Inhalt | Print-Ausgabe 02/2020
26.06.2020

Biotech-Branche sagt der Pandemie den Kampf an

Das Coronavirus hat die Biotech-Branche schlagartig ins Rampenlicht zurückgeholt. Gleichzeitig werden erste bestehende Medikamente für die Akutbehandlung klinisch getestet und auch die Entwicklung von prophylaktischen Impfstoffen läuft bereits auf Hochtouren.

von Wolfgang Regner

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Unmittelbare Priorität haben antivirale Mittel, die die Vermehrung des Virus im Körper stoppen. Dabei geht es nicht um eine komplette Heilung, sondern um die Reduktion der Virenlast und einen milderen Krankheitsverlauf. Remdesivir von Gilead ist ein Protease-Hemmer. Protease ist ein Enzym, das bei der Virusproduktion entscheidend beteiligt ist. Den Ansatz einer passiven Immunisierung, das heißt die Verabreichung von rekombinant produzierten Antikörpern zur Neutralisierung des Virus, verfolgen Unternehmen wie Regeneron Pharma und Vir Therapeutics. Diese Projekte befinden sich noch in präklinischen Versuchen und mit ersten Tests kann allenfalls im Sommer begonnen werden. Auch Antikörpercocktails kommen bei der passiven Immunisierung zum Einsatz.

Das Wettrennen hat begonnen

Ein langfristiger Schutz vor einer Infektion mit Covid-19 kann nur mit einer aktiven Immunisierung erreicht werden. Die Pharmakonzerne Johnson & Johnson, GlaxoSmithKline und Sanofi arbeiten an rekombinanten Vakzinen. Diese klassischen Verfahren sind komplexer und langsamer. Eine Zulassung ist deshalb frühestens in 12 bis 18 Monaten zu erwarten. Einen anderen Ansatz verfolgt Moderna mit seinem mRNA-basierten Impfstoff. Dieser zielt darauf ab, gesunden Menschen mRNA zu injizieren, die ausgewählte virale Proteine produziert und damit eine Immunantwort auf diese Virenproteine erzielt. Somit entsteht ein längerfristiger Schutz vor einer möglichen Ansteckung oder die Infektion verläuft deutlich milder. Vakzine auf der Basis von mRNA-Technologien haben auch Biotechfirmen wie CureVac, BionTech und Translation Bio aufgegriffen, sind aber erst in der präklinischen Entwicklung. Moderna ist am weitesten fortgeschritten. Die Firma wäre auf Sicht der nächsten sechs bis zwölf Monate in der Lage, 100 Millionen Dosen für 50 Millionen Personen zu liefern. Einige Biotech-Fonds sind stark in Biotechfirmen investiert, die in der Covid-Forschung engagiert sind. So etwa der Allianz Biotechnologie, Gilead ist mit 9,4 Prozent die größte Fondsposition. Der Bellevue (Lux) BB Adamant Biotech, gemanagt von Christian Lach und Hanns Frohn-meyer, hält eine Exposure von rund sieben Prozent. Insgesamt halten sie den höchsten Corona-Anteil im Portfolio mit aktuell 28,5 Prozent. Es folgen der Candriam Equities L Biotechnology, der breiter gestreut ist sowie der Medical BioHealth. Dieser legt den Fokus auf Nebenwerte, was sich in der Langfristperformance auszahlt.

Körper als „Bioreaktor“

Der vielleicht aussichtsreichste Weg für die Forschung ist mRNA – hier wird der Körper als „Bioreaktor“ genutzt, um einen Impfstoff herzustellen. Bei diesem Verfahren erhalten die Zellen die molekulare Vorlage (Boten-RNA = mRNA), die nötig ist, um Virusproteine zu bilden. Diese Proteine dienen dann als Trigger für die Produktion von Antikörpern. mRNA ist ein sehr cleveres Verfahren, wurde aber noch nie getestet. Die erste Hürde besteht darin, dass eine Antikörper-Reaktion hervorgerufen werden muss, die stark genug ist. Eine schnellere Lösung, wenn auch in kleinerem Maßstab, könnte aus der Therapeutik kommen. Einige Biotech-Unternehmen arbeiten daran, Antikörper gegen das Coronavirus herzustellen. Diese Antikörper sollen neutralisierend wirken – sie heften sich wie Kletten an die Virusoberfläche an, damit sich das Virus nicht an die Zellen binden und im Körper ausbreiten kann. Die Antikörper könnten prophylaktisch den am meisten gefährdeten Personen injiziert werden. Auch könnten bereits erkrankte Personen damit behandelt werden. Wird die Krankheit nicht frühzeitig erkannt oder wirkungsvoll bekämpft, kann es sein, dass das Immunsystem in einen sogenannten Overdrive schaltet und anfängt, den Körper anzugreifen (aseptischer Schock).

Auf die Unterdrückung dieser Überreaktion des Immunsystems – indem der Interleukin-6-Rezeptor blockiert wird – zielen Arzneimittel ab, die für die Behandlung der Krankheit in den späteren Phasen bestimmt sind, wie Kevzara von Regeneron und Sanofi. Diese sind eigentlich als Rheumamittel entwickelt worden. Auch Roche mischt hier mit RoActemra mit.

Immunystem stimulieren

„Mittelfristig könnte der Fokus der Medikamentenentwicklung auf den Synergiepotenzialen für Wirkstoffcocktails liegen, die das Virus von verschiedenen Seiten angehen. Dadurch soll die Wirksamkeit maximiert werden“, ist Mario Linimeier, bei Medical Strategy Fondsberater des Medical BioHealth überzeugt. Wie etwa Virostatika: Sie unterbinden den Vermehrungsprozess der Viren, indem sie bestimmte Enzyme oder Proteine blockieren oder per RNA-Interferenz die für diese Replikation zuständigen Gene ausschalten. Das zuverlässigste Verfahren ist aber die aktive Immunisierung. Die größte Zahl an Impfstoffen wird in diesem Bereich entwickelt. Biotechfirmen forschen an neuartigen RNA-Vakzinen und Technologien, die das Immunsystem stimulieren. Bei mRNA-Impfungen werden keine Viruspartikel gespritzt, sondern Partikel (Antigene, an denen das humane Immunsystem trainiert wird) werden auf Basis eines genetischen Codes in Form von mRNA im Patienten selbst generiert. Weil die Herstellung von mRNA-Impfstoffen einfacher ist als bei traditionellen Impfstoffen, verläuft ihre Entwicklung in bisher beispiellosem Tempo.

Der Impfstoff von Moderna war lediglich zehn Wochen nach der Entschlüsselung der genetischen Sequenz des Erregers in den ersten Phase-1-Patienten injiziert worden. Jedenfalls bietet die Corona-Krise der Biopharma-Branche die Gelegenheit, ihre geballte Schlagkraft in der Arzneimittelentwicklung zu demonstrieren. „Innerhalb von wenigen Monaten haben Pharmahersteller 500 unterschiedliche Entwicklungsprojekte initiiert. Dabei zeigt sich eine große Bandbreite an unterschiedlichen Ansätzen und Technologien,“ weiß Linimeier. Er betont: „Im Bereich der Impfstoff-Entwicklung konzentrieren sich die Bemühungen primär darauf, eine Immunreaktion gegen das Spike-Protein auf der Corona-Virus-Oberfläche auszulösen. Jedoch ist derzeit unklar, ob ein einzelnes virales Antigen ausreichend ist, um eine Langzeit-Immunisierung im Menschen zu bewirken. Deshalb könnte es sein, dass man Impfstoffe benötigt, um eine breite Immunantwort auszulösen.“

Aktiv & passiv

Christian Lach, Lead Portfolio Manager des BB Adamant Biotech Fonds, verweist auf zahlreiche neuartige Forschungsansätze. So kooperiere das US-Biotechunternehmen Vir Biotech mit der chinesischen Firma Wuxi Biologics. Es selektiere Antikörper, die 2003 aus dem Blutserum von ehemaligen SARS-Patienten gewonnenen wurden und auch SARS-CoV-2 und weitere Coronaviren neutralisieren können. „Diese werden so modifiziert, dass die Immunreaktion etwas gesteuert werden kann und sich im besten Fall sogar ein Immungedächtnis ausbildet, also salopp formuliert eine Mischung aus passiver Immunisierung und Vakzin ‚light‘“, sagt Lach.

Sinnvoll soll eine passive Immunisierung vor allem für ältere Personen oder Menschen mit Vorerkrankungen sein, die bei einer neuen Infektionswelle schnell versorgt werden müssen. Nur eine aktive Immunisierung könne jedoch eine dauerhafte Immunisierung gegen Covid-19 gewährleisten. Dabei bildet das Immunsystem, sobald es in Kontakt mit abgeschwächten Krankheitserregern oder Fragmenten kommt, spezifische Antikörper gegen das Virus. Die US-Firma Moderna ist hier am weitesten fortgeschritten und startete im März die erste klinische Studie. Im zweiten Quartal ist eine breiter angelegte Wirksamkeitsstudie angelaufen. Andere Vertreter dieser Technologie mit mRNA-Vakzinen sind Curevec, BioNtec mit Pfizer und TranslationBio mit Sanofi. Angesichts der Notwendigkeit, Milliarden von Menschen vermutlich mehrfach zu impfen, benötigt der Markt, wie es heisst, mehrere erfolgreiche Anbieter für eine genügende Anzahl Impfdosen.“

Das Portfolio des BB Adamant Biotech Fonds enthält aktuell zu rund 28 Prozent Firmen, die mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie in Verbindung stehen. Größtenteils handelt es sich dabei um Medikamentenentwickler. Unter den in der Summe acht Unternehmen bilden Gilead Sciences und Regeneron Pharma die größten Positionen. „Darüber hinaus halten wir Positionen bei Moderna, Alnylam, BioNtec, Vir Biotech, Wuxi Biologics, Astellas Pharma sowie den beiden Diagnostikfirmen Illumina und Qiagen, welche bei der Gensequenzierung und der Diagnose des SARS-CoV-2-Virus eine wichtige Rolle spielen,“ so Lach. Eine etwas abweichende Einschätzung gibt Rudi Van Den Eynde, Fondsmanager des Candriam Eq L Biotechnology.

Wettlauf gegen die Zeit

Die jüngeren Forschungen über die Funktionsweise der mRNA (Boten-RNA), viraler Vektoren bei Impfstoffen, oder Antikörper-Cocktails kommen jetzt positiv zum Tragen. Gleiches gilt für rekombinante DNA (künstliche DNA-Moleküle, die in vitro, mittels gentechnischer Methoden wie Restriktion und Ligation, neu zusammengesetzt werden). Darunter befinden sich zahlreiche Medikamente, die schon vor Jahren für völlig andere Krankheiten, etwa Rheuma, entwickelt wurden. „Abgeschwächte Corona-Viren sind aktuell keine wirkliche Option, denn der Prozess dauert recht lange. Wir befinden uns schließlich in einem Wettlauf gegen die Zeit. Rekombinante Virusproteine, wie das ‚Spike Protein‘, sind gut erforscht, z. B. bei Grippeimpfungen.“

„Die Herstellungstechnologie läuft über rekombinante DNA und ist gut bekannt. DNA-Impfstoffe haben bisher enttäuscht, während RNA-Vakzine, die mRNA zur Herstellung von Antigenen im Körper des Patienten einsetzen, spannend sind“, erläutert der Candriam-Experte. Bei anderen Infektionen seien sie bereits mit guter Wirkung und Sicherheit zum Einsatz gekommen. Wichtig dabei die flüssigen Nanopartikel, welche die mRNA umhüllen. Hier gebe es noch potenzielle Probleme. „Virale Vektoren sind riskanter, sie bringen Genmaterial in die Zellen des Patienten, um das erwünschte Antigen für die Immunantwort zu produzieren. Rekombinante DNA, sowie mRNA bieten das beste Chancen-Risiko-Profil,“ weiß Van den Eynde.

Der Candriam Eq L Biotech hält aktuell rund zwölf Prozent des Fondsvolumens in Covid-assoziierten Unternehmen, Firmen, die Testverfahren, Impfstoffe und Medikamente erforschen und herstellen. Meist ist ihr Umsatzanteil an diesen Dingen aber noch recht klein. Der Ausblick ist positiv, denn der Biotechsektor hat durch seine massiven Forschungsanstrengungen viel Goodwill hinzugewonnen.