Meldungen | Marktkommentar
05.11.2012

„Vielleicht übernehmen die USA von den Iren das eine oder andere“

Michael Hasenstab, Co-Director des International Bond Department der Franklin Templeton Fixed Income Group, über fiskalische Klippen in den USA und Europa.

Michael Hasenstab, Co-Director des International Bond Department der Franklin Templeton Fixed Income Group

Michael Hasenstab, Co-Director des International Bond Department der Franklin Templeton Fixed Income Group

Franklin Templeton

Steht man vor einem schier unlösbaren Problem, ist die Versuchung groß, wie ein Strauß den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass es sich verflüchtigt. Das wird US-Politikern in Bezug auf das Staatsdefizit von 1 Bio. US-Dollar nachgesagt. Die unheilvoll anmutende Kombination aus automatischen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen – die sogenannte „Fiskalklippe“, ein überstürzter Plan, den festgefahrene Politiker im letzten Jahr fassten –, macht die USA nervös.

 

Wenn die US-Politik nicht vor Jahresende handelt, dürften die anberaumten breiten Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen den Prognosen vieler Wirtschaftsexperten zufolge kräftig aufs Wachstum drücken und könnten die Wirtschaft über die „Klippe“ in eine Rezession stürzen. Ich sehe derzeit eine wachsende Gefahr durch den anhaltenden politischen Stillstand in den USA. Meines Erachtens machen viele Politiker die Augen zu. Vielleicht begreifen sie das Ausmaß der Misere nicht. Und die Politiker, die die fiskalpolitischen Probleme erkennen, können nichts dagegen tun. Die Wahl dürfte daran nichts ändern. Ich gehe davon aus, dass die USA weiter Zeit schinden werden. Wissen kann man das nicht, aber ich glaube, dass die Politik tut, was die Politik am besten kann – das Problem vertagen. Werden die fiskalpolitischen Fragen aufgeschoben, hat das den Vorteil, dass es nicht zu der dramatischen Fiskalklippe kommen dürfte, die viele prophezeien. Möglicherweise werden manche der vorgesehenen Einschnitte verschoben oder Steuererhöhungen reduziert. Langfristige fiskalpolitische Probleme würden dadurch zwar nicht gelöst und blieben daher bestehen, doch negative Folgen fürs Wachstum könnten kurzfristig vermutlich – zumindest etwas – gedämpft werden.

 

Das Grundproblem bleibt aber, und irgendwann werden wir den Preis für verantwortungslose Fiskalpolitik zahlen müssen, der zum Teil in höheren Zinsen besteht. Ein Blick auf Europa genügt, um zu erkennen, was mit den Renditen von US-Staatsanleihen passieren könnte, wenn der Markt das Vertrauen in langfristige Fiskalprogramme verliert. Ich sage aber nicht, dass es so kommen muss.

 

Ein europäisches Rezept?

 

Natürlich kämpfen in Europa noch viele Länder mit Schuldenproblemen, doch eins davon – Irland – hat gezeigt, wie man sie bewältigen kann. Irland, das 2010 um Hilfe bat und zu den „PIIGS”-Staaten Europas zählte (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien), die im Morast von 2008/2009 versanken, kämpft sich frei. Die Entwicklungen in Irland sind positiv. Trotz großer Schwierigkeiten macht das Land bei seiner Fiskalreform weiter Fortschritte und gilt immer mehr als Vorbild für andere Länder. Insgesamt wurde ein Wachstums- und Sparpaket durchgezogen, das Wachstum durch Strukturreformen und Wettbewerbsfähigkeit förderte und Sparsamkeit durch verantwortungsvolle Fiskalpolitik, die Irland entwickelt und gut umgesetzt hat. Es bleibt zwar noch einiges zu tun, doch dass Irland nach Jahren wieder Zugang zum (internationalen Renten-) Markt fand, ist meines Erachtens ganz klar ein Zeichen dafür, dass seine Fortschritte vielfach anerkannt werden. Das irische Modell könnte meiner Ansicht nach zur Patentlösung für Probleme in anderen Teilen Europas werden. Und vielleicht schauen sich ja auch die USA etwas genauer an, wie es die Iren gemacht haben, und übernehmen das eine oder andere.

 

Der EZB-Vorschlag, bedürftigen Ländern unter Auflagen Hilfe zu leisten und ihre Anleihen zu kaufen, ist meines Erachtens ein gutes Konzept. Die Zusage der EZB, quasi unbegrenzt Liquidität zur Verfügung zu stellen, verhindert ein Weltuntergangsszenario. Damit erhält das Arsenal die praktisch endlose funktionelle Feuerkraft, die zuvor gefehlt hatte. Die EZB stellt ihre Bilanz in ausreichendem Umfang zur Verfügung, um die Probleme zu lösen, und die durch die US-Notenbank ohne die Vorbedingung verantwortungsvoller Fiskalpolitik. Die Vorschläge in Europa sehen gewisse Kontrollen vor und verlangen Reformen im Gegenzug für Hilfen. Dadurch werden die Reformen vorangetrieben, die für nicht mehr wettbewerbsfähige Länder entscheidend sind. Die EZB und ihre Rolle als Krisenmanager verdienen meines Erachtens einige Anerkennung und haben die Spielregeln verändert.

 

Wir müssen realistisch sein. Unserer Ansicht nach werden die Bedingungen in Europa schwierig bleiben.

 

Schuldenabbau ist schmerzhaft, und das Wachstum dürfte kümmerlich bleiben, doch das ist kein Weltuntergang. Das Umfeld für Wachstum wirkt ausgesprochen ungünstig, doch die Eurozone sollte Bestand haben. Meiner Ansicht nach sind die Chancen in Europa außerhalb der Eurozone am größten – in Zentral- und Osteuropa. Die Länder dort profitieren von den enormen quantitativen Lockerungen in der Eurozone. Sie sind die Empfänger erheblicher Kapitalflüsse und müssen dabei längst nicht so viele Schulden abbauen wie andere Mitglieder der Eurozone.