Meldungen | Aktien, Marktkommentar
07.05.2012

Heißt es im Mai wieder verkaufen?

„Sell in May and go away“ heißt es an der Börse, aber gilt das auch für 2012? Ad van Tiggelen, Senior Investment Specialist bei ING IM sieht zumindest in nächster Zeit keine großen Sprünge.
 

Ad van Tiggelen, Senior Investment Specialist bei ING IM

Ad van Tiggelen, Senior Investment Specialist bei ING IM

Das könnte aus vielen Gründen der Fall sein. Schaut man sich die aktuellen Trends an den globalen Aktienmärkten an, fallen die unerwartet guten Gewinne, die gesunden Bilanzen, die immensen Aktienrückkäufe sowie die bar finanzierten Übernahmeangebote auf. Hinzu kommt, dass die Aktienbewertungen – jedenfalls im Vergleich zu Anleiherenditen – überaus angemessen sind. Skeptiker könnten dem entgegenhalten, dass diese soliden Unternehmensrahmendaten auch im Frühjahr 2011 bereits bestanden. Sie haben sich seitdem allerdings weiterverbessert.

 

Und das ist nicht alles. Die Weltkonjunktur weist immer noch eine beachtliche Dynamik auf, die vor allem von den Schwellenländern, Japan, Deutschland und den USA angefeuert wird. Die Wohnimmobilienmärkte stabilisieren sich überwiegend. Zwar gibt es nach wie vor Schwachstellen, doch die werden durch die deutliche Erholung in anderen Bereichen wettgemacht. Das lässt sich auch beim Arbeitsmarkt – am deutlichsten in den USA und Deutschland – feststellen.

 

Trotz alledem hat sich die Marktstimmung im April nach und nach verschlechtert. Wenn auch die Angst vor einer Ölkrise oder einer harten Landung in China offenbar nachgelassen hat, so bereitet die Eurokrise der Anlegerschaft doch erneute Sorgen. Man erinnert sich nur zu gut daran, dass es eben diese Krise war, die in den beiden vorangegangenen Sommern zu erheblicher Schwäche geführt hatte. Spanien und/oder Griechenland könnten in den kommenden Monaten durchaus wieder zu Problemfällen werden und seit der Kreditkrise wissen wir alle, wie groß die Ansteckungsgefahr ist. Über kurz oder lang könnten auch Italien und Frankreich ins Schwimmen geraten. Beide Volkswirtschaften sind ausgesprochen starr und der Bedarf an (weiterreichenden) Renten- und Arbeitsmarktreformen groß.

 

Kurzfristig werden globale Aktienanleger daher die Risiken in einem relativ kleinen Teil ihres Anlageuniversums (der Eurozone) gegenüber den weitgehend positiven Entwicklungen in anderen Regionen austarieren müssen. Längerfristig werden sie realisieren müssen, dass der gegenwärtige Aufschwung in den USA ins Stocken geraten könnte, wenn nach den Präsidentschaftswahlen schließlich die notwendigen Haushaltskürzungen umgesetzt werden; vorerst bereitet das aber wohl weniger Sorge.

 

Wenn also die Anlegerschaft zunehmend auf die Risiken fokussiert, muss man sich fragen, was die Aktienkurse also über den Sommer höher treiben könnte. Denn schließlich sollte man stets mit dem Unerwarteten rechnen. Bei den derzeit recht niedrigen Bewertungen könnten positive Überraschungen sich bereits daraus ergeben, dass negative Überraschungen ausbleiben – jedenfalls in der Eurozone. Doch die Wahrscheinlichkeit schlechter Nachrichten aus der Eurozone bleibt gerade im aktuellen politischen Umfeld hoch. Da der Aktienmarkt sich grob in 20% Finanzwerte, 50% Zykliker (z. B. Industriewerte) und 30% defensive Werte (Pharma, Lebensmittel usw.) unterteilen lässt, können Rallys in der Regel nur von Finanzwerten und Zykliker gemeinsam angestoßen werden. Das ließ sich zu Beginn des Jahres beobachten. Und genau da liegt das Problem. Derzeit käme vor allem eine weitere Runde quantitativer Lockerung durch die Zentralbanken als Auslöser für eine Kursrally bei Finanzwerten in Frage. Da die Bilanzen der westlichen Banken jedoch bereits weitgehend saniert sind, kann man mit einer solchen Unterstützung wohl nur dann rechnen, falls der konjunkturelle Schwung – die Triebkraft hinter den zyklischen Aktienkursen – ausbleibt. Insofern erscheint eine lang anhaltende Rally wenig wahrscheinlich.

 

Abschließend lässt sich sagen, dass der Dauerkompromiss zwischen solidem weltweiten Wachstum und der Angst vor einer sich möglicherweise verschärfenden Krise in der Eurozone in diesem Sommer am Markt wohl vor allem zu Seitwärtsbewegungen führen wird. Allerdings bestehen bei diesem Szenario in erster Linie Abwärtsrisiken.