„Großer Wurf? Fehlanzeige“
Dominic Rossi, Global Chief Investment Officer für Aktien bei Fidelity Worldwide Investment, kommentiert die Ergebnisse des EU-Gipfels in Brüssel.

Dominic Rossi, Global Chief Investment Officer für Aktien bei Fidelity
Fidelity
Die Ergebnisse des EU-Gipfels sollten nicht überbewertet werden. Eine Erhöhung des Eigenkapitals der Banken kann negativen Einfluss auf das Wachstum in Europa haben. Der Schuldenschnitt Griechenlands ist ein Richtungszeichen für Europa, aber die Lage in Italien bleibt angespannt. Die Hebelung des EFSF ist ein gewagtes Manöver mit ungewissem Ausgang. Aktien bleiben unterbewertet, und die wichtigen Impulse für die Aktienmärkte kommen nicht aus Europa.
Die Rekapitalisierung der Banken ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Entscheidung, den Banken eine Frist bis Juni 2012 zu setzen, ist vernünftig. So können Banken einige Vermögenswerte verkaufen und müssen nicht direkt auf den Kapitalmarkt gehen, was derzeit schwierig wäre. Die Auflage in Bezug auf Bank-Dividenden und -Boni dürfte dafür sorgen, dass die Vorgaben umgesetzt werden. Und die 106 Milliarden Euro frisches Kapital werden gewährleisten, dass die Banken der Eurozone nun eine Kernkapitalquote (Tier 1) von mindestens neun Prozent erreichen. Ich gehe davon aus, dass sich die stärkeren Banken bemühen werden, deutlich über diesem Schwellenwert zu liegen. Kurzfristig wird sich dies negativ auf das Wachstum auswirken, da sich der Entschuldungsprozess fortsetzt. Allerdings ist ein Bankensystem mit mehr Eigenkapital auf längere Sicht vorteilhaft.
Die 50%-Abschreibung auf griechische Schulden ist ein wichtiger Schritt nach vorne, aber ich würde gerne noch mehr Details kennen. Die Abschreibung der Schulden Griechenlands ist richtungsweisend für andere europäische Länder. Wie schneidet Italien nach diesen Kriterien ab? Das Auge des Sturms zieht nun weiter in Richtung Rom und seine angeschlagene Regierung. Ich glaube nicht, dass die Renditen der italienischen Staatsanleihen aufgrund dieser Vereinbarung längere Zeit sinken werden.
Es wird auch vorgeschlagen, den EFSF vier- oder fünffach zu hebeln. Solange die EFSF nicht über eine solide Eigenkapitalbasis verfügt, halte ich dies für einen heroischen Akt von Finanz-Alchemie. Es ist sozusagen eine Versicherungsgesellschaft, die eine Absicherung gegen die eigene Zahlungsunfähigkeit verkauft. Man kann verstehen, warum die Versicherungsgesellschaft diese Absicherung verkaufen will, aber warum sollten die Chinesen sie kaufen?
Insgesamt denke ich, dass diese Vereinbarung keine entscheidende Veränderung bringt. Die Verschuldungsquote Italiens von 120% des BIP sieht heute nicht nachhaltiger aus als gestern. Europa steht ein mehrjähriges Konditionstraining ins Haus, und in diesem Zeitraum wird das Wirtschaftswachstum stark gebremst und die Aktien werden preiswert bleiben.
Die Aktienmärkte benötigen daher bessere Nachrichten. Das Gewinnwachstum in den USA überrascht weiterhin positiv. In China könnten wir auf einen Wendepunkt der Politik zusteuern. Der Katalysator, der die Aktienmärkte beflügelt, liegt eher außerhalb als innerhalb Europas.
