Meldungen | Marktanalyse
12.02.2021

Kann man den Kaufmoment erraten?

Den wenigsten Anlegern gelingt das richtige Market-Timing. Die Gründe, weshalb dies meist nicht gelingt, liegen für Christian Nemeth, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank Österreich AG, auf der Hand.

Christian Nemeth, ZKB Oe AG

Christian Nemeth, ZKB Oe AG

ZKB Oe AG

Sich der Herausforderung Market-Timing – also Aktien unmittelbar vor einem Kurssturz an den Börsen zu verkaufen und am Tiefpunkt günstig zurückzukaufen – zu stellen, reizt viele Investoren. Christian Nemeth, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank Österreich AG, hat unter anderem am Beispiel der kurzzeitigen Börsentalfahrt zu Beginn der Corona-Pandemie untersucht, ob es sich lohnt, dieses Risiko einzugehen.

Im Frühjahr 2020 kam es durch die Entwicklung von Covid-19 zur globalen Pandemie und damit zu Kursstürzen enormen Ausmaßes. „So rasant die Talfahrt war, so schnell und für viele überraschend kam es in den Folgewochen zu einer kräftigen Erholung. Vom Höchststand Ende Februar bis zum Tiefstand Mitte März konnten Anleger etwa am europäischen Aktienmarkt ihr Ergebnis um 38,3 Prozent verbessern, hätten sie das Potential vollständig genutzt. Das klingt nach einem starken Argument für Market-Timing, allerdings sind die nackten Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Denn es ist eine nahezu unlösbare Aufgabe, das Market Timing perfekt umzusetzen“, analysiert Christian Nemeth.

Die sechs Fallen des Market-Timing:

1. Die Phase zwischen Ein- und Aussteigen kann mitunter sehr kurz sein

Wer das perfekte Market-Timing hinlegen wollte, hatte zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 nicht viel Zeit. „Es hat gerade einmal 22 Tage gedauert, bis der US-amerikanische Aktienmarkt – gemessen am S&P 500 – um mehr als dreißig Prozent korrigiert hat. Das ist deutlich kürzer als während der Finanzkrise (250 Tage) oder nach dem Platzen der Technologieblase (369 Tage) zu Beginn der Nullerjahre. Selbst in der Weltwirtschaftskrise 1929 benötigten die Börsen rund die doppelte Zeitspanne, um eine ähnliche Abwärtsbewegung zu vollziehen.

2. Große Fluktuationen bei nicht ganz perfekter Treffsicherheit

Ein Blick auf die Kursentwicklung im Frühjahr zeigt, wie schnell man deutlich unter dem maximalen Potential liegen kann. Verschiebt man das ideale Timing lediglich um einen Tag, reduziert sich der Vorteil um vier Prozentpunkte. Wenn man fünf Handelstage zu früh aus- und in weiterer Folge wieder eingestiegen ist, betrug der Kursvorteil nur mehr 24,6 Prozent. Lag man bei beiden Zeitpunkten zehn Tage daneben, schmolz der potenzielle Erfolg auf 9,5 Prozent. Die Treffsicherheit ist also das Um und Auf und macht Market-Timing derart schwierig und gefährlich.

3. Der Ausstieg ist wesentlich leichter als der Wiedereinstieg

Sich ein Negativszenario vor Augen zu führen und den Ausstieg zu wagen, ist die leichtere Übung. Selbst in normalen Marktphasen gehört ein gewisses Maß an Unsicherheit zum Anlagegeschäft. Im Anschluss daran aber wieder rechtzeitig einzusteigen, ist bedeutend schwieriger. Wenn die Märkte nahe an den Tiefständen angelangt sind, werden Investoren mit einer Unmenge an negativer Berichterstattung praktisch überschwemmt. Positive Nachrichten sind Mangelware und hinzukommt, dass die Visibilität am Markt in dieser Phase äußerst gering ist. Das erfordert eine enorme emotionale Stabilität seitens der Anleger und genau deshalb verpassen diese oft den richtigen Zeitpunkt zum Wiedereinstieg.

4. Selbst das perfekte Market-Timing hilft manchmal nichts

Auch der, dem tatsächlich das Kunststück gelungen ist, punktgenau am richtigen Tag ein- und ausgestiegen zu sein, darf sich nicht zu früh freuen. Der Kursvorteil muss sich nicht zwangsweise zu hundert Prozent im Portfolio widerspiegeln. In der sonst sehr ruhigen Anlageklasse der Unternehmensanleihen kam es beispielsweise im Frühjahr zu heftigen Verwerfungen. Mangelnde Liquidität am Markt führte dazu, dass die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskursen massiv ausgeweitet wurde. Dadurch waren beispielsweise ETFs kurzfristig nicht mehr in der Lage, den eigenen Referenzindex korrekt zu replizieren, es kam zu enormen Intraday-Abweichungen.

5. Stabilität und Substanz sind wichtiger als kurzfristige Unternehmensgewinne

Für den Aktieninvestor ist im Prinzip die langfristige Gewinnerwartung von Unternehmen entscheidend. Sofern die langfristige Perspektive intakt bleibt, sinkt die Aktienbewertung nur geringfügig, wenn der Unternehmensgewinn vorübergehend einbricht. Andererseits wirken sich höhere Zinsen und damit gestiegene Finanzierungskosten wesentlich stärker auf die Unternehmensbewertung aus und lassen deutlich höhere Einbrüche erwarten. Von steigenden Zinsen sind wir jedoch derzeit weit entfernt. Das spricht dafür, Unternehmensanteile langfristig zu halten. Aktien werden im aktuellen Umfeld weiterhin strukturell unterstützt.

6. Vorteil relativiert sich über längere Sicht

Ein Blick in die Statistik offenbart, dass die Konzentration auf den richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt in der Mehrzahl der Fälle wertvernichtend und nicht performancefördernd ist. Wer am Aktienmarkt langfristig investiert bleibt, macht somit vielleicht die eine oder andere Abwärtsbewegung mit, begeht aber nie den Fehler, zur falschen Zeit aus- und wiedereinzusteigen. Wer sich einmal der Versuchung des Market-Timings hingibt, droht seine Performance durch wiederholte Transaktionen aufs Spiel zu setzen. In Summe ist Market-Timing für kurzfristige Investments schwer erfolgreich umzusetzen. Auf lange Sicht relativiert sich zudem der Vorteil gegenüber jenen Anlegern, die an ihren Aktieninvestments festgehalten haben. „Ich habe viele Investoren erlebt, die durch das kurzfristige Agieren und Taktieren Schiffbruch erlitten haben und nur wenige, die davon profitiert haben. Wir raten Anlegern davon ab und empfehlen langfristig investiert zu bleiben, schwierige Perioden zu durchtauchen und nicht zu früh die Flinte ins Korn zu werfen“, so Nemeth.