Meldungen | Volkswirtschaft
03.03.2021

Wie stark sind die inflationären Kräfte tatsächlich?

Ariel Bezalel, Head of Strategy, Fixed Income bei Jupiter Asset Management, geht auf die Gründe der aufkeimenden Inflationssorgen ein und liefert ein klares Fazit.

Ariel Bezalel, Head of Strategy, Fixed Income, Jupiter Asset Management

Ariel Bezalel, Head of Strategy, Fixed Income, Jupiter Asset Management

Jupiter Asset Management

Ein neues Jahr beginnt oft mit frischem Optimismus und einigen Überraschungen, betont Ariel Bezalel, Head of Strategy, Fixed Income bei Jupiter Asset Management, in seinem aktuellen Marktkommentar. Von Letzteren gab es in diesem Jahr schon viele. Die US-Demokraten gewannen zwei Wahlen im Bundesstaat Georgia und sicherten sich damit eine Mehrheit im Kongress, der neue Präsident Joe Biden enthüllte einen Ausgabenplan im Volumen von 1,9 Billionen US-Dollar – mit dem Geld soll die US-Wirtschaft angekurbelt werden – und Regierungen weltweit verkündeten ehrgeizige Ziele für die Impfung ihrer Bevölkerungen gegen das Coronavirus.

Als dann die Zinsen von US-Staatsanleihen zu steigen begannen, kam es zu Schwankungen an den Märkten. Wir sehen darin auch eine Reaktion auf unbedachte Äußerungen von Vertretern der US-Notenbank Fed über mögliche Szenarien für eine schrittweise Reduzierung der Anleihekäufe und eine Anhebung der Zinsen. Fed-Chef Powell widersprach zwar vehement, aber erst, als die Renditekurve schon steiler geworden und die Inflationserwartungen gestiegen waren.

Strukturelle Faktoren treiben Deflation langfristig weiter voran

Könnten Zinsbewegungen, Pläne für höhere Staatsausgaben und Impfoptimismus als Signale dafür gedeutet werden, dass sich die Weltwirtschaft, begleitet von Inflation, bereits erholt und zur Normalität zurückkehrt?

Verfechter des „Reflation Trade“ würden bei der Beschreibung des derzeitigen Umfelds auf sehr niedrige Inflationsraten und enorme Summen an Hilfsgeldern verweisen, die Regierungen und Notenbanken in die Weltwirtschaft gepumpt haben. Ein weiterer wichtiger Faktor seien hohe, während der Lockdowns angehäufte Ersparnisse der Verbraucher. Mit den Impfstoffen einher geht die Erwartung, dass die Volkswirtschaften bald wieder auf vollen Touren laufen werden, sobald die Nachfrage wegen des Nachholbedarfs der Verbraucher steigt und die Geldumlaufgeschwindigkeit deutlich an Tempo gewinnt.

Unseres Erachtens sind die Vertreter der These vom „Reflation Trade“ etwas voreilig, und das Niedrigzinsumfeld dürfte uns noch länger erhalten bleiben. Wir sind seit langem der Auffassung, dass die strukturellen Faktoren Überschuldung, Alterung der Bevölkerungen und Disruption (infolge von Globalisierung, Technologie und billigen Arbeitskräften) die Deflation langfristig weiter vorantreiben werden.

Notenbanken bleiben in Spendierlaune

In Anbetracht der extrem hohen weltweiten Schulden – rund 280 Billionen US-Dollar, Tendenz steigend – könnte jeder deutliche Anstieg der Renditen stärkere Schwankungen an den Märkten für Risikoanlagen auslösen. Die Folge wäre wohl, dass die Renditen wieder sinken würden. Steigende Anleiherenditen sind dem Ziel der Fed, ihre langfristigen Inflationsziele zu erreichen, nicht förderlich. Aus diesem Grund waren die Äußerungen über eine mögliche Reduzierung der Anleihekäufe schädlich, wie sich schon in der Vergangenheit gezeigt hat. Wir gehen davon aus, dass die Notenbanken noch sehr lange eine expansive Geldpolitik verfolgen werden.

Viele „Zombie“-Unternehmen werden ihren Cashflow zur Schuldentilgung verwenden, statt damit Investitionen in das langfristige Wachstum ihres Geschäfts vorzunehmen. Wir konzentrieren uns daher auf Unternehmen mit robustem Geschäftsmodell, die sich auch in der ungewissen Phase, die vor uns liegt, behaupten können. Konjunktursensitivere Bereiche meiden wir dagegen bewusst.

Der lange Weg der Erholung

In vielerlei Hinsicht preisen die Märkte eine wirtschaftliche Erholung ein, als ob diese nicht nur gewiss wäre, sondern auch linear verlaufen würde. Manche Kennzahlen prognostizieren eine zukünftige Inflationsrate von 2,4 Prozent, was dem Niveau von 2017-2018 entspricht. Bis zu einer vollständigen wirtschaftlichen Erholung von der Pandemie wird jedoch noch viel Zeit vergehen.

Rezessionen sind in der Regel kurz und heftig, eine Erholung dagegen ist langwierig und vollzieht sich schrittweise. Die logistischen Probleme bei der Verteilung der Impfstoffe, die Unberechenbarkeit des Virus und der Umstand, dass Bereiche wie die Freizeit- und Tourismusbranche für eine Erholung Jahre benötigen werden, lassen zudem erwarten, dass eine Erholung langsamer verlaufen wird, als manche glauben wollen. In der Wirtschaft gibt es erhebliche ungenutzte Kapazitäten, und am Arbeitsmarkt herrscht weitgehend Flaute. Es wird lange dauern, bis entlassene Arbeitnehmer nach dem Auslaufen staatlicher Hilfsprogramme einen neuen Job finden, sodass noch länger mit hohen Arbeitslosenzahlen zu rechnen sein dürfte.

Künstliche Intelligenz, Robotik und Automatisierung steigern Arbeitsproduktivität

Tatsächlich könnten Unternehmen mit gestärkter Produktivität aus der Pandemie hervorgehen. Den Druck auf Löhne und Arbeitsplätze würde dies zusätzlich erhöhen. Angesichts der beträchtlichen Kapazitätsreserven in der Wirtschaft erscheinen weder nachhaltige Preiserhöhungen bei Gütern und Dienstleistungen noch deutliche Lohn- und Gehaltssteigerungen realistisch. Künstliche Intelligenz, Robotik und Automatisierung werden die Arbeitsproduktivität spürbar verbessern, und auch das Smartphone – vollgepackt mit Dienstleistungen – hat eine desinflationäre Wirkung.

Erwähnenswert ist, dass China als erste große Volkswirtschaft, die sich erfolgreich von der Pandemie erholt hat, mit dem gemeldeten Wirtschaftswachstum die Erwartungen übertrifft. Zudem gibt es keine Anzeichen für eine Inflation. Im Laufe der Zeit wird China mit einem schrumpfenden Arbeitskräftepotenzial, einem stagnierenden Bevölkerungswachstum und einer Kreditblase konfrontiert sein. Das sind ganz ähnliche Bedingungen wie die in den Industrieländern. Insofern dürften viele der makroökonomischen und demografischen Faktoren, die in anderen Teilen der industrialisierten Welt für sinkende Anleiherenditen gesorgt haben, in der Volksrepublik ebenfalls ihre Wirkung entfalten.

Zweifellos werden wir in diesem Jahr weitere Überraschungen erleben, und hoffentlich wird es auch mehr Grund zur Zuversicht geben. Der „Reflation Trade“ erscheint indessen teils zu optimistisch. Wird die Inflation in absehbarer Zeit Fahrt aufnehmen? Wir würden sagen: nein.