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19.11.2020

Digitaler Euro: eine Medaille mit zwei Seiten

Staaten auf der ganzen Welt sind entschlossen, digitale Währungen in den Schoß der Notenbanken zu legen, betont Sieglinde Klapsch, Leiterin Private Banking Graz, Steiermärkische Sparkasse. Doch wo lauern die Gefahren?

Sieglinde Klapsch, Steiermärkische Sparkasse

Sieglinde Klapsch, Steiermärkische Sparkasse

Steiermärkische Sparkasse

In der fast tausendjährigen Geschichte des Geldes steht in den nächsten Jahren ein neuer Meilenstein bevor: die Einführung des digitalen Euro. Die Konzeption der EZB ist bereits in vollem Gange und könnte nach positiven Prüfungen bereits in einigen wenigen Jahren umgesetzt werden, erklärt Sieglinde Klapsch, Leiterin Private Banking Graz, Steiermärkische Sparkasse. Vor kurzem hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Entscheidung für Mitte 2021 angekündigt. Der „E-Euro“ ist aber eine Medaille mit zwei Seiten.

Der gläserne Bürger

Auf der einen Seite werden Transaktionen im Geldverkehr bequemer und schneller. Gleichzeitig wird der Kampf gegen die Finanzierung von Terrorismus und Schwarzgeld erleichtert. Andererseits wird aber der gläserne Bürger zunehmend Realität: Er würde beim derzeit in Diskussion stehenden Konzept ein Konto direkt bei der EZB erhalten und alle seine Transaktionen könnten letztendlich trotz Zusicherung des Datenschutzes im Vollausbau dieses Systems zentral eingesehen und analysiert werden. Zudem besteht die Gefahr, dass „weichwährungsgeprägte“ Länder, vor allem die Südstaaten Europas, durch die Einflussnahme auf die EZB „aktive“ Wirtschafts- bzw. Notenbankpolitik durch die Kenntnis des Finanzverhaltens der Bürger effizienter umsetzen könnten.

Abschaffung des Papiergeldes?

In einem weiteren Schritt ist nach erfolgreicher Einführung des digitalen E-Euros auch die schrittweise Abschaffung des Euros in Papierform vorstellbar. Damit ist keine Transaktion mehr möglich, ohne dass die Notenbank davon Kenntnis hat und diese kontrolliert. Mit der Abschaffung des Bargeldes wäre auch eine Senkung des Zinssatzes auf minus 2 Prozent oder minus 3 Prozent oder noch tiefer möglich. Diese Umverteilung würde die Staatsschulden senken und eine Umverteilung zulasten der Spareinlagen und Schuldpapieren fördern. Aktien und andere Beteiligungspapiere, die schon heute massiv von der Ausweitung der Geldmenge profitieren, wären wegen der geringen Zinsbelastung für Unternehmer und der damit verbundenen Konsum- und Investitionsneigung seitens der Konsumenten begünstigt.

Macht und Geldströme

In einem finanzpolitischen Umfeld voller Herausforderungen treten digitale Währungen weltweit ihren Siegeszug an. Diese unter dem Begriff Kryptowährungen bekannten Währungen agieren dabei global und autonom und sind bislang so erfolgreich, dass zuletzt auch ein bekannter Zahlungsdienstleister angekündigt hat, das Halten, Kaufen oder Verkaufen von Bitcoins, der bekanntesten Kryptowährung im Netz, zu erlauben. Schon zuvor machte Facebook Schlagzeilen, als es als Zahlungsmittel die digitale Währung „Libra“ selbst aus der Taufe heben wollte. Das Projekt scheiterte aber an den nationalen Aufsichten, die ihre Monopolstellung bei der Ausgabe von Währungen gefährdet sahen und nun selbst staatlich beaufsichtigte Währungen auf den Markt bringen wollen.

EZB: Anschluss nicht verlieren

Die Zeit drängt, denn China, ist hier bereits ein großes Stück weiter und hat bereits Proberegionen mit einer chinesischen digitalen Währung ausgerüstet, um Praxiserfahrung zu sammeln. Währenddessen besteht die berechtigte Sorge, dass die EZB den Anschluss bei der Digitalisierung verpassen könnte. Europa hat es in den letzten Jahrzehnten nicht geschafft, mit einer eigenen schlagkräftigen Cloud-Infrastruktur, eigenen Kreditkartenfirmen oder einer eigenen Ratingagentur unabhängig zu sein. Die EZB will nun das Feld der digitalen Währungen nicht auch noch aus der Hand geben und verweist darauf, dass die europäische Bevölkerung in manchen Regionen wie in Skandinavien bereits 80 Prozent der Zahlungstransaktionen online bzw. bargeldlos tätigt. Noch unentschieden ist, auf welcher technologischen Basis der „E-Euro“ beruhen könnte. Dabei kann entweder die beim Bitcoin bereits angewandte Blockchain-Technologie oder eine Art Wertgutschrift mittels so genannter Tokens zum Einsatz kommen.

Offenbar sind Staaten auf der ganzen Welt entschlossen, die digitalen Währungen wie bei Papiergeld wieder in den Schoß der Notenbanken zu legen. Dabei geht es nicht zuletzt um immense Machtinteressen. So haben zum Bespiel die USA heute aufgrund der weltweiten Leitfunktion des US-Dollars einen guten Einblick über alle Zahlungsströme dieser Welt. Auch in Zukunft werden die großen Player im digitalen Währungsgeschäft Informationsvorsprünge über Zahlungsbewegungen haben.

Enorme Anleihekäufe

Das großangelegte Krisen-Anleihekaufprogramm PEPP der EZB ist inzwischen auf 1,35 Billionen Euro angelegt. Die Käufe sollen bis mindestens Ende Juni 2021 laufen. Damit wird die EZB im Jahr 2021 mehr Anleihen aufkaufen, als alle EU-Staaten zusammen an Anleihen emittieren. Aber auch schon vor Corona verfolgte die EZB – wie die anderen wichtigen Notenbanken weltweit auch – eine extrem lockere Geldpolitik.

Vor der Finanzkrise 2008 lag die Zentralbankgeldmenge, also die von der Notenbank festgesetzte Geldmenge für die europäische Volkswirtschaft, bei knapp unter 1 Billion Euro. Danach stieg sie bis Ende 2019 auf 3,2 Billionen Euro. Aktuell beträgt sie 4,2 Billionen Euro. Mitte 2021 wird die Geldmenge bereits exponentiell auf rund 5,4 Billionen Euro angewachsen sein und damit das 6-fache der Menge von 2008 erreicht haben. Setzt man diese Geldmenge in Beziehung zum Bruttosozialprodukt (BSP), so stellt man fest, dass - nach Korrektur einiger Parameter und einem leichten Anstieg des BSP im Laufe dieser Zeitspanne von 13 Jahren - heute rund fünfmal mehr Geld im Umlauf ist als 2008. Es scheint so als erfordert jede neue Krise immer mehr Geld, um diese bewältigen zu können.

Diese hohe Geldmenge steht einer europäischen Staatengemeinschaft gegenüber, die aufgrund der Krisen der letzten 20 Jahre und der unterschiedlichen Produktivität in den einzelnen Ländern stark verschuldet ist. So liegt der Verschuldungsgrad von Europa im Schnitt bei 100 Prozent des Bruttoinlandprodukts und damit weit über der Maastricht-Grenze von 60 Prozent. Doch auch andere große Industrieländer wie die USA (134 Prozent Schuldenquote) oder Japan (sogar 264 Prozent Schuldenquote) sind hoch verschuldet. Aufgrund der niedrigen Inflation und der hohen Zinslast auf Staatsschulden drückten die Notenbanken weltweit den Zinssatz in Richtung Nulllinie, in einigen Regionen der Welt ist der Zinssatz sogar bereits darunter. Auf der einen Seite ist es erfreulich und letztendlich auch unbedingt notwendig, dass diese Geldpolitik noch keine höhere Inflation ausgelöst hat. Andererseits haben die Notenbanken die aktuelle, natürliche Grenze des Zinssatzes von Null aber bereits erreicht und können durch weitere Zinssenkungen nicht mehr weiter stimulierend auf die Wirtschaft einwirken. Diese natürliche Grenze wird durch unser Bargeld gesetzt, welches abgesehen von geringen Lagerhaltungskosten keinen negativen Zinssatz zulässt.