Meldungen | Marktkommentar
15.02.2017

Woher könnte 2017 ein Wachstumsschub kommen?

Philippe Waechter, Chefökonom von Natixis Global Asset Management, über die Inflation, die geldpolitischen Maßnahmen und andere Faktoren, die in diese Jahr eine Rolle spielen werden.

Philippe Waechter, Chefökonom von Natixis Global AM

Philippe Waechter, Chefökonom von Natixis Global AM

Foto: Natixis

Die Weltwirtschaft scheint sich Anfang 2017 auf einem guten Weg zu befinden. Doch die Rahmenbedingungen sind heute völlig andere als noch vor der weltweiten Finanzkrise 2007/2008. Das Trendwachstum ist schwächer als zuvor, und die Inflationsraten bleiben niedrig. Daher werden meiner Einschätzung nach die Zinsen in den Industrieländern niedrig und die geldpolitischen Maßnahmen praktisch das gesamte Jahr über expansiv bleiben, selbst in den USA. In den vergangenen Jahren hat die Weltwirtschaft von einer stabilen Fiskalpolitik in den westlichen Ländern, sehr expansiver Geldpolitik und niedrigen Ölpreisen profitiert. Gleichzeitig hat sich durch das verringerte Wachstum und die neue binnenwirtschaft-sorientierte Wachstumsstrategie in China der Druck auf die westlichen Länder verringert. Aufgrund dieser Rahmenbedingungen konnte die Privatwirtschaft in Europa und den USA ihr Verhalten situationsgerecht anpassen. Eine Anpassung des Verhaltens an eine geänderte Fiskalpolitik (wie wir sie 2011–2013 in Europa und den USA gesehen haben) oder an wettbewerbsfähigere Produkte aus Asien hat jedoch noch nicht stattgefunden. Für Schwellenländer stellt die Rolle Chinas weiterhin den größten Unsicherheitsfaktor dar. Das neue chinesische Wirtschaftsmodell mit seinem Fokus auf dem Binnenmarkt bedeutet gegenüber dem bisherigen exportgetriebenen Modell eine Schwächung der Schwellenländer. Am deutlichsten wird dies in Afrika und Lateinamerika, wo Brasilien und Argentinien schwere Rezessionen durchlaufen haben. In Asien sind die Verbindungen zu China enger, sodass die Region weniger stark betroffen ist.

Weiterhin niedrige Inflationsraten

In der Eurozone dürfte die Inflation unter dem von der EZB formulierten Ziel von 2 Prozent bleiben (außer am Anfang des Jahres, wo ein Basiseffekt des Ölpreises die Inflation vorübergehend erhöht). In den USA haben sich auch nach einem bereits seit dem zweiten Quartal 2009 andauernden Konjunkturzyklus noch keine Spannungen bei den Gehältern oder Preisen ergeben. In der nahen Zukunft wird die US-Inflationsrate wahrscheinlich leicht über das Ziel der US-Notenbank von 2 Prozent hinausklettern. In Großbritannien scheint die Inflation nach der Abwertung des Pfunds in Folge der Brexit-Abstimmung leicht anzuziehen, auf Werte knapp über dem Ziel der Bank von England. Ich rechne mit 3 Prozent am Ende dieses Jahres. Auch in den Schwellenländern bleiben die Inflationsraten niedrig. Selbst in Brasilien geht die Inflation nach den hohen Werten von Anfang 2016 wieder zurück.

Wo ist das Wachstum?

In früheren Konjunkturzyklen kamen vom Welthandel immer wieder Wachstumsimpulse. Leider ist das nicht mehr der Fall. Daher sind die USA und China nicht mehr in der Lage, die Rolle einer Wachstumslokomotive für die Weltwirtschaft zu übernehmen. Nach den Zahlen vom Oktober 2016 wächst das Welthandelsvolumen momentan um weniger als 1 Prozent jährlich. Das bedeutet, dass die einzelnen Länder bzw. Regionen ihr Wachstum selbst generieren müssen.