Meldungen | Marktkommentar
27.11.2015

Wir gehen in die Verlängerung

Das Wachstum in den USA ist zwar moderat aber weniger für Übertreibungen und Rezessionen anfällig, als in den 1980er und 1990er Jahren, meint James Swanson, MFS Chief Investment Strategist.

James Swanson, MFS Chief Investment Strategist

James Swanson, MFS Chief Investment Strategist

Foto: MFS

Investoren sehen sich dieser Tage mit gemischten Signalen konfrontiert und mit Märkten, die keine richtige Richtung vorgeben: widersprüchliche Nachrichten, gegenläufige Wirtschaftsdaten und ein Dow Jones, der an einem Tag 150 Punkte fällt während er am nächsten Tag eine Rally von 250 Punkten hinlegt. Zum Jahresende wird ein hart umkämpftes Match in der Wirtschaft und an den Märkten vor einem Publikum verwirrter Investoren ausgetragen. Die Pessimisten stürzen sich auf jedes kleinste enttäuschende Signal, als Zeichen einer bevorstehenden Rezession. Während sich die Optimisten auf die eher positiven Veröffentlichungen fokussieren und für sich beanspruchen, dass die Zahlen besser werden. Allein im letzten Monat sind die US-Einzelhandelsumsätze ins Stocken geraten, gefolgt von der Nachricht, dass der gesamte private Verbrauch (PCE) zugenommen hat. Ähnlich in China, wo mehr und mehr schlechte Nachrichten über Fertigung und Produktion zu lesen waren. Dennoch wurde einige Tage später berichtet, dass die Einzelhandelsumsätze um zehn Prozent jährlich gestiegen sind und der chinesische Dienstleistungssektor sich gut behauptet. In Europa, wo das verarbeitende Gewerbe zwar rückläufig bleibt, hat die schwächere Währung den Exporten geholfen und deutsche sowie italienische Verbraucher haben ihre Ausgaben ausgeweitet.

Im Zinsuniversum bedrängen uns Sorgen, dass der bevorstehende Zinsschritt der Fed das US-Wirtschaftswachstum verlangsamen und globales Wachstum behindern könnte. Zugleich prognostizieren die Märkte weiterhin, dass die Zinsen langfristig niedrig bleiben. Wer hat recht und wer nicht? Werden sich die Dinge besser oder schlechter entwickeln?

Den Sinn erkennen

Zunächst einmal sollte das Risiko einer Rezession die größten Sorgen bereiten. Das Ende eines Wirtschaftszyklus bringt Probleme für Portfolios, die nicht total wasserdicht und risikofrei sind. Rezessionen sind Episoden scharfer Ausgabenkürzungen und stark abnehmender Gewinne. Aber Rezessionen passieren nicht ohne Grund. Hierfür muss es eine Art Schock geben, der die Expansion beendet und die Ausgaben und Gewinne vereinnahmt. Seit Ende des 2. Weltkrieges zählten zu derartigen Schocks etwa Zinssteigerungen, Ölpreis- und Währungsverschiebungen oder andere Exzesse, die einer Korrektur bedurften. In den meisten Fällen haben wir eine Kombination an Schocks erlebt. Normalerweise heilen steigende Zinsen die Auswüchse oder Blasen, die sich in der Wirtschaft gebildet haben.

Im Moment sehen wir allerdings keine großen Auswüchse – nicht am Arbeitsmarkt, nicht an den Finanzmärkten und nicht in den Inflationszahlen. Die Geldpolitiker der Fed signalisieren, dass die Zinsen ansteigen könnten, doch die Anpassungen werden schrittweise erfolgen. Zurückliegende Rezessionen beinhalteten Ölpreisschocks, jedoch immer in Verbindung mit Preissteigerungen, nie mit Preisrückgängen. Und im Moment liegt der Ölpreis mehr als 50 Prozent unter seinem Höchststand. Wenn es also keinen großen Auswüchse gibt, die korrigiert werden müssen, was könnte dann den Treiber liefern, um die Wirtschaft weiter laufen zu lassen?

Triebkräfte für die US-Wirtschaft

Der US-Verbraucher ist die weltweit größte Quelle für die Endverbrauchernachfrage. Die Hauptantriebsfedern für US-Konsumausgaben wiederum sind Löhne, Arbeitsstunden und die Zahl der Beschäftigten. Alle drei Faktoren haben sich Monat für Monat verbessert, ohne irgendwelche Anzeichen, in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Die Unternehmen sind mehrheitlich profitabel, überschwemmt mit Cash und bereit, wieder in größere Anschaffungen zu investieren – wenngleich vorsichtig. Dies wird tendenziell die Beschäftigungszahlen weiter steigern. Der wachsende Absatz bei Fahrzeugen ist ein weiterer Indikator für ein positives Konsumklima, wenngleich die Verkaufszahlen bei Wohneigentum in diesem Zyklus deutlich hinterher hinken.

Die Ebbe und Flut an guten und schlechten Wirtschaftsnachrichten rechnet sich auf und am Ende steht die gleiche bescheidene Expansion, die diesen Wirtschaftszyklus bereits seit 2009 kennzeichnet. Der moderate Weg der letzten sechs Jahre mag zwar für Investoren nicht so belebend wirken, wie die berauschenden Zeiten der 1980er oder 1990er Jahren mit jährlichen Wachstumsraten von drei, vier oder gar fünf Prozent. Aber eine gleichmäßigere Wachstumsrate, ohne die hemmungslose Verwendung von Krediten, könnte uns eine längere Atempause schenken, bevor die nächste Rezession angreift. Das heißt, dieser Zyklus könnte gut in die Verlängerung gehen.