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08.04.2021

Nippons digitaler Wandel

Japanische Investoren profitieren von der digitalen Transformation und dem Sparkurs der Verbraucher, ist Sophia Li von FSSA Investment Managers überzeugt.

Sophia Li, FSSA Investment Managers

Sophia Li, FSSA Investment Managers

FSSA Investment Managers

Inmitten der Covid-19-Pandemie erlebten einige Unternehmen in Japan 2020 ein starkes Wachstum. Sophia Li, Portfoliomanagerin für japanische Aktien bei FSSA Investment Managers, erkennt vor allem zwei Trends, die dieses Wachstum angekurbelt haben.

Digitalisierung nimmt Fahrt auf

Der erste Trend ist die digitale Transformation, die durch die Pandemie einen deutlichen Schub erfahren hat. 2020 war das Jahr, in dem sich Japans Digitalisierungsbemühungen beschleunigt haben. Laut der Information Technology Promotion Agency haben 40 Prozent der japanischen Unternehmen ein Projekt zur digitalen Transformation (DX) ins Leben gerufen. Obwohl Japan weltweit eine der höchsten jährlichen IT-Ausgaben vorweisen kann, ist das Tempo für die digitalen Transformation schleppend. Immer noch werden veraltete Methoden wie manuelle Prozesse und Offline-Geschäftsmodelle angewendet. Covid-19 hat die Unternehmen jedoch dazu bewegt, das digitale Tempo zu erhöhen.

Wir glauben, dass diese Entwicklung einigen Internet-Dienstleistungen und SaaS-Unternehmen (Software as a Service) zugutekommen wird. Als Beispiel dient M3, eine webbasierte Marketingplattform, die Ärzte mit Pharmaunternehmen zusammenbringt. Das Unternehmen verzeichnete im ersten Halbjahr 2020 einen 2,5-fachen Anstieg der Bestellungen für E-Detailing (virtuelle Besuche), da Ärzte persönliche Treffen mit medizinischen Vertretern vermieden. Dieser Trend dürfte sich auch nach Covid-19 fortsetzen, da die Branche zunehmend auf Technologien für hocheffizientes und dennoch kostengünstiges Marketing setzt. Da die Ausgaben für Online-Marketing nur ein bis zwei Prozent des Marketingbudgets von Pharmaunternehmen ausmachen, ist das langfristige Wachstumspotenzial für M3 nicht zu unterschätzen. Rakus bietet Cloud-basierte Dienstleistungen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) an und verzeichnete während der Corona-Pandemie im Jahresvergleich ebenfalls ein starkes Wachstum von mehr als 40 Prozent für seine Kernsoftware zur Kostenverwaltung. Die Software-Suite von Rakus hilft kleinen und mittleren Unternehmen sowie ihren Mitarbeitern, erhebliche Arbeits- und Zeitkosten zu sparen. Da die Verbreitung am Markt aufgrund begrenzter IT-Kenntnisse gering ist, gehen wir von einem langfristigen Wachstum aus.

In ähnlicher Weise betreibt Bengo4.com, der größte Anbieter von Cloud-basierter Vertragssoftware in Japan, die einzige Online-Plattform für japanische Verbraucher, um Rechtsberatung von registrierten Anwälten zu erhalten. Sein E-Signatur-Service CloudSign hält einen Marktanteil von über 80 Prozent. Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr um das 2,6-fache gestiegen, was auf die starke Verlagerung der Arbeit ins Home Office zurückzuführen ist. Covid-19 war der bisher stärkste Anstoß für Unternehmen in Japan, sich von der tief verwurzelten 'hanko'-Stempelkultur zu lösen, die physische Stempel erfordert. Bengo4.com ist exponentiell gewachsen, da zunehmend Unternehmen E-Signaturen in ihrem Geschäftsprozess einsetzen. Das Unternehmen schätzt, dass weniger als 10 Prozent der japanischen Unternehmen derzeit E-Signaturen verwenden. Dementsprechend dürfte das Wachstum in den kommenden Jahren deutlich zunehmen.

Discounter setzen sich durch

Ein weiterer Trend, der durch Covid-19 beschleunigt wird, ist die zunehmende Akzeptanz, Einkäufe bei Discountern vorzunehmen. Die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen, die das verfügbare Einkommen der Verbraucher stärken, hat deutlich zugenommen. In Japan wurden "günstige" Produkte früher mit Misstrauen betrachtet, doch diese Wahrnehmung ändert sich schrittweise. Denn Kunden mit einem mittleren Einkommen besuchen zunehmend Geschäfte wie Gyomu Super und Workman.

Gyomu Super, ein führender Lebensmitteldiscounter, der von Kobe Bussan betrieben wird, verzeichnete bei gleicher Ladenfläche im Geschäftsjahr 2020 ein Umsatzwachstum von 16 Prozent. Angetrieben wurde das Wachstum von der Nachfrage von Menschen, die zu Hause blieben, und durch Produkte, die in großen Mengen günstig verkauft wurden. Workman, ein Fachhändler für Outdoor- und Ath-leisure-Bekleidung mit Eigenmarken, verzeichnete im Geschäftsjahr 2020 ein Umsatzwachstum von 18 Prozent. Seine Funktionsbekleidung liegt preislich bei einem Bruchteil der führenden Marken. Angesichts der Performance der Discounter in Japan gehen wir davon aus, dass der Discount-Trend – insbesondere aufgrund der langsamen Wirtschaftserholung und des gedämpften Lohnwachstums – anhalten wird. Auch wenn Covid-19 für Rückenwind gesorgt hat, zeichnen sich diese beiden Trends schon länger ab. Am stärksten von diesen Faktoren werden führende Unternehmen profitieren, die in säkularen Wachstumsbranchen positioniert sind, oder Unternehmen, die durch Innovationen Marktanteile von etablierten Unternehmen übernehmen können. Während Japan zunehmend den Konventionen trotzt, könnten diese Firmen unabhängig von den wirtschaftlichen Herausforderungen des Landes gedeihen.