Meldungen | Aktien
25.02.2021

Es braucht Schranken für Robin Hood & Co.

Mit der digitalen Eskalation rund um die Game-Stop-Aktie wird der Ruf nach regulierenden Eingriffen lauter, erklärt Alexander Eberan, Leiter Private Banking Wien bei der Steiermärkischen Sparkasse. Dies wäre ein wichtiger Schritt für die Finanzmarktstabilität.

Alexander Eberan, Steiermärkische Sparkasse

Alexander Eberan, Steiermärkische Sparkasse

Steiermärkische Sparkasse

Der Austausch zwischen einer riesigen Zahl von kleinen Marktteilnehmern in Sozialen Medien hat das Potenzial, die Mechanismen der Finanzmärkte auf den Kopf zu stellen und massive „Zockerwellen“ auszulösen. Das ruft jetzt professionelle Investoren auf den Plan. Sie fürchten um die Stabilität der Märkte und hoffen auf regulierende Eingriffe der Finanzaufsichten. Kursmanipulationen sehr vieler Privatanleger, die ihre Wertpapiere über gebührenfreie Finanzdienstleister mittels Apps, wie zum Beispiel „Robinhood“ oder „Trade Republic“ handeln, sollten verhindert werden, erklären die Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking.

Wildes Zocken um GameStop

Die App Robinhood hat unter dem Slogan "Investing for everyone" das Handeln mit Wertpapieren günstig und einfach gemacht. Vor allem in der Pandemie haben viele junge Menschen ihre Leidenschaft für die Börse entdeckt und begonnen, Informationen über Soziale Medien zu verbreiten. Jüngstes Aufsehen erregendes Beispiel: Der US-Videospielehändler GameStop, dessen Aktienkurs im Jänner binnen vier Wochen um unglaubliche 1600% stieg. Zuvor hatte eine hohe Anzahl professioneller Investoren mittels so genannter „Short Positionen“ darauf „gewettet“, dass der Kurs der Firma fallen würde. In der Praxis ist das nicht unüblich. Große Hedgefonds bedienen sich oftmals solcher Strategien, wenn das Geschäftsmodell des Unternehmens wenig Zuversicht bietet und negative Auswirkungen auf den Aktienkurs zu erwarten sind.

In der technischen Umsetzung entspricht das Setzen auf fallende Kurse einem Leerverkauf der Aktie. Man „borgt“ sich eine entsprechende Aktie mit der Verpflichtung, diese zu einem vereinbarten Termin in der Zukunft wieder dem Ausleiher zurückzugeben. Diese Aktie wird in einem ersten Schritt am Markt verkauft. Fällt der Kurs der Aktie bis zum Rückgabetermin, kann die Aktie in einem zweiten Schritt zu einem günstigeren Kurs wieder erworben und zurückgegeben werden. Die Differenz zwischen dem Verkaufspreis im ersten Schritt und dem günstigeren Kaufpreis im zweiten Schritt stellt den Gewinn dar. Die Strategie des Leerverkaufs ist solange sinnvoll, solange der Kurs weiter fällt. Steigt der Kurs aber entgegen den Erwartungen an, sollte man seine Position „glattstellen“, das heißt die Aktie möglichst rasch kaufen, weil die Gefahr besteht, dass der Einkaufskurs der Aktie den früher erzielten Verkaufskurs übersteigt.

Flashmob an der Börse

In der Causa GameStop hatte sich eine Vielzahl an Kleinanlegern in einer konzertierten Aktion zusammengetan und Aktien der Firma GameStop entweder direkt oder mittels Derivaten gekauft und somit eine Art „Flashmob an der Börse“ gebildet. Der Kurs der Aktie stieg damit an und veranlasste sukzessive die Leerverkäufer, ihre Short-Positionen glattzustellen, um ihre Verluste zu begrenzen. Dies führte zu einem weiteren rasanten Anstieg des Aktienkurses und erklärte die massive Wertsteigerung in den letzten Wochen. Im Sog von GameStop legte auch die Aktie des australischen Rohstoffproduzenten GME Resources rasant um 70 Prozent zu, weil das Unternehmen an der Börse mit demselben Anfangskürzel gelistet ist wie GameStop („GME“) und von unachtsamen Anlegern fälschlicherweise gekauft wurde.

Absurde Entwicklungen

Abgesehen von solch absurden Entwicklungen beobachten Profis die Einflüsse von Digitalisierung und Social Media auf den Kapitalmarkt schon länger mit Sorge. Oft reicht schon eine Meldung auf Twitter, dass der Kurs einer Firma steigt oder fällt. Der Vorfall bei GameStop stellt aber die nächste Ebene der digitalen Eskalation dar und es werden die Schattenseiten einer zu laschen Regulierung des Handels mit Derivaten – der ursprünglich in guter Absicht begründet wurde – immer deutlicher sichtbar. Treten Hedgefonds mit Short-Strategien auf den Plan und liefern sich in einer Aktie Machtkämpfe mit einer Masse an modernen „Robin Hoods“, dann muss die Aufsicht alarmiert sein. Fälle wie diese führen nämlich dazu, dass sich Preise für Unternehmen immer mehr von ihren fundamentalen Daten abkoppeln. Dadurch wird nicht nur die Allokationsfunktion der Börse, nämlich das Kapital in Richtung prosperierende Geschäftsbereiche und Unternehmen zu lenken, gestört. Auch die Investition auf Basis von Fundamentaldaten wird damit erschwert.