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19.12.2019

Aktien bleiben die erste Wahl

Geht den Börsen in 2020 die Luft aus? Nach den jüngsten Kurshöchstständen an der Wall Street und starken Kurszuwächsen auch an den Heimatmärkten blicken viele Anleger beunruhigt nach vorn. FONDS exklusiv befragte sieben Vermögensverwalter, wie sie die künftigen Entwicklungen an den weltweiten Börsen einschätzen. Für Aktien heben sie im Anlagejahr 2020 den Daumen. Anlegern eröffnen sich damit erneut lukrative Ertragschancen. Doch es wird starke Nerven erfordern.

von Kay Schelauske und Wolfgang Regner

"Viele Investoren haben Angst vor einer baldigen Rezession. Aus unserer Sicht haben wir es eher mit einer innerzyklischen wirtschaftlichen Abschwächung zu tun", sagt Torsten Reidel und sieht angesichts einer weiter intakten Konjunktur auch in naher Zukunft reichlich Chancen am globalen Aktienmarkt. "Die Erwartungshaltung der Anleger ist relativ gering und die Wirtschaft kann auch nach über zehn Jahren im Bullenmarkt noch positiv überraschen", ergänzt der Geschäftsführer von Grüner Fisher Investments. Der Vermögensverwalter macht das an einem Beispiel fest: Für Schlagzeilen sorge das verarbeitende Gewerbe. Die Stärke des Dienstleistungssektors stehe hingegen viel weniger im medialen Fokus. Dabei trage dieser Bereich weitaus mehr zum Bruttoinlandsprodukt bei als die Industrie. „Die derzeitige Schwäche der Weltwirtschaft ist im Wesentlichen auf politische Entscheidungen und Ereignisse, insbesondere den Handelskonflikt und den Brexit, zurückzuführen“, meint Marco Herrmann, Chief Investment Officer bei der Fiduka-Depotverwaltung. Sollte Donald Trump ein mögliches Amtsenthebungsverfahren überstehen, könnten die im November 2020 anstehenden US-Präsidentschaftswahlen ihn antreiben, den Zollstreit mit den Chinesen zu deeskalieren. Auch Wahlgeschenke des US-Präsidenten in Form von Einkommensteuersenkungen hält Herrmann für möglich. In der Summe könne das der Wirtschaft den nötigen Impuls geben. Für ihn steht jedenfalls fest: „Entspannt sich die Lage im Handelskonflikt, dürften Aktien aus Europa und den Schwellenländern stärker als US-Aktien profitieren.“

Manfred Schlumberger ortet bei Trump ebenfalls kein Interesse, den Handelskonflikt vor den Präsidentschaftswahlen zu verschärfen. Denn eine weitere Konjunkturabschwächung würde seine Wiederwahl gefährden. „Trump wird stattdessen Kreide fressen und kleine Deals als große Siege verkünden. Die Chinesen werden ihm diesen Triumph gönnen und ihren Erfolg, nämlich keine nennenswerten Zugeständnisse zu machen, still genießen“, sagt der Vorstand von StarCapital. Insofern könnte das Gewinnwachstum der Unternehmen 2020 weltweit wieder leicht nach oben drehen. Hiervon würden Europa, ganz besonders Deutschland sowie auch Japan, profitieren. Ein absehbares Ende des Brexit-Dramas sollte Europa zusätzlich helfen. Schlumberger betont: „Ein harter Brexit kann wohl ausgeschlossen werden“, und fügt hinzu, dass man aktuell die Chancen nutze, welche britische Aktien und das Pfund eröffnen.

Auch Frank Fischer findet in Großbritannien geeignete Kandidaten. „Hier sorgt die Unsicherheit über den Brexit immer wieder für gute Gelegenheiten“, sagt der Vorstandsvorsitzende von Shareholder Value Management. „Generell ist es positiv zu sehen, wenn der Brexit endlich vom Tisch ist. Unternehmen profitieren von schwindender Unsicherheit und wissen, womit sie es zu tun haben und welche neuen Hürden es gibt“, ergänzt Reidel. Außerdem: Wer dem Brexit gegenüber sehr negativ eingestellt ist, der hätte theoretisch sein Depot seit Juni 2016 defensiv aufstellen müssen, merkt der Geschäftsführer von Grüner-Fisher Investments an. Die seither positive Entwicklung belege aber, dass sich die globalen Märkte von dem Briten-Chaos nicht beeindrucken lassen.

Für Winfried Walter sind die Auswirkungen von politischen Belastungsfaktoren wie Handelskonflikt und Brexit auf Unternehmensgewinne und volkswirtschaftliche Frühindikatoren inzwischen offensichtlich. Selbst in der bislang so vermeintlich robusten US-Volkswirtschaft zeigen sich die Anzeichen einer Wachstumsverlangsamung, so die Einschätzung des Vorstands der Schneider, Walter und Kollegen Vermögensverwaltung. Deshalb ist ein Stop-and-Go-Markt in einer breiten Spanne analog der Kursentwicklungen seit Mai 2019 für ihn ein wahrscheinliches Szenario.

Mehr Zurückhaltung mahnt auch Herrmann an, indem er empfiehlt, in den USA, wie auch in Europa, besser von Gewinnsteigerungen in Höhe von fünf statt von zehn Prozent auszugehen – vorausgesetzt es gibt keine weitere Eskalation im Handelsstreit. „Wir glauben, dass der einzige maßgebliche Treiber an den Märkten nur noch die übertriebene Politik des billigen Geldes ist“, bringt es Walter auf den Punkt und ergänzt: „Ein wirkliches reales Wachstum findet zumindest in den etablierten Volkswirtschaften (G7) nicht statt.“ Und die Emerging Markets? Die Märkte, allen voran der chinesische, haben durch den Handelskonflikt einen deutlichen Dämpfer erhalten. Für den Vermögensverwalter kommt es jetzt darauf an, inwieweit der kommunistische Staat bei der Transformation zu einer Konsumgesellschaft vorankommt. „Nach zehn Jahren Wirtschaftserholung beziehungsweise dem längsten Zyklus der Wirtschaftsgeschichte rechnet man allgemein damit, dass der Aufschwung früher oder später an Altersschwäche zugrunde geht. Tatsächlich kann sich der Aufschwung aber unerwartet lange fortsetzen“, meint Jens Ehrhardt, Gründer und Vorstandsvorsitzender von DJE Kapital. Auch für ihn setzt das eine weiter expansive Notenbankpolitik voraus. Die vergangene Rolle rückwärts der US-Notenbank und deren neues Quantitative Easing-Programm, das eine Liquiditätserhöhung bis Ende März in Höhe von 360 Milliarden US-Dollar umfasse, dürfte nach Einschätzung des Vermögensverwalters ein Schritt zur Fortsetzung des internationalen Aufschwungs sein. Manfred Schlumberger bestätigt: „Der wichtigste positive Faktor für die Aktienmärkte ist die erneute Geldflutung durch die Notenbanken.“ Nach seiner Einschätzung werden die Zinssenkungen in den USA und Europa sowie die Anleihekäufe (QE) beider Notenbanken einschließlich der japanischen die Aktienmärkte weiterhin mit ausreichend Liquidität versorgen und ihnen den Weg zu neuen historischen Höchstständen ebnen.

M&A-Deals unterstützen

Unterstützung erhalten die Börsen dabei nach Einschätzung des Fiduka-CIO durch weiter zunehmende Mergers & Acquisitions-Transaktionen: Zum einen würden es die niedrigen Zinsen Unternehmen erleichtern, Wettbewerber mit günstigen Krediten bzw. anleihefinanziert zu übernehmen. Zum anderen säßen Private- Equity-Fonds auf einem riesigen Berg von Cash in Höhe von fast 2.500 Milliarden US-Dollar, der irgendwie noch investiert werden muss. „Historisch betrachtet“, so Herrmann, „ging stets ein großer Teil davon in Akquisitionen börsennotierter Gesellschaften.“

Die Notenbanken haben die Kapitalmärkte seit der Finanzkrise bereits durch zuvor nie dagewesene Liquiditätsschübe von zusammen über zehn Billionen US-Dollar angetrieben, merkt Ehrhardt an. Die Anleihekäufe und die historisch einmaligen Negativ-Zinsen haben besonders die Anleihemärkte direkt beeinflusst, weshalb hier die Überbewertung am größten sei. Anders bei Aktien. Die Dividendenpapiere profitierten zwar nicht unerheblich vom Öffnen der Geldschleusen. Im historischen Vergleich sind sie jedoch nicht ungewöhnlich über-, im Value-Bereich sogar unterbewertet. Frank Fischer bestätigt attraktive Bewertungen in diesem Bereich. „Wir finden solche Unternehmen in unterschiedlichen Segmenten“, sagt der Value-Investor und verweist beispielhaft auf klassische Industriewerte, Luxusanbieter wie LVMH oder Tourismus-titel wie booking.com.

 

Tabelle: Aktienmärkte im Vergleich



Nach Analysen von Marco Herrmann sind Aktien auf Basis von Kennziffern wie Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) und Kurs/Buchwert-Verhältnis (KBV) nur auf Höhe des langfristigen Durchschnitts bewertet. Lediglich in den USA liege das Niveau über dem der Vergangenheit. „Im Vergleich zu den Alternativen am Anleihemarkt waren Aktien jedoch noch nie so günstig wie heute“, betont Hermann und fügt hinzu: „Dies bietet Aktien auf längere Sicht die Chance auf eine Neubewertung, solange die Zinsen auf dem niedrigen Niveau verharren.“ Der Hintergrund: In den 80er und 90er Jahren zeigte sich, dass mit deutlich fallenden Zinsen die Bewertungen am Aktienmarkt nach oben gingen. So sei das KGV beim Deutschen Aktienindex (DAX) und beim S&P 500-Index von knapp unter 10 Anfang der 80er Jahre bis auf über 20 zum Ende der 90er Jahre gestiegen. Aktuell liegt das 2020er-KGV beim DAX bei 13,3 und beim S&P 500 bei 16,5. „Da wäre also noch Luft nach oben, insbesondere, weil die Zinsen heute wesentlich niedriger sind als vor 30 Jahren“, stellt der Fiduka-CIO fest.

„Nach der 180-Grad-Wende der US-Notenbank scheint es offensichtlich, dass inzwischen alle Notenbanken begriffen haben, dass eine Rückkehr zur Bilanznormalisierung unmöglich geworden ist“, sagt Ehrhardt. Vielmehr gebe es nur einen Weg nach vorn, weil die Risiken einer Rezession nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozialpolitisch extrem gewachsen sind. Man denke nur an die ungleich verteilten Vermögen und Einkommen sowie die daraus resultierenden Konflikte. Die Konsequenzen sind für den Vermögensverwalter klar: „In Zukunft wird man mit mehr oder minder starker monetärer Stimulierung und auch zunehmend fiskalpolitischer Expansionspolitik rechnen müssen, damit ein internationales Konjunkturdesaster verhindert werden kann.“ Und Schlumberger hält fest: „Die EZB kann nur langsam und extrem moderat die Zinsen erhöhen bzw. Liquidität entziehen.“ Ansonsten würde sie eine Rezession riskieren und die Refinanzierung der hohen Staatsverschuldungen (ex Deutschland) gefährden. Der StarCapital-Vorstand ergänzt: „Da die Inflation voraussichtlich niedrig bleibt, ist dieses Risiko sehr überschaubar.“ Auch Ehrhardt sieht die Notenbanken erst bei einer stärkeren Inflation zum Tritt auf die geldpolitischen Bremsen genötigt. Ein solcher Preisauftrieb sei aber noch nicht in Sichtweite.

Rezessionsrisiko überschaubar

Eine Rezession dürfte daher nach Einschätzung des Vermögensverwalters in nächster Zeit allenfalls den europäischen Exportnationen drohen. Aber dies nur in begrenztem Ausmaß, wenn man am „kommenden Aufschwung in den USA via Exporte teilhaben kann“. Wichtig wäre dann, dass der Handelskonflikt nicht weiter an Schärfe gewinnt. Prohibitive US-Zölle gegen Europa, also solche, bei denen die Importe der betreffenden Güter wegen der extremen Zollbelastung zum Erliegen kämen, würden laut Ehrhardt die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in Europa erhöhen.



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