Meldungen | Aktien, Strategie
31.05.2013

Value versus Dividende?

Ein Paradigmenwechsel bei Aktientiteln zeichne sich ab, meinen Experten. Value- und Dividendenansatz sind nicht mehr so klar zu trennen, auch bei Schwellenländer-Aktien.

Philippe Lecoq, Co-Head Europäische Aktien bei Edmond de Rothschild AM

Philippe Lecoq, Co-Head Europäische Aktien bei Edmond de Rothschild AM

Foto: EdR

Einst war es noch klar im Lehrbuch definiert: Der Value-Ansatz filtert unterbewertete Aktientitel heraus um von der erwarteten Wertsteigerung zu profitieren, während renditeorientierte Konzepte auf jene Aktien abzielen, die hohe oder steigende Dividenden generieren. In erster Linie waren bestimmte Branchen in dieses Schema eingeordnet. Einige Dividendensektoren widersprechen aber jetzt ihrer traditionellen Klassifizierung, meint Philippe Lecoq, Co-Head Europäische Aktien bei Edmond de Rothschild Asset Management: „Dies zeigt sich besonders gut im Telekommunikationssektor. Früher gab es stets hohe Dividenden auf Telekom-Aktien. In den letzten Jahren wurde es für die Unternehmen jedoch immer schwieriger, diese Dividendenpolitik fortzusetzen. Alteingesessene Betreiber müssen jetzt erheblich in ihre Netze investieren, die Märkte sind zunehmend offen für Wettbewerber, der Abwärtsdruck auf die Preise steigt und der vom Lobbyismus geprägte Sektor wird immer höher besteuert.“ Die spanische Telefónica und die KPN in den Niederlanden mussten ihre Dividenden bereits kürzen bzw. ganz streichen. „KPN war sogar gezwungen, Fremdmittel aufzunehmen, um seine Ausschüttungsquote bei fast 100% halten zu können", nennt Lecoq zwei prominente Beispiele.

Dem Versorgungssektor fällt es ähnlich schwer, ausreichend Barmittel für Dividendenzahlungen zu generieren. Gründe seien unter anderem kostspielige Investitionen in Infrastruktur, Margendruck und eine rückläufige Stromnachfrage bei gleichzeitig unverändert hohen Versorgungskosten für Gas. „Wegen des deutlichen Abschlags auf ihre Aktien zählen Konzerne wie E.ON und RWE mittlerweile nicht mehr zu den Dividenden-, sondern zu den Value-Werten“, weiß Lecoq. Sein Favorit ist aber weiterhin der Healthcare-Sektor, vor allem große Pharmakonzerne: „Der Sektor lässt sich beiden Ansätzen zuordnen, da er immer noch mit einem Abschlag gehandelt wird: Das geschätzte KGV von Sanofi Aventis liegt bei 13,9 während die erwartete Rendite bei etwa 3,5% liegt.“ Zudem sei die Branche relativ immun gegenüber makroökonomischen Turbulenzen.

Dividenden in Schwellenländern werden interessant

Während in Europa die Dividenden gekürzt werden, steigen nun die Schwellenländer-Aktien zu den Dividendentitel auf. „Aktienanleger investieren nicht in das Wirtschaftswachstum, sondern in die Unternehmensgewinne und vor allem in die Dividenden, die von den Unternehmen gezahlt werden“, betont Richard Titherington, Chief Investment Officer für Schwellenländer-Aktien bei J.P. Morgan Asset Management. Seiner Meinung nach waren für Schwellenländer in den letzten zehn Jahren deshalb nicht nur die makroökonomischen Reformen wichtig, sondern insbesondere die Verbesserungen der Kapitaldisziplin und Corporate Governance im Unternehmenssektor. Dadurch stiegen die Erträge und die Verschuldung konnte reduziert werden. „Diese fundamentalen Verbesserungen unterstützen das nachhaltige Wachstum von Erträgen aus Schwellenländern. Inzwischen hat sich die Rentabilität von Schwellenländer-Unternehmen dem Niveau in den Industrienationen angenähert“, sagt der Experte.

So überraschte es nicht, dass seit 1990 der Gewinn pro Aktie mit jährlich 11,8% stärker gewachsen ist als in den Industrieländern, die einen Zuwachs von 8,1% verzeichneten. „Weniger bekannt ist es jedoch, dass im gleichen Zeitraum die Dividenden pro Aktie in den Schwellenländern mit 18,2% pro Jahr noch dynamischer angestiegen sind. Bei den Dividenden der Industrieländerunternehmen waren es +7,7%“, analysiert der CIO. Aber ist diese Entwicklung auch nachhaltig? „Dank der besseren Eigenkapitalrentabilität wirkt das höhere Wirtschaftswachstum, das wir für die Emerging Markets erwarten, direkt auch auf die Gewinne“, meint dazu Titherington. Dividenden seien in der Regel stabiler und robuster als Gewinne, wie Daten der vergangenen 20 Jahre zeigen. Er erwartet in den Schwellenländern bis 2018 ein Dividendenwachstum von durchschnittlich 12% pro Jahr. „Zudem halten wir die Anlageklasse vor allem deshalb für attraktiv, weil sie eine Kombination aus Kapitalwachstum und Erträgen bietet, die langfristig deutlich höhere Renditen ermöglicht.“ Für den Einstieg sei es noch nicht zu spät, da das Kurs-Buchwert-Verhältnis noch niedrig genug ist. Die sinkenden Gewinne der letzten Zeit, sieht der J.P. Morgan-Experte nicht als großes Problem: „Der Grund für die schwierige Gewinnsituation der Schwellenländer in den letzten beiden Jahren scheint eher zyklischer als struktureller Natur gewesen zu sein, so dass der in China und anderen Schwellenländern zu beobachtende Aufschwung wieder zu positiven Gewinntrends führen dürfte.“