Meldungen | Marktkommentar
06.10.2017

Der Krug der Verschuldung geht solange zum Brunnen bis er bricht

Wann platzt die Autofinanzierungsblase in den USA, fragt sich Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank AG, und meint die wachsende Verschuldung der Konsumenten. Er rät zu vorausschauendem Anlegen an den Finanzmärkten.

Klaus Stopp, Baader Bank

Klaus Stopp, Baader Bank

Foto: Baader Bank

Aus den USA erreichte uns erst kürzlich die Nachricht, dass der Versicherungskonzern AIG nicht mehr der besonderen Aufsicht durch die Behörden unterliegt. Auf den ersten Blick könnte man also zu dem Ergebnis gelangen, dass anscheinend neun Jahre nach der Rettung durch den Staat Normalität an den Finanzmärkten eingetreten ist. Doch davon sind wir weit entfernt. Dafür verantwortlich ist lediglich die Tatsache, dass das Unternehmen Vermögenswerte in Milliardenhöhe verkauft hat. Nach Ansicht des Kontrollgremiums FSOC ist nämlich das Unternehmen jetzt nicht mehr relevant für das Weltfinanzsystem.

Diese Nachricht alleine bedeutet also keine Entwarnung - nicht zuletzt, weil sich die Anzeichen eines Wiederaufflammens der Krise mehren. So steigt erstmals seit der Finanzkrise die globale Schuldenlast wieder - und zwar auf insgesamt mehr als 217 Billionen US-Dollar. Bemerkenswert ist hierbei, dass das jährliche Bruttoinlandsprodukt weltweit nur mit ungefähr einem Drittel davon beziffert wird. Wie lange das noch gut gehen wird, ist die Gretchenfrage. Deshalb kommt einem unvermittelt die deutsche Redensart „Der Krug geht solange zum Brunnen bis er bricht“ in den Sinn.

Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Asien sind bereits die Risiken sichtbar. Aber der Partystimmung an den Börsen tut das bisher keinen Abbruch. So fragt man sich in den USA, wann die Autofinanzierungsblase platzt. Ähnlich sieht es dort auch im Kreditkartensektor aus. Aber auch in Europa werden immer mehr Reisen, Haushaltsgeräte, Autos und andere Gebrauchsgegenstände auf Kreditbasis finanziert. Man lebt wieder auf Pump und nicht zuletzt in den USA fallen vermehrt Kredite aus! Noch sind wir zwar mit einer Ausfallrate von 3,29% der Kreditkartenschulden weit von dem Wert während der Finanzkrise (10%) entfernt, aber die Quote stieg zuletzt im fünften Quartal in Folge.

In Asien nutzen die Verbraucher die relativ niedrigen Zinsen ebenfalls und verschulden sich manchmal bis über beide Ohren. Teilweise liegt die Verschuldungsquote bereits höher als in vielen Industrieländern und lässt bei einem jährlichen Anstieg von über 10% gegenüber dem Vorjahr aufhorchen. In China sind es allerdings die staatlichen Unternehmen, die zu diesem dramatischen Verschuldungsanstieg beitragen. Die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen haben zwar Chinas Wirtschaft kontinuierlich wachsen lassen, aber dadurch wurde auch eine große Kreditblase geschaffen, die es nun zu entschärfen gilt. Noch werden die mahnenden Worte belächelt, aber man sollte sich selbst eine Strategie zur Vermögenssicherung überlegen. Vorausschauend zu agieren ist nicht nur beim Autofahren wichtig, sondern auch an den Finanzmärkten. Auch dort gilt es, auf Sicht zu fahren und den Bremsweg einzukalkulieren.

Wann strafft die EZB die Zügel?

Mit einem abrupten Ende der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) rechnet ohnehin keiner. Vielmehr ist mit einem vorsichtigen Rückzug in Trippelschritten zu rechnen, mit dem die EZB ihre milliardenschweren Wertpapierkäufe allmählich zurückfahren wird. Nachdem ihr Präsident Mario Draghi nun bereits mehrmals signalisiert hat, dass er demnächst verraten wird, wie man von Januar 2018 an weiter vorzugehen gedenke, dürfte die EZB bei der nächsten Notenbanksitzung im Oktober ihre Pläne offenbaren. Auf diese Informationen warten die Marktteilnehmer schon seit geraumer Zeit. Nach dem bisherigen Stand soll das Ankaufprogramm für Anleihen, in dessen Rahmen die EZB zusammen mit den nationalen Notenbanken monatlich Wertpapiere im Volumen von 60 Mrd. € ankauft, ja mindestens bis Ende 2017 laufen. Die Frage ist aber nicht nur das „Wie“, sondern auch das „Wann“. Bis zum 26. Oktober müssen wir uns zumindest noch gedulden, um zu erfahren, wie ernst es Mario Draghi mit dem Einstieg in den Ausstieg ist.

Jedoch ist „Super-Mario“ ja kein Greenhorn und äußert sich in seinen Reden nie eindeutig, sondern eher im Sinne eines „Hü und Hott“. Stets lässt er sich ein argumentatives Hintertürchen offen. So auch zuletzt, als der EZB-Chef sagte, er sei zwar zuversichtlicher geworden, dass sich die Inflation wieder dem Inflationsziel von knapp zwei Prozent annähern werde. Denn zugleich fügte er hinzu, dass um dieses Ziel zu erreichen, jedoch eine weiterhin expansive Geldpolitik nötig sei. Und weiter: Die sogenannte Kerninflationsrate, also ohne Energie- und Lebensmittelpreise, sei in den vergangenen Monaten nur leicht gestiegen. Die Zentralbank müsse daher geduldig und ausdauernd sein. Und es gebe immer noch eine Unterauslastung der Wirtschaft.

Zuversichtlich gab sich Draghi mit Blick auf die Konjunktur in der Währungsunion. So erläuterte er, der wirtschaftliche Aufschwung erfolge auf breiter Basis mit Blick auf Länder und Sektoren, was für eine Straffung der Geldpolitik spräche. Aber auch hierbei blieb er seiner „Hü- und Hott“-Strategie treu und verwies auf weiterhin geopolitische Risiken für das Wachstum.

Schützenhilfe für die Befürworter einer strafferen Geldpolitik gab es vor zwei Wochen von der US-Notenbank Fed, als sie einen nächsten Zinsschritt in diesem Jahr sowie weitere drei in 2018 angedeutet hat. Damit erleichtert es die Fed der EZB, ebenfalls diesen Weg einzuschlagen. Denn durch die Maßnahmen der US-Notenbank kletterte der US-Dollar und der Aufwertungsdrang des Euros wurde gedämpft. Schließlich hatte dessen Stärke zuletzt das EZB-Inflationsziel von 2% als realitätsfremd erscheinen lassen. Zusätzlich neue Spielräume in der Geldpolitik erhalten die Notenbanken aber auch nicht zuletzt durch die generellen Wachstumstendenzen der Volkswirtschaften.

Bliebe allerdings noch eine Unsicherheit: Der Vertrag von Fed-Präsidentin Janet Yellen läuft im Januar 2018 aus. Höchste Zeit für D. T., den Unberechenbaren, sich über eine Neubesetzung Gedanken zu machen. Wobei die Marktteilnehmer im Sinne von Verlässlichkeit und Kontinuität durchaus auch eine Vertragsverlängerung von Yellen goutieren würden. Aber eine solche Entscheidung würde nicht in das bisherige Verhaltensmuster des amtierenden US-Präsidenten passen.