ihren Ursprungsindizes in den vergangenen zehn Jahren stärkere risikobereinigte Renditen erzielen. Und die Kosten sind ähnlich günstig wie bei traditionellen ETFs.