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14.06.2017

Steigende Zinsen sind f├╝r die Wirtschaft verkraftbar

Eine geldpolitische Normalisierung in Europa werde keine Rezession auslösen, so die Autoren einer Allianz-Studie. Die jährliche Zinszahlungen der Österreicher werden sich wieder dem europäischen Durchschnitt annähern.

Michael Heise, Chefvolkswirt Allianz SE

Michael Heise, Chefvolkswirt Allianz SE

Foto: Allianz SE

Die Tage der extremen Niedrigzinsen scheinen gezählt, eine geldpolitische Normalisierung steht bevor. Der Allianz-Konzern hat berechnet, wie sich ein Zinsanstieg gesamtwirtschaftlich in Europa aus würde. Für die Privathaushalte und Unternehmen, die in den vergangenen Jahren ihre Schuldenlast erheblich reduzieren konnten, bestehe durch den erwarteten Zinsanstieg vorerst kein Grund zur Beunruhigung. Die zusätzliche Zinslast bleibe für den Privatsektor in der Eurozone durchaus tragbar, die Gefahr einer Rezession bestehe nicht. Privathaushalte und kleinere Unternehmen können sich nicht wie Staaten mit langfristigen Schuldtiteln gegen einen drohenden Zinsanstieg schützen, sondern sind vielmehr abhängig von Banken, die Zinssteigerungen tendenziell schnell an Kreditnehmer weiterreichen. „Im Markt nehmen daher die Befürchtungen zu, dass der Ausstieg aus den Nullzinsen zum Kollaps der Wirtschaft führen könnte – die auf Schulden gebaut und deren Akteure mittlerweile abhängig von der ‚Droge‘ des billigen Geldes seien. Aber diese Ängste sind übertrieben“, kommentiert Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, die Studie.

Zinszahlungen werden in Österreich überdurchschnittlich steigen

In Österreich dürfte der erwartete Anstieg der Zinszahlungen bis 2022 stärker als in den meisten anderen Ländern ausfallen. Im wahrscheinlichsten Szenario einer sanften Normalisierung würden die Zinszahlungen um rund 6 Mrd. Euro steigen. Bezogen auf die Wirtschaftsleistung – 1,1 Prozentpunkte des BIP – ist dies nach Portugal der kräftigste Anstieg in der Eurozone. Derzeit profitiert Österreich noch stark von seinem Status als stabiles „Euro-Kernland“, die Zinsen sowohl für Haushalte als auch Unternehmen liegen deutlich unter dem Euro-Durchschnitt. „Mit Fortsetzung der Erholung im Euroraum dürfte sich dieser Zinsvorsprung aber wieder zurückbilden, das heißt die österreichischen Zinsen nähern sich wieder dem Durchschnitt an“, erwartet Martin Bruckner, Chief Investment Officer der Allianz Gruppe in Österreich

Privathaushalte und Unternehmen besonders profitiert

Zuletzt hatte der heimische Privatsektor besonders stark von den Niedrigzinsen profitiert. Die Zinszahlungen gingen von über 17 Mrd. Euro anno 2008 auf knapp 8 Mrd. Euro im vergangenen Jahr zurück. In Prozent des BIP bedeutet dies einen Rückgang um 3,7 Prozent und damit um 0,3 Prozentpunkte mehr als im europäischen Schnitt. Im gesamten Euroraum sind die privaten Schulden, gemessen an der Wirtschaftsleistung, seit Ende der „Nuller-Jahre“ um 16 Prozentpunkte zurückgegangen. Die jährlichen Zinszahlungen reduzierten sich zwischen 2008 und 2016 um rund 300 Mrd. Euro; in kumulativer Rechnung „sparte“ der Privatsektor etwa 1.550 Mrd. Euro in dieser Zeit. Am stärksten profitierten von den Niedrigzinsen private Schuldner in Irland, Spanien und Portugal, wo sich die Schuldendienstquote um rund 7 Prozentpunkte absenkte. „Am Ende des Tages sind steigende Zinsen natürlich keine willkommene Neuigkeit für private Schuldner“, betonen die Studienautoren der Allianz. „Haushalte und Unternehmen in den einzelnen Euroländern werden davon in unterschiedlichem Ausmaß betroffen sein. Unterm Strich sei der Privatsektor in ganz Europa aber in der Verfassung, diese Belastung zu verkraften“, ist ihr Fazit.