Meldungen | Marktkommentar, Nachhaltigkeit
11.06.2019

Müssen ESG-Anleger auf Staatsanleihen verzichten?

Maria Municchi, Fondsmanagerin des M&G (Lux) Sustainable Allocation Fund, erklärt anhand von drei Beispielen, warum ein zweiter Blick auf die Nachhaltigkeits-Kriterien bei Staaten lohnt.

Maria Municchi, Fondsmanagerin M&G

Maria Municchi, Fondsmanagerin M&G

Foto: M&G

Bei nachhaltigen Anleihen stehen Investoren derzeit Schlange. Erst kürzlich wurde den Niederlanden ihr erster Green Bond praktisch aus den Händen gerissen. Auch die deutsche Regierung prüft die Einführung einer grünen Bundesanleihe, deren Erlöse in umweltfreundliche Projekte fließen würden. Aus Anlegersicht weitaus bedeutender sind jedoch herkömmliche Staatsanleihen, die nach wie vor den größten Anteil des Rentenmarktes ausmachen. Halten diese einer Analyse nach den Kriterien Umwelt, Soziales und Governance (ESG) ebenfalls stand? Alleine aufgrund der vielfältigen Aufgaben eines Staates dürfte keine Regierung in der Lage sein, strenge ESG-Standards zu erfüllen. Offensichtliche Beispiele sind Verteidigungsausgaben und in manchen Ländern die starke Förderung fossiler Brennstoffe. Gleichzeitig dient aber oft sogar ein größerer Anteil des Staatshaushaltes dazu, den Lebensstandard der Bevölkerung zu verbessern. Das ist etwa in den USA der Fall, die zwar mit 12 Prozent ihres Haushaltes den höchsten Verteidigungsetat weltweit hätten, dennoch aber den größten Teil ihrer Staatsausgaben für soziale Zwecke einsetzten. Aus ethischen Gründen auf US-Treasuries zu verzichten, ist deshalb nicht angemessen. Wir müssen vielmehr prüfen, ob der Nettoeffekt der Staatsausgaben positiv ist.

Wir empfehlen daher bei der ESG-Beurteilung von Staaten einen unvoreingenommenen Blick. Die von MSCI angewandte Methode zur Bestimmung von ESG-Ratings von Staaten könne etwa dazu genutzt werden, das Ausmaß an Korruption, Rechtsstaatlichkeit und der Wahrung der Menschenrechte zu bestimmen, einem wichtigen Element der Governance.

Kolumbien ist ESG-konformer Emittent

Eine Beurteilung von Märkten, in denen weniger Daten verfügbar sind, kann allerdings schwierig sein, so dass Anleger auch qualitative Aspekte hinzuziehen müssen. Aktuelles Beispiel ist die Bewertung dreier Emittenten aus Schwellenländern: Kolumbien, Indonesien und Ägypten könnten aus Renditesicht recht attraktiv sein. Doch wenn ESG-Aspekte berücksichtigt werden, trifft dies auf zwei Länder deutlich weniger zu. So ist Kolumbien im Nachhaltigkeitsbereich eine wichtige Adresse auf internationaler Ebene und habe die Entwicklung der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen aktiv und progressiv unterstützt. Im Gegensatz dazu besitzt Indonesien zwar insgesamt ein ESG-Rating mit „BB“ von MSCI und könne attraktive Fundamentaldaten vorweisen. Allerdings setzt sich das Land nur ungenügend für den Umweltschutz in der Palmölproduktion sowie für andere Maßnahmen zum Umweltschutz auf nationaler und internationaler Ebene ein. In Ägypten wiederum ist die soziale Governance nicht ESG-konform. Organisationen wie Freedom House – eine NGO aus den USA, die die Entwicklung von Demokratie und Freiheit misst und überprüft – stuften Ägypten als eines der unfreiesten Länder der Welt ein. Für nachhaltig orientierte Anleger könnten kolumbianische Staatsanleihen daher durchaus interessant sein, indonesische und ägyptische Titel derzeit jedoch weniger. Fazit: Staatsanleihen sind unter ESG-Gesichtspunkten zwar schwieriger zu beurteilen als Unternehmen, doch als eine der wichtigsten Anlageklassen dürfen wir sie nicht ignorieren. Sowohl mit Blick auf die Vielfalt der Anlagemöglichkeiten als auch einer verantwortlichen Titelauswahl.