"Personalisierte Medizin wird Wirklichkeit"
Überalterung, technologischer Fortschritt und ein sich stetig wandelnder Lebensstil - das sind die treibenden Kräfte am globalen Gesundheitssektor. Und dieser bietet für Investoren große Chancen. Das meint und erläutert Christian Lach, Berater des Lacuna Biotech, im folgenden Interview.
von Wolfgang Regner
Christian Lach, Berater Lacuna Biotech
FONDS exklusiv: Wie sehen Sie das längerfristige Marktumfeld für die Biotechbranche?
Christian Lach: Wir schätzen das Potenzial als überaus hoch ein, denn vor allem der demografische Faktor macht dem Gesundheitswesen weltweit große Probleme. Schätzungen der UNO gehen davon aus, dass 2050 jeder vierte Mensch auf der Erde über 60 Jahre alt sein wird. Das sind drei Mal so viele Senioren wie heute. Die Lebenserwartung steigt, weil wir zum einen mehr auf uns achten und zum anderen die Gesundheitstechnologie laufend große Fortschritte macht. Aber auch Zivilisationskrankheiten wie Diabetes nehmen stark zu. So ist heute beispielsweise auch in China bereits jeder dritte Großstadtbewohner übergewichtig. Derzeit gibt es weltweit 250 Millionen Diabetiker. Ihre Anzahl wird sich bis 2030 verdoppeln. Ohne die Biotechindustrie könnte man den Bedarf an Insulin nicht decken.
FONDS exklusiv: Wie werden sich die jeweiligen Marktanteile entwickeln?
Christian Lach: Aktuelle Wachstumszahlen der Gesundheitsbranche zeigen einen entscheidenden Strukturwandel des Marktes. Während Big Pharma zu Beginn des zweiten Jahrtausends noch einen Marktanteil von 83 Prozent innehatte, markieren Generika und Biotech mit starken Zuwächsen einen neuen Markttrend. Bereits 2010 hatten sich die Medikamentenumsätze zu einem auf 75 Prozent gesunkenen Pharma-Anteil hin verschoben. Auch für die Zukunft erwarten wir weitere Steigerungen in den Sektoren Biotech und Generika; mit dem Ergebnis, dass die Medikamentenumsätze im Jahr 2020 nur noch zu 60 Prozent aus der Pharmabranche kommen.
FONDS exklusiv: Die Pharmakonzerne kommen also gleich mehrfach unter Druck?
Christian Lach: Genau. Auf der einen Seite profitieren Generika als Nachahmer der abgelaufenen Originalpräparate. Patentabläufe bringen hier bis zu zehn Prozent Wachstum pro Jahr. Auf der anderen Seite stehen Biotech-Unternehmen, die als Innovatoren das bieten, was Pharma schon seit langem nicht mehr leisten kann - neuartige Medikamente, die direkt an der Ursache ansetzen und keine bloße Symptombehandlung bieten. Das Resultat: Biotech wächst jährlich schon seit längerem um rund 15 Prozent und daran wird sich so schnell nichts ändern.
FONDS exklusiv: Ist die Innovationsstärke der Biotechnologie der Grund für die zahlreichen Biotechübernahmen durch Big Pharma?
Christian Lach: Ja, denn die großen Pharmaunternehmen haben ein doppeltes Problem: viele ihrer Blockbuster-Medikamente verlieren in den nächsten Jahren den Patentschutz und die eigene Forschung liefert nicht genügend Nachschub. Weltweit sind in den nächsten Jahren über 250 Mrd. Dollar vom Patentablauf betroffen, etwa ein Drittel des Gesamtumsatzes der Branche. Neue Strategien und Zukäufe sind nötig, um die Position im Markt zu bewahren und die Durststrecke zu überwinden. Die meisten Übernahmeziele kommen aus dem Biotech-Sektor. Hier kann man sich Innovation kaufen. Aktuelle Beispiele gibt es gleich mehrfach: Die Übernahme des Biotech-Titels Cephalon durch Teva zeigt anschaulich, dass Innovation auch für das größte Generikaunternehmen ein Thema darstellt. Denn Teva's Umsätze werden primär durch Generika erwirtschaftet, doch das Originalmedikament Copaxone liefert einen wichtigen Beitrag auf der Stufe Unternehmensgewinn. Mit Cephalon rüstet sich Teva für den Patentablauf seines Blockbusters Copaxone. Die zweite große Übernahme der letzten Zeit war der Kauf von Nycomed durch die japanische Takeda. Die Motivation zu dieser Übernahme liegt einerseits im Zukauf bereits bestehender Produktumsätze, andererseits in der breiten Produktpipeline und einem verbesserten Zugang zu den Emerging Markets.
FONDS exklusiv: Was wird das Resultat der US-Gesundheitsreform sein?
Christian Lach: Neben kostengünstigen Generika werden zukünftig innovative biotechnologische Medikamente eingesetzt. Erst kürzlich wurde auf dem US-Markt ein neues Produkt zur Behandlung der Autoimmunerkrankung Lupus zugelassen. Mit Benlysta erwartet Hersteller Human Genome Sciences für die kommenden Jahre Umsätze in Höhe von über zwei Milliarden Dollar. Unter anderem an diesem Beispiel zeigt sich das Zukunftspotenzial von Biotech-Medikamenten. Mit der Konsequenz, dass Fortschritte, die neben kurzfristigen Einsparpotenzialen wie bei Generika auch langfristig zu Kostensenkungen führen, stärker gefördert werden. Außerdem werden viele der aktuell 50 Millionen nicht krankenversicherten Amerikaner eine Basisversicherung erhalten. Die Kundenzahlen steigen also.
FONDS exklusiv: Woher kommt das starke Wachstum bei den Generika?
Christian Lach: In den reifen Industrienationen, mit Ausnahme von Japan, Frankreich, Italien und Spanien, ist der Anteil der Marktanteil der Generika bereits sehr hoch. Hier eröffnet sich in den nächsten Jahren ein interessanter Markt durch die Patentabläufe der erfolgreichen Pharmamedikamente wie nächstes Jahr Lipitor, des Blutfettsenkers von Pfizer.. Mittelfristig ist das größte Potenzial aber in den Emerging Markets. Hier werden neue Gesundheitssysteme aufgebaut und der Grundbedarf wird mit Generika abgedeckt. In Indien und China werden gegenwärtig über 50 Prozent der Gesundheitskosten privat getragen. Der Großteil der Ausgaben für die Gesundheit muss also selbst bezahlt werden. In China gibt es jetzt eine Gesundheitsreform. Als Resultat dieser Reform werden über 90 Prozent der knapp 1,4 Milliarden Chinesen zumindest auf einem Basisniveau krankenversichert sein. Zu der staatlichen Reform kommt die wachsende Mittelschicht dazu, die in China bereits 250 Millionen Menschen ausmacht. Diese kann und will sich Medikamente und Behandlungen leisten. In Indien liegt diese Zahl bei rund 150 Millionen Menschen. Die Überalterung wird auch hier die Dynamik verstärken. In vielen aufstrebenden Ländern kommen für seltene Krankheiten auch schon Biotechmedikamente zum Einsatz.
FONDS exklusiv: Gibt es Generika-Segmente, die besonders attraktiv sind- und warum?
Christian Lach: Dort wo der Bedarf am größten ist: zuerst Antibiotika, dann Herz-Kreislauf-Medikamente und natürlich Chemotherapeutika sowie Antidepressiva.
FONDS exklusiv: Wie zeigen sich die Stärken des Biotech-Forschungsansatzes in der Praxis?
Christian Lach: Von den zehn umsatzträchtigsten Medikamenten sind fünf biotechnologischen Ursprungs. Der gesamte Biotechsektor hat bereits über 200 neue Medikamente hervorgebracht. Viele davon haben die Behandlung neu definiert. Ein Blick auf die diesjährige Statistik genügt: Gut die Hälfte der Phase III Ereignisse der Biotechbranche waren positiv, gegenüber nur 20 Prozent bei Pharmafirmen. Die Hauptgründe liegen in der größeren Zielgenauigkeit der Biologica, was ein besseres Wirkungs-Nebenwirkungsprofil mit sich bringt. Die aktuellsten Positiv-Beispiele sind die US-Zulassungen von Incivek (Vertex) und Victrelis (Merck), beides neuartige orale Anti-Infektiva gegen Hepatitis C. Dennoch müssen Investoren risiko-resistent sein, denn im Bereich der Forschung sind Rückschläge die Regel und nicht die Ausnahme. Selbst in der letzten Phase der klinischen Entwicklung (Phase III) beträgt die Ausfallquote noch über 50 Prozent. Schafft es jedoch ein Produkt auf den Markt, dann ist dies meist nicht nur ein großer medizinischer, sondern auch ein kommerzieller Erfolg. Und dieser zeigt sich nun schon auf breiter Basis. Praktisch überall wo es in den letzten Jahren bahnbrechende Fortschritte gab, haben Biotech-Unternehmen diese erzielt oder zumindest einen Großteil dazu beigetragen. Dazu gehören neue Behandlungen für Krankheiten wie Diabetes, Krebs, Rheuma oder andere Autoimmunerkrankungen. Das gilt nicht nur für die bessere Behandlung, sondern zunehmend auch für die gezielte und frühere Diagnose. Die personalisiere Medizin wird damit Wirklichkeit.
FONDS exklusiv: Die Pharmabranche zeigt also großes Interesse an Biotechfirmen. Ist es nun aber für den Privatanleger schon zu spät?
Christian Lach: Im Gegenteil, das enorme Interesse der großen Pharmaunternehmen an Biotech-Unternehmen spiegelt sich bislang nur sehr bedingt in den Bewertungen an der Börse wieder. Nimmt man das Kurs-Gewinn Verhältnis, so wird der US-Biotech Sektor aktuell mit einem Abschlag gegenüber dem S&P 500 Index gehandelt. Der Biotech-Sektor bleibt damit auch von der Bewertungsseite her attraktiv.
FONDS exklusiv: Die letzten zehn Jahre waren für Anleger aber ein Trauerspiel ...
Christian Lach: Investoren betrachten in der Regel zuerst die Börsenkurse und nicht die fundamentalen Fortschritte. Mit dem Platzen der Biotechblase im Jahr 2001 war es für die Anleger in den letzten zehn Jahren verständlicherweise sehr schwierig, eine gute Rendite zu erzielen. Damals wurden Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) von 70 bis 100 bezahlt, heute ist der Sektor etwa mit mit einem KGV-Faktor von 15 mal bewertet. Diese Bewertungsanpassung führte zu einer tiefsitzenden Desillusionierung seitens der Investoren. Viele haben den Glauben an den Sektor verloren. Die fundamentalen Fortschritte sprechen aber eine klare Sprache: heute sind etwa 25 Prozent der gelisteten Biotech-Unternehmen profitabel, weitere stehen dank neuer Medikamente schon an der Gewinnschwelle. Dennoch sorgt die Angst vor weiteren Gesund-heitsreformen noch für günstige Bewertungen. Diese Angst ist übertrieben. Nur zwei Prozent der gesamten Gesundheitskosten werden für Biotechmedikamente ausgegeben. Und Innovationen werden sich auch zukünftig lohnen.
