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20.07.2020

Wie solide sind Unternehmensanleihen?

Dank der Eingriffe durch die Zentralbanken erholten sich Unternehmensanleihen rasch vom Crash. Wie es weitergehen könnte, hat sich Volker Schmidt von Ethenea angesehen.

Volker Schmidt, Ethenea

Volker Schmidt, Ethenea

Ethenea

Für Anleger in Unternehmensanleihen waren die vergangenen Monate turbulent. Die Kurse brachen ein, die Risikoaufschläge weiteten sich aus, die Unsicherheit war hoch. Das massive Eingreifen der Zentralbanken stabilisierte die Situation. Doch was bedeutet das für die weitere Entwicklung der Assetklasse?

„Unternehmensanleihen bilden weiterhin den Schwerpunkt der Anleiheportfolien unserer Fonds Ethna-Atkiv und Ethna-Defensiv“, sagt Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager bei Ethenea, in seinem aktuellen Marktkommentar. Im Jahresverlauf hätten sie bereits positiv zur Performance beigetragen und dies sei auch weiterhin die Erwartung – trotz zwischenzeitlich großer Unsicherheiten. „Nicht nur die Kurse sogenannter Risikoassets wie Aktien gingen auf Talfahrt, ab Mitte März stürzten auch die Kurse von Unternehmensanleihen kurz und heftig ab. Selbst die Preise von Papieren guter Qualität sanken innerhalb von zwei bis drei Wochen um mehr als zehn Prozent und waren kurzzeitig sogar unverkäuflich.“

Anleihen profitieren von Käufen der Fed

Das schnelle und beherzte Eingreifen der Zentralbanken habe diesen Preisverfall zunächst abgemildert. „Mittlerweile haben die Anleihen fast vollständig wieder aufgeholt, was sie verloren haben“, sagt Schmidt. Unternehmensanleihen hoher Qualität notierten mittlerweile nur noch knapp unter ihren Jahreshöchstständen und auch die Liquidität nähere sich stark dem Vorkrisenniveau. „Insbesondere in US-Dollar denominierte Unternehmensanleihen mit kurzer bis mittlerer Restlaufzeit haben gut abgeschnitten“, erklärt der Experte. Hier hätten die Kurse sowohl von den massiven Zinssenkungen sowie direkt von den Anleihekaufprogrammen durch die US-Federal Reserve profitiert.

„Mitte März hat die Zentralbank die Zielzone für die Fed Funds Rate um 100 Basispunkte auf 0 bis 0,25 Prozent gesenkt und zeitgleich begonnen, massiv US-Staatsanleihen zu kaufen. Diese Käufe belaufen sich mittlerweile auf mehr als 1,6 Billionen Dollar.“ Nur knapp eine Woche nach der Zinssenkung habe die US-Federal Reserve zudem ein Ankaufprogramm für Unternehmensanleihen in Höhe von über 750 Milliarden Dollar beschlossen. „Erste Käufe, die im Mai stattfanden, betrafen Investitionen in ETFs und damit Unternehmensanleihen nur indirekt“, sagt Schmidt. „Kürzlich hat die Fed aber ihren Kurs geändert und einen eigens definierten Index veröffentlicht, welcher diejenigen Unternehmensanleihen beinhaltet, die sie zukünftig direkt kaufen möchten.“ Die Restlaufzeit dieser Anleihen solle dabei aber nicht länger als fünf Jahre sein.

Weniger Spielraum für die EZB

Der Blick nach Europa zeige hingegen teilweise ein anderes Bild: „Die EZB kann ihre Kurzfristzinsen kaum mehr senken und muss sich daher auf weitere Ankaufprogramme fokussieren. Ebenfalls Mitte März beschloss sie bis Ende 2020 im Rahmen des neu geschaffenen Pandemic Emergency Purchase Program, kurz PEPP, Anleihen in Höhe von EUR 750 Milliarden zu erwerben.“ Diese Käufe verteilten sich zu rund 80 Prozent auf Staatsanleihen sowie zu je rund 10 Prozent auf Unternehmensanleihen und Pfandbriefe. „Anfang Juni legte die EZB noch einen drauf und beschloss, PEPP um 600 Milliarden Euro auszuweiten und bis mindestens Juni 2021 zu verlängern.“ Damit besteht für Schmidt keinerlei Zweifel daran, dass nicht nur die US-amerikanische, sondern auch die europäische Zentralbank auf absehbare Zeit Unternehmensanleihen kaufen werden.

Auch hinsichtlich der Liquidität sieht Schmidt die Lage positiv: „Eine Vielzahl großer Unternehmen hat die vergangenen drei Monate genutzt, um ihre Liquidität zu verbessern und kurzfristige durch langfristige Verschuldung abzulösen. Selbst bei einer erneuten Verschärfung der Corona-Krise ist davon auszugehen, dass diese Unternehmen keine zusätzliche Liquidität benötigen und deshalb ihre Emissionstätigkeit nicht wieder erhöhen werden.“ In diesem Fall träfe eine stetige Nachfrage auf ein wieder sinkendes Angebot, was zu Kursgewinnen von Unternehmensanleihen bei niedriger Volatilität führen werde. „Wir erwarten keine Wiederkehr der Liquiditätsprobleme.“

Verbesserte Liquidität bei Unternehmen

Bei Unternehmen außerhalb des Investment-Grade-Ratings, deren Anleihen nicht direkt von den Zentralbankankäufen profitierten, gebe es zudem anders als zu Jahresbeginn und nach der Ausweitung der Risikoprämien wieder einige attraktive Opportunitäten. „Wir haben in den vergangenen Wochen sowohl im Ethna-Aktiv als auch im Ethna-Defensiv selektiv Titel aus diesem Bereich ins Portfolio aufgenommen.“

Nachdem die Zentralbanken die Anleihemärkte mit ihren geldpolitischen Maßnahmen bereits beruhigt haben, erwartet Schmidt, dass die diversen Fiskalmaßnahmen die globale Konjunktur stützen und die Profitabilität vieler Unternehmen stärken werde. „Durch Verbesserung der Liquidität der Unternehmen sowie des Anleihemarktes sollte eine kurzfristige Zahlungsunfähigkeit für die Mehrheit der Unternehmen kein Risiko mehr sein“, sagt Schmidt. „Allerdings wird sich erst nach dem Auslaufen der Ankauf- und Fiskalprogramme zeigen, welche Geschäftsmodelle auch bei verändertem Kundenverhalten zukunftsfähig sind. Dann wird die Selektion und damit der Fokus auf nachhaltig attraktive Geschäftsmodelle wieder eine größere Bedeutung für eine langfristig erfolgreiche Portfoliokonstruktion spielen.“