Meldungen | Marktkommentar
07.06.2017

UK-Wahlen als Nebenschauplatz der Brexit-Verhandlungen

Alastair Gunn und Rhys Petheram, Fondsmanager bei Jupiter Asset Management, geben einen Einblick in die britische Innenpolitik kurz vor den Wahlen zum Unterhaus. Ein "harter" Brexit werde eine der Folgen eines konservativen Wahlsiegs sein.

Alastair Gunn und Rhys Petheram, Jupiter AM

Alastair Gunn und Rhys Petheram, Jupiter AM

Foto: Jupiter

Die Parlamentswahlen in Großbritannien stehen kurz bevor, doch das Ergebnis wird die bestehende Verunsicherung kaum abmildern. Grund sind die Brexit-Verhandlungen, die wie ein Damoklesschwert über den Märkten schweben. Eine deutliche Mehrheit für die Konservativen von über 50 Sitzen könnte britischen Aktien eine kurzlebige Rally verschaffen. Bei einem wenig wahrscheinlichen Labour-Sieg müssten wir von dramatischeren Ausschlägen ausgehen. Doch der Brexit würde weiterhin die Stimmung trüben.

Während der Urnengang in Großbritannien näher rückt, hat es die britische Währung derzeit schwer. Der Vorsprung der Konservativen gegenüber der Labour-Partei scheint zu schrumpfen. Vor dem Hintergrund reflektiert die Abwertung des britischen Pfunds die Sorge, dass die konservative Partei unter der Führung von Theresa May möglicherweise nicht die überwältigende Mehrheit erreichen könnte, die sie benötigt, um bei den Brexit-Verhandlungen stark aufzutreten. Und dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die britische Wirtschaft sich spürbar verlangsamt. Statt einer Mehrheit von mindestens 100 Sitzen, die manche den Konservativen zugetraut hatten, preisen die Märkte inzwischen ein bescheideneres Ergebnis ein – eine Mehrheit von 50 Sitzen oder mehr. Doch der Vorsprung könnte in der verbleibenden Zeit noch weiter schrumpfen.

Dieser Schaden ist jedoch in gewisser Weise selbstverschuldet. Das Wahlprogramm der Konservativen ist ungewöhnlich, denn es enthält wenig von dem, was den traditionellen Anhängern der Partei in der Regel gefällt. Es lässt die Möglichkeit von Steuererhöhungen offen und der Vorschlag, dass Rentner für ihre Sozialfürsorge selbst aufkommen mögen, scheint ein schwerwiegender Fehltritt zu sein.

Die Labour-Partei unter Jeremy Corbyn hat hingegen ein Wahlprogramm aufgestellt, das ihre Kernwählerschaft direkt anspricht. Es wird die Anhänger des Labour-Spitzenvertreters vermutlich mobilisieren und für ein hohes Wahlergebnis zu seinen Gunsten sorgen. Kurz gesagt stellen wir uns nun auf ein engeres Rennen ein, als es zu Beginn der Wahlkampagne zu erwarten war.

Das britische Pfund im Zentrum der Aufmerksamkeit

Dennoch scheint es immer noch so, dass Theresa May und ihre Partei voraussichtlich eine größere Mehrheit als zuvor erhalten dürften. Die Märkte werden positiv auf diese Nachricht reagieren und das Pfund dürfte sich ein wenig erholen. Die Folgewirkung könnte eine moderate Aktienrally von Unternehmen sein, die einen Großteil ihrer Geschäfte in Großbritannien abwickeln. Die Abwertung des Pfunds nach dem Brexit-Votum hat für eine Verteuerung der importierten Rohstoffe gesorgt. Viele der Unternehmen benötigen Rohstoffe für die Produktion der Güter, die sie an Großbritannien verkaufen und es herrschte Druck, diese höheren Kosten an den Endverbraucher weiterzugeben. Eine Aufwertung des Pfunds könnte den britischen Verbraucher in einer Zeit real sinkender Einkommen vor einem solchen Preisanstieg schützen. Wir möchten jedoch darauf hinweisen, dass die Aufwertung des Pfunds bescheiden ausfallen könnte – nicht mehr als 1–2 Prozent bei einer Mehrheit von mindestens 50 Sitzen für die Konservativen, vielleicht 3–4 Prozent bei einem deutlicheren Gewinn. In diesem Zusammenhang sollten wir allerdings berücksichtigen, dass das schwache Pfund ein Segen für multinationale Unternehmen mit Hauptsitz in Großbritannien war. Ein Beispiel stellt Unilever dar, bei denen die in Euro und US-Dollar erzielten Auslandseinkünfte aufgrund des günstigen Umrechnungskurses die Bilanzen aufbesserten.

Im Falle eines Sieges der Labour-Partei wäre die Entwicklung des Pfunds weniger klar. Es könnte sich ein Trump-Effekt einstellen, bei dem die Wahrscheinlichkeit höherer staatlicher Investitionen Druck von der Bank of England nimmt. Die kurzfristigen Zinsen könnten in der Erwartung, dass auch die Vergleichszinssätze schneller als erwartet steigen, in die Höhe schnellen. Eine solche Entwicklung würde das britische Pfund vermutlich stärken. Als Gegengewicht dazu dürften der mit der Politik von Corbyn verbundene potenzielle Inflationsdruck und die allgemeine Unsicherheit über das Vorgehen einer Labour-Regierung das Pfund belasten.

Wunschdenken

Genau in Letzterem liegt unserer Meinung nach das Problem. Es ist unklar, wie Jeremy Corbyn die zusätzlichen Steuereinnahmen generieren will, um die geplanten Staatsausgaben auszugleichen. Labour hat versprochen, die Steuern für Besserverdienende zu erhöhen. Doch die Geschichte lehrt uns, dass sich die erhofften Mehreinnahmen häufig nicht einstellen, da die Menschen ihre Finanzen neu organisieren, um ihre Einkünfte zu sichern. Genau dies trat ein, als der ehemalige Finanzminister George Osborne den Spitzensteuersatz von 45 Prozent auf 50 Prozent anhob und die Steuereinnahmen nicht wesentlich anstiegen.

Was eine Erhöhung der Unternehmenssteuern betrifft, so könnte sich ein solcher Schritt zu einem Zeitpunkt, an dem wir unseren Austritt aus der Europäischen Union vorbereiten, als kontraproduktiv erweisen. Im gegenwärtigen Umfeld benötigt Großbritannien einen Anreiz für Unternehmen, ihren Sitz hierher zu verlagern, doch eine Erhöhung der Unternehmenssteuer scheint uns nicht das richtige Signal dafür zu sein. Angesichts der Bedrohung, die der Brexit für die Finanzdienstleistungsbranche des Landes darstellt, sind Gespräche über eine Einführung der Finanztransaktionssteuer ebenfalls wenig hilfreich.

Eine harte Landung steht bevor

Für die Geschäftswelt und für uns als Anleger in britische Unternehmen sollte der Fokus darin liegen, einen Plan aufzustellen, der durch das potenzielle Minenfeld namens Brexit führt. Ein „harter“ Brexit, bei dem wir nicht in der Zollunion verbleiben, wäre das wahrscheinliche Ergebnis sämtlicher Verhandlungen unter der Führung einer neuen konservativen Regierung. Je eher wir die Spielregeln für den künftigen Handel mit dem restlichen Europa erfahren, desto besser für alle Beteiligten. Die jüngste Welle des Populismus, die offenbar viele westliche Industrieländer erfasst hat, war ein äußerst destabilisierender Faktor für die Wirtschaft. Ganz gleich, welche Partei an die Macht kommt, sie muss eine Situation schaffen, die für die britische Wirtschaft konstruktiver ist. Das wiederum beinhaltet die Schaffung eines Rahmenwerks, das Großbritannien zu einem attraktiveren Wirtschaftsstandort macht.

Wäre die Labour-Partei eher in der Lage, ein solches Rahmenwerk im Falle eines Sieges zu schaffen? Unwahrscheinlich. Beim Brexit würde eine neue Labour-Regierung bei Null anfangen. Sie hätte sogar weniger Zeit als die Konservativen, ein gutes Ergebnis für Großbritannien zu verhandeln, selbst wenn es ihr gelänge, von all der bereits für die Vorbereitung der Brexit-Gespräche investierten Arbeit der Staatsbediensteten zu profitieren. Eine vernünftige Übergangslösung wäre das Beste, was wir uns erhoffen können. Dies dürfte auch ein wahrscheinlicher Ausgang der Verhandlungen mit den Konservativen sein, obwohl man hoffen sollte, dass die Partei von Theresa May schon ein Stück weiter ist in ihrem Verständnis dessen, was sie erreichen möchte.

Zusammengefasst ändert das Ergebnis der am Donnerstag stattfindenden Wahlen wenig an unserer Einschätzung, dass sich die Unternehmen, in die wir investieren, auf einen vollständigen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union vorbereiten müssen. Übergangslösungen, bei denen wir Handelsabkommen auf Sektorenebene sehen, könnten die Landung abfedern. Eine volle Zollunion scheint angesichts des Bestehens der EU darauf, dass eine uneingeschränkte Freizügigkeit ihrer Bürger die unabdingbare Voraussetzung für die Erlangung dieses Privilegs ist, allerdings unerreichbar.