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10.04.2012

Mikrokredite: Doch kein Wundermittel

Mikrofinanzfonds sollten den Ärmsten helfen und auch Anlegern in den reichen Ländern Rendite bringen. Langsam werden aber auch die Schattenseiten der Mikrofinanz diskutiert.

Günther Kastner (Absolute Portfolio Management) und Damian von Stauffenberg (MicroRate) beim corporAID Multilogue

Günther Kastner (Absolute Portfolio Management) und Damian von Stauffenberg (MicroRate) beim corporAID Multilogue

Einst galten sie als Wunderwaffe zur Bekämpfung der globalen Armut, heute werden sie bereits kontroverser diskutiert: die Mikrokredite. Ausgehend von Bangladesch, wo der Wirtschaftsprofessor Mohammed Yunus die Grameen Bank („Dorfbank“) gegründet hat, wurde das Konzept in alle Welt getragen. Wenige Jahre und Millionen vergebene Kredite später kam dann das Kapital auch von den internationalen Finanzmärkten, wo sich die Erfolgsgeschichten, die hohen Renditen und die hohen Rückzahlungsquoten herumgesprochen hatten. Von den schönen Bildern vom profitablem Investment für den guten Zweck, die den Anlegern gezeichnet wurden, ist mittlerweile nicht mehr viel übrig. Das zeigte sich auch bei der Veranstaltung „corporAID Multilogue“ zum Thema „Entwicklungsgeschäft Mikrofinanz: Perspektiven für Investoren und Entwicklungszusammenarbeit“ im Reitersaal der Österreichischen Kontrollbank (OeKB) in Wien.

„Das verklärte Bild der Mikrofinanz ist einer realistischeren Einschätzung gewichen. Es schadet der Mikrofinanz aber keineswegs, auf das Potenzial, die sie als Instrument der Armutsminderung zweifellos hat, verwiesen zu werden“, sagte etwa Bernhard Weber, Geschäftsführer des Instituts fürt die Cooperation von Entwicklungsprojekten (ICEP). Günther Kastner, Geschäftsführer und Gründer der Absolute Portfolio Management, verwies auf die Einschränkungen des Mikrokreditprinzips: „Bei der Investition in Mikrofinanz geht es darum, den Zugang zu Finanzdienstleistungen zu ermöglichen. Die Entscheidung, ob oder wie diese in Anspruch genommen werden, ist aber jedem selbst überlassen. Allerdings ist der Erfolg Einschränkungen unterworfen: Mikrofinanz ist nicht für ganz Arme. Es braucht Rahmenbedingungen und unternehmerische Erfahrung, um Wertschöpfung zu erzielen.“

Keynote-Speaker Damian von Stauffenberg, Gründer von MicroRate, der weltweit ersten Rating‐Agentur Mikrofinanzinstitutionen, kritisierte den Vormarsch der öffentlichen Investoren auf dem Gebiet: „Bei dem dafür erforderlichen Finanzvolumen ist nicht daran zu denken, dass öffentliche Mittel den Bedarf decken können. Wenn private Investoren also aus dem Markt gedrängt werden, ist das ein Schritt zurück. Sie werden unbedingt gebraucht, um das Kapitalvolumen, das von Mikrofinanzinstitutionen benötigt wird, aufzubringen und darüber hinaus ein System aufzubauen, das erkennt, wer in der Lage ist, die Kredite erfolgreich zu nutzen.“ Eva Terberger, Wirtschaftsprofessorin an der Universität Mannheim, sah wiederum diesen behaupteten Gegensatz zwischen öffentlich und privat als kontraproduktiv: „Sowohl öffentliche als auch private Investoren verbinden mit ihrem Investment soziale Ziele. In der Diskussion über das Mikrofinanz-Business geht es vielmehr um die Frage: Wie arbeiten beide möglichst gut zusammen, um die Branche so zu entwickeln, dass jene Menschen erreicht werden, die von Finanzdienstleistungen ausgeschlossen werden?“

 

„Der überwiegende Teil geht einkaufen“

 

Dabei ist die Frage „Privat oder Öffentlich?“ noch gar nicht die dringenste in der Branche. Denn wie sich in den letzten Jahren etwa in Indien gezeigt hat, können Mikrokredite auch verheerende Folgen haben. Im indischen Andra Pradesch nahmen sich innerhalb weniger Wochen an die 50 Mikrokreditnehmerinnen das Leben, weil sie die Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten. Für Experten eine Folge des Missbrauchs der Mikrokredit-Idee und des zu schnellen Wachstums des Sektors. „Es ist tatsächlich nicht so, dass jeder, der 100 Euro bekommt, fleißig ein Geschäft aufmacht und das Geld vermehrt“, erklärte Damian von Stauffenberg in einem Interview für die „Presse am Sonntag“, „Der überwiegende Anteil wird damit einfach einkaufen gehen – er wird damit also nicht reicher, sondern ärmer. Die Kunst ist es, unter den Zigtausenden, die einen Kredit wollen, jene zu finden, die genug Geschäfts- und Verantwortungssinn haben, mit dem Geld mehr Geld zu verdienen.“ Jene Mehrheit an Frauen, die scheiterten waren dem sozialen Druck der Gruppe ausgesetzt, innerhalb derer man füreinander gebürgt hatte. Innerhalb des Dorfes bedeutete die Pleite zudem einen Statusverlust, der nur schwer zu verkraften war. Der Soziologe Aminur Rahman hat bereits 1999 in einer Studie untersucht wie negativ sich Mikrokredite auf die dörflichen Solidarstrukturen auswirken konnten.

Der schärfste Kritiker der Mikrokredite ist derzeit wohl der deutsche Journalist Gerhard Klas. Er hat direkt in den betroffenen Regionen von Indien und Bangladesch recherchiert und voriges Jahr sein Buch „Die Mikrofinanzindustrie - eine große Illusion und ein Geschäft mit der Armut“ herausgebracht. „Die Frauen wagen es nicht mehr zu sagen, wenn die Kinder krank sind, weil sie sonst in Verdacht geraten, dass sie die Kredite nicht bedienen können“, berichtet Klas dem deutschen Z-Radio aus eigener Beobachtung, „Die Frauen die nicht mehr zahlen können verlieren ihr Gesicht im Dorf und leiden unter Ausgrenzung.“ Dass laut dem Forschungsinstitut CGAP die weltweite Durchschnittsrendite bei Mikrokrediten im Jahr 2008 bei 35% lag sei ein weiterer Missstand: „Wie sollen es den Frauen gelingen soviel zu erwirtschaften?“ Mit dem Versprechen, dass die Armen sich selbst aus der Armut befreien können werde zu dem die Frage nach den Ursachen von Armut und Reichtum ausgeklammert. Klas' Conclusio: „Die Mikrokredite sind nicht viel mehr als die Neoliberalisierung der Entwicklungspolitik.“