Meldungen | Marktausblick
04.11.2015

Spannung und Entspannung zum Jahresende

"Wie zuverlässig sind historische Muster bei einer möglichen Zinserhöhung?", fragt Asoka Wöhrmann, Chief Investment Officer, Deutsche Asset & Wealth Management in seinem CIO-View. Andere Themen geraten durch die Führungsschwäche der Fed in den Hintergrund.

Asoka Wöhrmann, CIO Deutsche AWM

Asoka Wöhrmann, CIO Deutsche AWM

Eigentlich müsste man sich gerade einige Themen genauer anschauen: Ob die relativ soliden Quartalszahlen aus China ausreichen, um die Angst vor einer harten Landung zu dämpfen; und ob die Plethora staatlicher Stützungsmaßnahmen kurzfristig sogar für positive Überraschung sorgen könnte. Ob überhaupt bei den Schwellenländern das Überraschungspotenzial aufgrund der Stabilisierung der Rohstoffpreise und des zuletzt schwächelnden US-Dollars eher auf der positiven Seite liegt. Oder ob dies nur eine kurze Erholung ist, während sich die strukturellen Probleme einiger dieser Länder noch weiter in Wirtschaft und Gesellschaft fräsen. Man könnte auch über Europas Migrationsströme sprechen, die nicht zuletzt als Katalysator für weitere Strukturreformen dienen müssten. Andernfalls drohen neben wirtschaftlichen auch politische Anspannungen, wie das besorgniserregende Erstarken rechter Gruppierungen zeigt. Der so aufflammende Patriotismus und Protektionismus könnte über neue Handelsbarrieren sogar die Inflation befeuern. Auch der Volkswagen-Skandal bleibt diskussionswürdig, allein schon da er bewirken könnte, dass ESG-Kriterien (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) bei Anlageentscheidungen künftig mehr Beachtung finden.

Auf all das wären wir gern näher eingegangen, aber nach wie vor dominiert die Fed (US Federal Reserve Board) die Märkte, trotz eines sitzungsfreien Novembers. Wegen der Nicht-Entscheidung im September verharren die Anleger im Rätselratemodus. Und sezieren jedes von der Fed stammende Zitat, vor allem seit offenkundig ist, dass selbst das Board of Governors inhaltlich gespalten ist. Aber wen darf das wundern, angesichts der gespaltenen Daten? Für eine Zinserhöhung sprechen der Arbeitsmarkt und die 2016 wohl endende inflationshemmende Wirkung sinkender Rohstoffpreise. Gegen die Erhöhung sprechen aktuelle Inflationszahlen und die Dämpfung der globalen Wachstumserwartungen.

Ebenfalls dagegen spricht, dass die Fed die Zinsen noch nie änderte, wenn das nicht den breiten Markterwartungen entsprach. Doch wie zuverlässig sind historische Muster, wenn sich die Fed ohnehin auf unbekanntem Terrain befindet? Und inwieweit ist sie noch Herr der Lage? Folgende Kette wird von einigen Marktteilnehmern schon durchgespielt: Im Dezember bleibt die Zinswende aus, falls kurz zuvor die Haushaltssperre verhängt wird. Im Frühjahr unterbleibt sie aufgrund des schwachen Winterquartals. Und im Sommer kommt sie nicht, weil dies zu nah an den US-Wahlen läge. Und schon sind wir bei 2017. Dass solche Spekulationen überhaupt die Runde machen, ist schon Zeugnis der Führungsschwäche der Fed. Wir bleiben beim Dezember-Termin, doch sind uns bewusst, dass einige Prognosen verändert werden müssten, sollte sich die Wende tief ins nächste Jahr ziehen. Die Fed bleibt nun mal die wichtigste Zentralbank der Welt. Ihrer jetzigen Passivität müssen sich Anleger daher aktiv stellen.