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18.03.2011

Spreu und Weizen im Mikrokredit-Geschäft

Eine neue UN-Richtlinie für Mikrofinanzunternehmen kann Anlegern helfen, sozial verantwortliche Anbieter zu identifizieren 

Peter Püspök, Oikocredit Austria und Muhammad Yunnus

Peter Püspök, Oikocredit Austria und Muhammad Yunnus

Seit im Jahr 2006 einer der "Erfinder" der Mikrokredite Muhammad Yunus den Friedensnobelpreis erhalten hat, ist das Geldverleihen in den Entwicklungsländern nicht nur für NGOs auf die Agenda gekommen. Auch Finanzunternehmen haben ein Auge auf das System geworfen, dass der von Yunus in Bangladesh gegründeten Grameen Bank ("Dorfbank") sagenhaft geringe Kreditausfallsquoten bei vernünftigen Zinsen brachte. Aber anders als den Pionieren der Branche, ging es vielen dabei in erster Linie um möglichst viele Kunden bei hoher Rendite für die Investoren. Darunter auch Kleinanleger aus den Industrieländern. Das Ergebnis waren mittellose Kreditnehmer mit mehreren Krediten gleichzeitig und immer höhere Zinsen. Am Ende verlangten manche Mikrofinanzunternehmen bis zu 60%; fast genauso viel, wie die traditionellen Geldverleiher, die die Armen schon zuvor ausgebeutet hatten. Ohne Beratung und unternehmerisches Know-How, wie es noch zum Konzept von Yunus gehörte, führten die kleinen Kredite die ohnehin schon Mittellosen in die große Pleite.
2011 soll sich nun einiges zu Besseren verändern, wenn es nach den Vereinten Nationen geht. Beim zweiten Responsible Finance Forum im niederländischen Den Haag wurde Ende Jänner eine UN-Richtlinie für Mikrofinanzinvestoren von 40 Finanzunternehmen unterzeichnet (Principles for Investors in Inclusive Finance, kurz PIIF). "Inclusive Finance" steht für den Grundsatz, dass allen Menschen Finanzdienstleistungen zur Verfügung stehen sollten, unabhängig von ihrem Einkommen. Mit der PIIF verpflichten sich die Unterzeichner u.a. zu Preistransparenz, zum Schutz der Kreditnehmer vor Überschuldung, zu einer sozial ausgewogene Geschäftspolitik im Sinne aller Beteiligten und zu weitere Zusammenarbeit um Investment-Standards zu setzen. Auch Investoren, die in Mikrofinanz-Fonds investieren soll die Richtlinie helfen, die nachhaltig und sozial verantwortlich arbeitenden Anbieter von den "Wucherern" zu unterscheiden. Überwacht wird die Einhaltung der Richtlinie von den Vereinten Nationen durch jährliche Prüfungen. 
 
Österreichische Vorreiter 
 
Erster und bislang einziger Unterzeichner aus Österreich ist die 1975 gegründete Oikocredit Austria. "Seit 35 Jahren haben wir bereits nur in Mirkofinanzinstitutionen investiert, die ihr Angebot verantwortungsvoll, transparent und nachhaltig an benachteiligte Menschen richten. Wir sind stolzer Vertragspartner des PIIF, da wir auch im Zuge des starken Wachstums der Mikrofinanzbranche die Einhaltung ethischer Standards unbedingt gewährleisten möchten", sagt Tor Gull, Geschäftsführer von Oikocredit International. Oikocredit habe außerdem das "Social Performance Management" in den letzten Jahren klar gestärkt und damit Schulungen, Worksshops, Prüfungen, klare Kontrollregeln etc. für die refinanzierten Institutionen forciert. Damit soll die soziale Nachhaltigkeit auf lange Zeit gesichert werden. Laut Gull flossen wesentliche Aspekte der österreichischen Ideen in die UN-Richtlinie ein. Denn bereits vor einem halben Jahr forderte Peter Püspök, Vorstandsvorsitzender von Oikocredit Austria, ein Gütesiegel für soziale Kriterien der Mikrofinanzierer.