Das Jahr der Entscheidung – Finanzmärkte in ruhigerem Fahrwasser
Die weitere Entwicklung der Schuldenkrise hängt unter anderem davon ab, wie es Italien gelingt, seine Schulden zu refinanzieren. Auch die Wahlen in Frankreich, Griechenland und in den USA sind von großer Bedeutung, meint Thomas Steinemann, Chefstratege der Vontobel-Gruppe.

Einmal mehr blicken wir auf ein turbulentes Anlagejahr zurück. Die Aktienmärkte entwickelten sich im ersten Halbjahr ansprechend, bis im Juli die Eurokrise einmal mehr eskalierte und die Aktienmärkte in die Tiefe riss. 2011 wird auch als Jahr der "Euro-Gipfel" in die Geschichte eingehen; nicht weniger als vier außerordentliche EU-Treffen fanden im vergangenen Jahr statt. Der letzte Gipfel von Anfang Dezember war aber der bedeutendste und brachte endlich gewisse Elemente einer Fiskalunion ins Spiel. Allerdings ist eine Fiskalunion wesentlich mehr als eine "Fiskalstabilitäts-Union", die nun beschlossen wurde.
Ob es 2012 gelingen wird, die EU-Verträge zu ändern und die Beschlüsse auf Verfassungsstufe zu heben, bleibt abzuwarten. Geplant ist dies im Frühling 2012. Welche "Meilensteine" stehen in diesem Jahr sonst noch an? Italien muss die riesige Summe von rund 350 Milliarden Euro für fällig werdende Staatspapiere aufnehmen, davon ein Drittel im ersten Quartal. Hierzu muss die Kapitalmarktfähigkeit unbedingt erhalten bleiben, sonst droht Italien und damit auch der Euro zu kippen. Das Land muss glaubwürdige Pläne zur Sanierung der Staatsfinanzen vorlegen und Reformmaßnahmen für die Wirtschaft beschließen, um das Wachstum zu stimulieren. Wir erwarten, dass dies im Jahresverlauf gelingen wird. Dies dürfte an den Finanzmärkten insgesamt für Entspannung sorgen. Im Sommer soll der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) vorzeitig – ursprünglicher Termin war 2013 – in Kraft treten. Ebenfalls im Sommer ist geplant, die Rekapitalisierung der europäischen Banken abzuschließen. Die Institute sollen eine Eigenkapitalquote von 9 Prozent erreichen. Im Frühling stehen Wahlen in Frankreich und Griechenland, im Herbst die USPräsidentschaftswahlen an.
Welches sind nun unsere Investmentthemen für 2012?
Aktien schlagen Anleihen
Aus fundamentaler Sicht spricht vieles für Aktienengagements im Verlauf von 2012, insbesondere wenn unsere Erwartung einer Entspannung der Eurokrise eintritt. Die Bewertungen sind günstig, trotz deutlich nach unten korrigierter Erwartungen für die Unternehmensgewinne. Zudem profitieren Aktien in der Regel in Jahren, in denen US-Präsidentschaftswahlen stattfinden. Was die Wirtschaft betrifft, so erwarten wir 2012 in Europa ein Nullwachstum und einen unterdurchschnittlichen Konjunkturverlauf im Rest der Welt. Dies dürfte aber mittlerweile in den Preisen enthalten sein. Nur eine noch schlechtere Entwicklung – sprich Rezession – würde die Kurse nachhaltig nach unten drücken. Wir erwarten zum Jahresstart eine hohe Volatilität wegen der vorerst unsicheren Aussichten für die Eurozone. Wir setzen daher zunächst auf "Value"- und Dividendentitel. Im Jahresverlauf dürften sich Investoren vermehrt zyklischeren Branchen zuwenden. Die Schwellenländermärkte werden unserer Meinung nach die anderen Regionen schlagen.
Anleihen: Alternativen im Nullzins-Umfeld
Traditionelle, sichere Staatsanleihen aus der Schweiz, Deutschland und den USA bescherten den Anlegern 2011 noch einmal unerwartet gute Renditen. Dies war nur wegen der erneuten Eskalation der Eurokrise möglich, denn die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen sanken auf historische Tiefststände. Der Zinsrückgang war umso erstaunlicher, da es global gesehen keine Anzeichen einer Rezession gab. Hier sind aber natürliche Grenzen gesetzt, besonders in der Schweiz und Japan mit Anleihenzinsen von deutlich unter 1%. Wir erwarten dort 2012 einen leicht steigenden Trend, sodass die Renditen kaum mehr positiv sein werden. Welche Alternativen bieten sich? Zum einen sind Anleihen aus Schwellenländern, die gesunde Staatsfinanzen aufweisen, dank höherer Coupons sehr attraktiv. Zum anderen ist es sinnvoll, Unternehmensanleihen und ausgewählte "High Yield"-Anleihen ins Portfolio aufzunehmen, insbesondere wenn das Wirtschaftswachstum in der zweiten Jahreshälfte und 2013 wieder stärker anzieht. Sollte unsere Annahme einer Entspannung der Eurokrise im Jahresverlauf zutreffen, könnten für risikofähige Investoren italienische Staatsanleihen eine interessante Ergänzung des Anleihenanteils eines Portfolios sein.
Industrie- und Edelmetalle: Spiegel des globalen Wandels
Zum globalen Wandel gehören auch Umbrüche, Verwerfung, ein Aufbrechen veralteter Strukturen oder Korrekturen von Fehlentwicklungen, wie wir es zum Beispiel innerhalb der Eurozone gerade erleben. In solchen Phasen, die in der Regel von hoher Risikoaversion und einer negativen Aktienmarktentwicklung geprägt sind, haben sich Edelmetalle bewährt. Als Beimischung im Portfolio übernehmen sie eine Risikopuffer-Funktion. Bei einem globalen Anziehen des Wachstums werden wieder vermehrt Industriemetalle, ein Gradmesser für den Wirtschaftsboom der Schwellenländer, zu einem interessanten Anlagethema. Dies dürfte in der zweiten Jahreshälfte bis ins Jahr 2013 der Fall sein.
