Meldungen | Marktkommentar
13.07.2012

Die „Botox-Economy“

Die Finanzmärkte fordern zwar Finanzkosmetik durch quantitative Lockerungen, aber vertrauen den Maßnahmen dann dennoch nicht, meint Ad van Tiggelen, Senior Investment Specialist bei ING AM in Den Haag.

 

Ad van Tiggelen, Senior Investment Specialist ING AM

Ad van Tiggelen, Senior Investment Specialist ING AM

ING IM

Die politischen Verantwortungsträger in den westlichen Ländern greifen zunehmend auf massive Liquiditätsspritzen zurück, um die Überalterung ihrer Volkswirtschaften zu verschleiern. Die Länder setzen quantitative Lockerungen genau so ein wie Privatleute Botox verwenden: Sie versuchen verzweifelt, ihre Falten zu glätten und für immer jung auszusehen. Aber die Finanzmärkte lassen sich nicht so leicht zum Narren halten.

 

Nach knapp siebzig Wachstumsjahren sind die westlichen Volkswirtschaften inzwischen spürbar gealtert. Sie müssen eine historisch hohe Schuldenlast tragen (im Durchschnitt das Drei- bis Vierfache ihres BIP, wenn alle Arten von Schulden zusammengerechnet werden) und mit einer ungünstigen demografischen Entwicklung fertig werden (im Jahr 2050 wird nahezu jeder dritte Europäer über 65 Jahre alt sein). Damit verlieren sie ihr natürliches Wachstumspotenzial, das einst von einer jungen Bevölkerung und einer einfachen Schuldenfinanzierung ausging. Deshalb besannen sich die politischen Verantwortungsträger auf die „Botox-Economy“.

Dies spiegelt sich nicht nur im weitverbreiteten Einsatz des Quantitative Easing wider, sondern auch im Tenor der Konjunkturprognosen westlicher Regierungen. So wird allgemein von einem Rückgang der Haushaltsdefizite auf Null bis etwa 2017 ausgegangen – aber nur unter der Annahme, dass sich das reale Wachstum bis dahin jährlich auf mindestens 2% beläuft. Dasselbe gefährliche Wunschdenken ist unter Finanzanalysten verbreitet, die weiterhin für 2013 mit einem Wachstum der Unternehmensgewinne um rund 10% rechnen – ein Ziel, das wohl kaum erreicht werden wird.

 

Glücklicherweise lassen sich die Finanzmärkte nicht so leicht zum Narren halten, jedenfalls nicht für lange. Die Aktienmärkte haben sich trotz der rosigen Analystenprognosen bereits auf ein schwaches oder Nullwachstum eingerichtet. Und für qualitativ hochwertige Unternehmen – d.h. internationale Konzerne mit einem globalen Markennamen und einer soliden Bilanz – wird zunehmend ein Bewertungsaufschlag fällig. Der Bewertungsaufschlag von US-Aktien gegenüber europäischen Werten hat nahezu ein Rekordniveau erreicht, obwohl die finanzielle Situation der US-Regierung in vielerlei Hinsicht noch ungünstiger zu sein scheint als

diejenige des Euroraums insgesamt. Warum? Weil die Anleger wissen, dass die US-Wirtschaft nicht nur in demografischer Hinsicht jünger ist (2050 wird nicht einmal einer von vier Amerikanern über 65 Jahre alt sein), sondern dass die US-Wirtschaft auch über die zugrundeliegende Flexibilität verfügt, um sich erforderlichenfalls zu verjüngen. Darüber hinaus sehen zahlreiche Anleger aus den USA und Asien ein Auseinanderbrechen des Euroraums bereits als unvermeidlich an.

 

Irrationalerweise fordern die Finanzmärkte zwar einerseits lautstark mehr Botox, scheinen andererseits aber am wenigsten auf seine Wirkung zu vertrauen. Vorsichtige Anleger gehen daher zunehmend zu Strategien über, die eher den Wert ihres Vermögens tatsächlich schützen als eine hohe Rendite erwirtschaften. Sie zeigen damit implizit, dass sie die Folgen eines Alterungsprozesses akzeptieren, den die politischen Verantwortungsträger verzweifelt mittels „Botox“ bekämpfen wollen. Angesichts der beträchtlichen Ausweitung der Zentralbankbilanzen, die durch all diese Liquiditätsspritzen eingetreten ist, diversifizieren kluge Anleger ihr

Vermögen auch über verschiedene Währungen und Assetklassen hinweg. Wir rechnen zwar nicht damit, dass bald Inflationsdruck auftritt, aber nominale Vermögenswerte sollten auch bei risikoaversen Anlegern das Portfolio nicht vollständig dominieren. Reale Vermögenswerte (wie Aktien, Immobilien und Gold) sollten ebenfalls eine Rolle spielen. Solche Vermögenswerte sind zwar nicht immer attraktiv, aber die durch „Botox“ verjüngte Schönheit dürfte sich ebenfalls als vergängliches Phänomen erweisen.