Inhalt | Print-Ausgabe 03/2018
25.10.2018

Brexit-Endspurt: Heißer Herbst für UK-Aktien

Noch sind die Verhandlungen über Großbritanniens Austritt aus der EU mächtig festgefahren. Sollte sich noch vor dem Exit im Frühjahr 2019 eine vernünftige Lösung anbahnen, kann das interessante Chancen an der Londoner Börse eröffnen.

von Raja Korinek

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Das Ausmaß der Brexit-Diskussionen nimmt inzwischen skurrile Dimensionen an. So könnte etwa die kleine Stadt Lincoln im mittleren England demnächst in den Bann des Austritts gezogen werden. Wobei Brexit eine englische Mischung aus „Britain“ und „Exit“ ist. Beides zusammen ergibt ein Akronym, das derzeit wohl eher für Chaos als für eine Trennung in Freundschaft steht. Doch zumindest die Pläne für ein Brexit-Museum sind in Lincoln fix geschmiedet, wie auch der Name. „Museum der Souveränität“ will es der Erfinder Gawain Towler nennen und sieht es als „Zentrum für europäische Disintegration“. Fraglich bleibt nur, wie der Brexit in Großbritanniens Geschichte eingehen wird. Noch ist zwischen London und Brüssel nichts geklärt. Und so wächst die Sorge um einen ungeregelten EU-Austritt ohne vernünftiges Abkommen. Nicht ohne Grund hat die britische Premierministerin Theresa May die Verhandlungsgespräche zur Chefsache erklärt. Mark Carney, Präsident der britischen Notenbank zeigte sich indes besorgt über einen möglichen harten „Brexit“, ebenso wie der britische Außenminister Jeremy Hunt.

Währung unter Druck

Die Auswirkungen auf den Finanzmärkten sind dabei vielfältig. So lastet die Möglichkeit eines ungeordneten Brexit gehörig auf dem britischen Pfund. Und so wetten immer mehr Hedgefonds auf einen weiteren Währungsabsturz. Denn die Zeit drängt mittlerweile. Laut Artikel 50 des EU-Vertrags wäre Englands Mitgliedschaft schließlich im März 2019 beendet. Doch noch sind die Tage nicht endgültig gezählt, immerhin gibt es die Chance auf eine Annäherung. Für manche Experten ist sogar eine weitere Option denkbar. So könnte es auch zu einer erneuten Abstimmung kommen, die laut jüngsten Umfragen zugunsten der Pro-Europäer ausgehen könnte. Nur die Umsetzung wäre knifflig. Derzeit ist es äußerst umstritten, ob ein Austrittsantrag tatsächlich wiederrufbar ist. Möglich halten es Juristen im Europaparlament dennoch – unter bestimmten Bedingungen.

Unklar sind auch die Auswirkungen auf den Finanzplatz London. Internationale Banken wollen nach Kontinentaleuropa übersiedeln, während die Londoner Börse an Notfallplänen tüftelt. Zumindest der Leitindex FTSE 100 hat sich seit dem Brexit-Votum von Mitte 2016 gut geschlagen. Gleich nach dem negativen Ausgang knickte das Börsenbarometer zwar kurz ein, zog danach aber zügig an.

Und das ist vor allem auf die Entwicklung zahlreicher global tätiger Konzerne zurückzuführen, die vom stark gesunkenen Pfund besonders profitieren. Dazu zählt etwa Reckitt Benckiser, der Konzern produziert Reinigungsprodukte, Haushaltswaren, Babykost und verkauft rezeptfreie Medikamente. Oder der Getränke- riese Diageo sowie der Finanzriese HSBC. Dabei sind es vor allem die Exportwerte die bei einem ungeordneten EU-Austritt weiteren Rückenwind erhalten dürften, falls es dann nicht zu einem breit angelegten Abverkauf britischer Aktien kommt. Denn in einem derartigen Szenario dürfte das britische Pfund noch weiter unter Druck geraten, mahnt Simon Nichols, Portfoliomanager des Newton UK Equity Fund von BNY Mellon.

Der Fonds wäre jedenfalls gewappnet, das Vermögen hat derzeit einen signifikanten Anteil an britischen Unternehmen mit einem großen Umsatzanteil im Ausland. Allerdings hat Nichols auch klare Ausschlusskriterien: Gemieden werden etwa Unternehmen, die politisch exponiert seien, wozu etwa Aktien aus der Versorgerbranche zählen. Zu fragil sei das aktuelle politische Umfeld, begründet Nichols die Entscheidung.

Chancen oder Chaos

Doch was, wenn sich das Blatt zum Guten wendet? Das wirft die Frage nach den Chancen auf, die sich für Anleger ergeben, wenn sich die Fronten zwischen der EU und England aufweichen. Das wäre eine Stütze gerade für jene Titel, die einen starken Fokus auf den UK-Binnenmarkt haben. Viele Anleger hatten sie nach dem Brexit-Votum gemieden. Groß war die Sorge um die Konjunkturentwicklung in England. Doch die Einschätzung könnte sich bei einem Fortschritt der Verhandlungen – oder womöglich einem neuen Votum – dann schlagartig ändern. Wobei inzwischen schlechte Nachrichten bei UK-Aktien grundsätzlich eingepreist seien, resümiert man bei Columbia Threadneedle.

Dabei sind es vor allem jene Titel mit einem Fokus auf den Binnenmarkt, die im Vergleich zu Aktien global ausgerichteter UK-Konzerne noch unterbewertet seien, findet Chris Kinder, Portfolio Manager des Threadneedle UK Fund. Und so wurde beispielsweise Whitbread in das Portfolio aufgenommen, da die Bewertungen extrem günstig seien. Immerhin dürfte die Billighotelkette Premier Inn Chain, die ebenfalls zu Whitbread gehört, auch in einem Umfeld niedrigen Wachstums profitieren können, meint der Threadneedle-Experte.

Schon vor einiger Zeit investierte Kinder zudem in den britischen Küchenausstatter Howden Joinery. Das Unternehmen hat rund 670 Depots quer durch England. Der Titel ist im übrigen Teil des breiter gefassten FTSE 250-Index, in dem zahlreiche Firmen mit einem starken Fokus auf dem Binnenmarkt enthalten sind. Es sind aber auch zahlreiche Finanz- und Immobilientitel enthalten sowie die Aktien kleinerer Rohstoffgesellschaften. Interessierte Anleger können auf den Index beispielsweise mit einem ETF (Exchange Traded Fund) investieren. Dabei bilden ETFs lediglich einen Index ab, ohne dass Fondsmanager aktive Entscheidungen treffen.

Tabelle: UK-Fonds im Überblick


Defensive Aktien im Fokus

Obendrein hat Kinder bei defensiven Aktien aufgestockt, etwa bei BT Group (ehemals British Telecom). Die Dividendenrendite – sie beträgt rund sieben Prozent – sowie das günstige Kurs-Gewinn-Verhältnis seien besonders verlockend, die Wachstumsaussichten intakt. Aus den gleichen Gründen hat Kinder bei Imperial Tobacco und British American Tobacco zugekauft. Allerdings seien defensive britische Aktien Columbia Threadneedle zufolge nicht mehr durchgehend günstig. Besonders fündig wird etwa Nicholas Little, Fondsmanager des BGF United Kingdom Fund von BlackRock auch im Konsumsektor. Die größte Fondsposition entfällt auf die Lebensmittelkette Tesco. Auch der Finanzdienstleister Hargreaves Lansdown hat eine hohe Gewichtung im Fonds.

Womit der BlackRock-Experte nicht alleine dasteht. Auch bei BNY Mellon habe man zuletzt günstige Gelegenheiten im inländischen Finanzsektor gefunden. „Aufgrund der aktuellen Unsicherheiten rund um Brexit wird übersehen, dass einige Branchenfirmen inzwischen solider aufgestellt sind also noch vor einigen Jahren“, betont Nichols. Auch in ausgewählten Immobilienaktien sei man investiert, da der Nachfragerückgang in den Aktienkursen enthalten sei, meint Nichols.

Übernahmen blühen

Dabei gibt es noch eine Entwicklung, die zunehmend an Dynamik an der Londoner Börse gewinnt. Das günstige Pfund macht einige UK-Titel nämlich zu interessanten Übernahmekandidaten. Und zwar sowohl für ausländische als auch für inländische Konzerne auf der Suche nach günstigen Chancen. Dazu verweist Little etwa auf die geplante Fusion zwischen den zwei Lebensmittelketten Asda und Sainsbury. Erst im Juni gab die Clydesdale and Yorkshire Bank Group die Übernahme von Virgin Money bekannt. Damit entsteht die sechstgrößte Bank in England. Beide Aktien sind ebenfalls im FTSE 250 enthalten.

Noch gibt es aber viele offene Fragen rund um den Brexit. Auch die geopolitischen Ereignisse haben Auswirkungen, und zwar auf die Märkte rund um den Globus. Interessierte Anleger müssen deshalb größere Kursschwankungen aushalten können, und auch das Währungsrisiko bei einem UK-Investment im Auge behalten.