Meldungen | Marktkommentar
17.05.2016

Die Kandidatur von Donald Trump lässt für Anleger vieles im Unsicheren

Libby Cantrill, Executive Vice President und Head of Public Policy beim Anleihenmanager Pimco, über die für einen Republikaner unorthodoxe Linie des Polit-Milliardärs.

Libby Cantrill, Executive Vice President Pimco

Libby Cantrill, Executive Vice President Pimco

Foto: Pimco

Nachdem Ted Cruz und John Kasich aus dem Rennen sind, ist es so gut wie sicher, dass Donald Trump beim Parteitag der Republikaner im Juli als Kandidat nominiert wird. Eine Kandidatur von Trump macht es jedoch für die Anleger nicht leichter, die Auswirkungen einer Präsidentschaft Trumps auf die Wirtschaft und die Märkte vorherzusehen, die sich ergeben könnten, falls er die amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November gewinnen sollte. Im Folgenden zwei wichtige Gründe für die Ungewissheit:

1. Trump steht nicht unbedingt für die orthodoxe republikanische Linie, die durch Präsident Ronald Reagan berühmt geworden ist, und die auf Steuer- und Ausgabensenkungen und offenen Märkten beruht. Tatsächlich ist Trumps Wirtschaftsagenda eine Mischung aus verschiedenen Ideologien – sie enthält einige Bestandteile der republikanischen Linie, beispielsweise allgemeine Steuersenkungen, und einige demokratische Grundsätze, zum Beispiel die Beibehaltung der Sozialversicherung und der staatlichen Krankenversicherung. Insbesondere Trumps extreme Position in Bezug auf den Handel, die eine vollständige Überarbeitung sämtlicher bestehender US-Handelsabkommen und mögliche Strafmaßnahmen gegen US-Handelspartner vorsieht, unter anderem eine Zollgebühr in Höhe von 45% auf chinesische Importe, gehört nicht zum eigentlichen Programm beider Parteien.

2.  Die von Trump verkündeten wirtschaftspolitischen Positionen sind gelegentlich widersprüchlich und ändern sich häufig, was die Einschätzung der möglichen Folgen für die Anleger zusätzlich erschwert. Beispielsweise forderte Donald Trump vor einigen Wochen in einem Interview mit der Washington Post den vollständigen Abbau der amerikanischen Staatsverschuldung in Höhe von 19 Billionen US-Dollar in den nächsten acht Jahren. Ohne die Streichung eines Großteils der Staatsausgaben und drastische Steuererhöhungen ist dies praktisch unmöglich. Gleichzeitig forderte Trump ein Steuerkonzept, das die Schulden um 9 Billionen US-Dollar erhöhen würde (laut US-Tax Foundation). Seitdem hat sich Trump von seinem Versprechen abgewandt, die Staatsverschuldung abzubauen. Die Beobachter fragen sich jedoch weiterhin, was der Schwerpunkt seiner Politik wäre: Sparmaßnahmen oder Haushaltsexpansion?

Was sollen die Anleger von einem Kandidaten halten, dessen wirtschaftspolitische Ideologie von der seiner Partei abweicht, ganz zu schweigen davon, dass sie häufig widersprüchlich und verschwommen ist? Zumindest sollten sie ihm etwas Zeit geben. Trump, der interessanterweise bisher noch kein nennenswertes politisches Team hat, muss erfahrene politische Berater engagieren, die ihm helfen, eine solide Wirtschaftsagenda zu erarbeiten, bevor er sich dem Parteitag stellt – auf jeden Fall vor einer formellen Debatte mit der voraussichtlichen Kandidatin der Gegenpartei, Hillary Clinton, einer anerkannten Politikexpertin. Bis dahin sollten wir eine genauere Vorstellung davon haben, was eine Regierung Trump für die Wirtschaft und die Märkte bedeuten würde - zum Guten oder zum Schlechten.