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02.04.2021

Plattform-Ökonomie: Revolution in der Pharmabranche

Georg Graf von Wallwitz, Geschäftsführender Gesellschafter und Lead Portfolio Manager bei Eyb & Wallwitz, geht auf die Entwicklungen bei den Plattformstrategien in der Gesundheitsbranche ein.

Georg Graf von Wallwitz, Eyb & Wallwitz

Georg Graf von Wallwitz, Eyb & Wallwitz

Eyb & Wallwitz

Dank BioNTech und Moderna sind Plattformstrategien in der Gesundheitswirtschaft angekommen: Auf einfachem Wege lassen sich so kostensparend Impfstoffe, Arzneimittel und Therapien entwickeln. Auch die großen Pharmaunternehmen werden bald auf diese Technologie setzen, erklärt Georg Graf von Wallwitz, Geschäftsführender Gesellschafter und Lead Portfolio Manager bei Eyb & Wallwitz in seinem Marktkommentar.

Plattform-Ökonomie ist angekommen

COVID-19 verändert auch die Pharma-Forschung in rasantem Tempo: Mit den Impfstoffen von BioNTech und Moderna hat die Plattform-Ökonomie in der Pharmabranche Einzug erhalten. Bei dieser Strategie dient eine technische Basis als Plattform, die dann schnell und einfach für viele weitere Zwecke umgerüstet werden kann. Erstmals ist es somit möglich, Wirkstoffe für Impfstoffe oder Arzneien am Computer zu entwickeln. Dies gelang Wissenschaftlern bisher nur durch Versuch und Irrtum im Labor.

Mit Hilfe dieser bahnbrechenden neuen Technologie können BioNTech und Moderna kostengünstig neue Wirkstoffe auf den Markt bringen. So benötigten die beiden Unternehmen für die Entwicklung ihrer mRNA-Impfstoffe nur wenige Tage. Den Rest der Zeit bis zur offiziellen Zulassung verwendeten sie für Tests und Produktionsaufbau. Der Corona-Impfstoff ist dabei allerdings nur eine erste, medienwirksame Anwendung einer Plattformstrategie in der Medizintechnik. Die eigentliche Revolution ist, dass beide Hersteller über eine Plattform verfügen, die es ihnen erlaubt, in Zukunft sehr schnell weitere Impfstoffe, Arzneimittel und Therapien zu entwickeln.

Ursprung in der Automobilindustrie

Die Idee für eine Plattformstrategie stammt eigentlich aus der Automobilindustrie, die damit Kleinwagen wie Luxuskarossen kostengünstig fertigt. Inzwischen hat das Prinzip viele Branchen erobert – auch die Geschäftsmodelle von Google oder Amazon beruhen darauf. Die Pharmabranche allerdings hat sich damit bisher schwergetan: Zwar gab es in den Neunziger- und Nullerjahren ernsthafte Versuche, die mRNA-Technologie zu implementieren. Diese scheiterten jedoch an technischen Hürden. Da dabei viel Geld verbrannt wurde, ließen die großen Pharmaunternehmen von der Plattform-Ökonomie lieber die Finger. Nur ein paar tapfere Wagniskapitalgeber trauten sich, weiter zu investieren. Das wird sich bald ändern – auch die großen Player der Branche werden zumindest in gewissen Bereichen bald auf Plattform-Ökonomie setzen.

So wird der Durchbruch von BioNTech und Moderna die Branche nachhaltig verändern. Dem ersten Anwendungsfall werden viele weitere folgen, auch in der Krebsbekämpfung. Was heute noch in den Sternen steht, wird bald schon Realität. Beispielsweise arbeitet BioNTech an einer Impfung gegen Multiple Sklerose. Moderna entwickelt auf der Basis seiner Plattform bereits personalisierte Krebsmedikamente, die auf jeden Patienten und jede Patientin individuell zugeschnitten sind. Dies öffnet weitere Türen für die personalisierte Medizin. Für Anleger bedeutet das alles: Pharma ist ein spannendes und vielversprechendes Segment. Es lohnt sich, hier genauer hinzusehen.