Meldungen | Marktkommentar
30.01.2017

Die deutsche Industrie zwischen Trumpophobie und Trumpophilie

Nach der deutlichen Aufhellung der letzten Monate stelle der Rücksetzer beim deutschen Geschäftsklima grundsätzlich eine überfällige Korrektur dar, meint Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.

Robert Halver, Baader Bank

Robert Halver, Baader Bank

Foto: Baader Bank

Ohne Zweifel, das ifo Geschäftsklima hat im Januar enttäuscht. Es ist auf den niedrigsten Stand seit September 2016 gefallen. Gemessen an der großen Stichprobe von ca. 7.000 deutschen Unternehmen wird die deutsche Wirtschaft zum Jahresstart an Momentum verlieren. Als übliche Verdächtige werden Trump und Brexit genannt. Das sind jedoch keine neuen Tatsachen. Denn die Industriefirmen sind über den neuen US-Präsidenten bereits seit November und über den britischen Ausstieg aus der EU seit Juni 2016 informiert. Ohnehin zeichnen der Einkaufsmanagerindex und die Auftragseingänge der deutschen Industrie ein aufgehelltes Bild. Wie schwer lasten also die protektionistischen Risiken und die Neuausrichtung der britischen Wirtschaft wirklich auf der deutschen Konjunktur?

Laut ifo Institut verliert die konjunkturell gute Stimmung zu Jahresbeginn an Fahrt. Zwar zeigen sich die befragten Unternehmen mit der aktuellen Geschäftslage erneut zufriedener. Gemäß Geschäftserwartungen blicken sie jedoch weniger optimistisch auf das erste Halbjahr 2017. Immerhin, setzt man Lage und Erwartungen zueinander in Beziehung, befindet sich die deutsche Industrie noch in der konjunkturellen Zyklusphase „Boom“. Bei näherer Betrachtung der einzelnen Industriesektoren sind für die Stimmungseintrübung vor allem der Handel und das Baugewerbe verantwortlich. Dem gegenüber ist der Rückgang im exportsensitiven Verarbeitenden Gewerbe als deutsche Schlüsselindustrie weniger markant. Nach der zuletzt sehr einseitigen Fokussierung auf die positiven weltkonjunkturellen Streueffekte der Trumponomics hinterlassen jetzt Bedenken in puncto Einschränkung des freien Welthandels ihre Spuren. Nach der deutlichen Aufhellung der letzten Monate stellen diese Rücksetzer jedoch grundsätzlich eine überfällige Korrektur dar.

Handelsprotektionistisch hat Trump zwar die Peitsche ausgepackt…

Selbstverständlich stimmt die vom US-Präsidenten Trump angeschlagene handelspolitische Rhetorik alarmierend. Trumps Rückzug vom Transpazifischen Handelsabkommen TPP ist ein Paukenschlag. Und auch die Absicht, das nordamerikanische Handelsabkommen NAFTA neu zu verhandeln, signalisiert, dass sich der Wind in Amerika gegen den Freihandel gedreht hat. Generelle Zölle auf alle Importe werden von der neuen Administration immer wieder beschworen. Angesichts eines üppigen Exportüberschusses gegenüber den USA liegt die exportseitige Gefahr für Deutschland klar auf der Hand.

Es ist naiv anzunehmen, dass ein Freihandel zwischen Europa und Asien ohne die USA die klare Alternative ist. Auch China fürchtet sich vor amerikanischen Strafzöllen. Das spräche zwar für eurasische Zusammenarbeit. Zunächst sind jedoch Rechtssicherheit und Urheberschutz in China sicherlich nicht so ausgeprägt wie in den USA. Und Peking wird sicherlich nicht den barmherzigen handelspolitischen Samariter für Europa ohne üppige Gegenleistung spielen. Dieser Preis wird z.B. ein möglichst bedingungsloser Zugriff auf deutsche vor allem mittelständische Industrieunternehmen sein. China ist im Rahmen seiner Technologie- und Digitalisierungsoffensive dringend auf Zukäufe angewiesen, da die eigene Entwicklung zu zeit- und kostenaufwendig wäre. Das Beispiel Kuka zeigt, dass hier mit harten chinesischen Bandagen gekämpft wird. Ohnehin sollte die Lobrede des chinesischen Präsident Xi Jinping über den weltweiten Freihandel auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos nicht überschätzt werden. Der Handelsprotektionismus spricht nicht nur englisch, sondern auch fließend chinesisch.

…die deutsche Industrie und ihre Aktien haben dennoch ihre Chancen

Grundsätzlich stellt sich die Frage, inwiefern amerikanischer Handelsprotektionismus die deutsche Exportindustrie trifft. Blufft Trump mit seiner harten handelspolitischen Rhetorik, um Angst und Schrecken zu verbreiten, um einen guten „Deal“ zu machen, um Entgegenkommen von deutscher auch politischer Seite zu erreichen? Warum sollte Amerika den Export deutscher Produkte und Dienstleistungen beeinträchtigen, wenn die deutsche Industrie ihre „Hausaufgaben“ erledigt und in den USA arbeitsplatzaufbauende Investitionen tätigt? Ohnehin sind die großen deutschen Autobauer schon aktuell auch große US-Arbeitgeber. Im Übrigen fahren in den USA deutlich mehr Autos aus Asien als aus Deutschland umher. Und hinter vorgehaltener Hand weiß auch die wirtschaftsintelligente Fraktion der US-Regierung um die Bedeutung amerikanischer Exporte nach Europa und Deutschland. Arbeitsplatzrisiken in der amerikanischen Exportindustrie werden nicht unberücksichtigt bleiben.

Vor diesem Hintergrund zeichnet der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland mit 56,5 - dem höchsten Wert seit Mitte 2011 - ein wesentlich freundlicheres Bild als die ifo Daten. Trotz handelsprotektionistischer Befürchtungen - so ist man in der deutschen Export- und Maschinenbauindustrie überzeugt - kommt ein sich reindustrialisierendes Amerika an deutschem Industrie-Know How nicht vorbei. Davon profitieren insbesondere mittelständische Werte, die mit ihren Qualitätsprodukten und Patenten Weltmarktführer auch in industriellen und technologischen Nischenmärkten sind. Vor diesem Hintergrund dürfte die seit Juni 2016 zu beobachtende, relative Schwäche von Titeln des MDAX und SDAX zum DAX auslaufen und sich ein Trendwechsel einstellen.

Hinzu kommen wachsende Übernahmephantasien auch aus den USA. Denn zunehmend gehen auch große US-Investoren auf Einkaufstour im deutschen Mittelstand. So überführt Warren Buffett die Wilhelm Schulz GmbH in seinen 2015 übernommenen Industriezulieferer Precision Castparts Corporation (PCC). Der deutsche Mittelständler ist Weltmarktführer für Rohrzubehörteile, die in der Öl- und Gas-Industrie sowie beim Flugzeugbau zum Einsatz kommen.

Marktlage und Anlegerstimmung - Aktienüberbewertung? Ja, aber…

Grundsätzlich werden die Trumponomics als Argumente für eine sich weiter stabilisierende US-Konjunktur gewertet. Das schlägt sich auch in einem positiven US-Aktienmarkt nieder. Ohne Zweifel ist der US-Aktienmarkt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 18 absolut teuer. Immerhin geben jedoch im Rahmen der US-Berichtsaison für das IV. Quartal 2016 bislang mehr als die Hälfte der bisher berichtenden Unternehmen an, von der geplanten Senkung der Unternehmenssteuern zu profitieren. Damit ergibt sich für die bislang noch schwache US-Gewinnentwicklung spürbares Aufwärtspotenzial, was für eine fundamentale Bewertungsentspannung spricht. Im relativen Bewertungsvergleich mit Staatsanleihen erfahren US-Aktien ohnehin eine Entspannung. Denn trotz Abbau haben US-Renditen immer noch einen gehörigen Bewertungsvorsprung.