Meldungen | Emerging Markets, Marktkommentar
16.05.2012

Chinas Internetwirtschaft bietet mehr als Facebook

Alles starrt gebannt auf den Börsegang des Social Networks Facebook, außer Joseph Tse, Fondsmanager des Fidelity Asian Special Situations Fund, der lieber auf den chinesischen Markt verweist.

Joseph Tse, Fondsmanager Fidelity

Joseph Tse, Fondsmanager Fidelity

Der für Ende der Woche geplante Börsengang von Facebook ist so stark überzeichnet, dass das Unternehmen die bisherige Preisspanne von 28 bis 35 US-Dollar sogar noch anheben könnte. Wer jedoch am Social Media-Boom in einem stark wachsenden, weitgehend ungesättigten Markt teilhaben möchte, sollte nach China blicken. Die Internetwirtschaft ist ein Kernwachstumsbereich in China – und das auf lange Sicht. China hat derzeit über eine halbe Milliarde Internetnutzer. Damit sind im Reich der Mitte schon jetzt mehr als doppelt so viele Menschen online wie in den USA. Dabei nutzen heute erst 38% der Chinesen das Internet, während die durchschnittliche Internetverbreitung in den Industrienationen inzwischen bei 70% der Bevölkerung liegt. China bietet also auch in dieser Hinsicht noch viel Potenzial. Von dieser Aufholjagd der chinesischen Internetwirtschaft können Investoren profitieren.


Chinas größter Social Networking- und Instant Messaging-Anbieter Tencent ist dafür ein Beispiel. Tencent hat 720 Millionen aktive Nutzer – da viele Chinesen für unterschiedliche Online-Aktivitäten mehrere Profile unterhalten – und damit einen geschätzten Marktanteil von 80 Prozent. Das Unternehmen erzielt einen höheren Umsatz und bessere Gewinnmargen als Facebook, die Aktie ist aber immer noch günstiger als der von Facebook angestrebte Preis nach dem bevorstehenden Börsengang. Hinzu kommt, dass Tencent über mehr Einkommensströme verfügt als Facebook. Das Unternehmen vereint Online-Dienste unter seinem Dach, die die chinesischen Pendants zu Facebook (Pengyou), MySpace (QZone) und Twitter (Weibo) darstellen. Der kürzlich aufgesetzte Instant Messaging-Service Weixin ist schon jetzt sehr erfolgreich. Zudem arbeitet Tencent an einer Online-Spiele-Sparte, die helfen wird, die Marktführerschaft des Unternehmens bei sozialen Netzwerken auf zahlende Kunden auszudehnen und insgesamt zu zementieren.


Wie auch im Falle von Facebook, das derzeit weltweit rund 900 Millionen Nutzer hat, sind einige Investoren skeptisch gegenüber dem Monetarisierungsmodell des Social Media-Anbieters. Dabei darf man aber keinesfalls das explodierende Wachstum des sogenannten "SoLoMo"-Trends übersehen, der mit der Urbanisierung Chinas einhergeht: Die Abkürzung der Adjektive sozial, lokal, mobil deutet auf die Verbindung zwischen Social Media-Anwendungen auf mobilen Geräten und ortsbezogener Werbung hin. Die mobile Internetnutzung in China wächst rapide. Im vergangenen Jahr nutzten 356 Millionen Chinesen das mobile Internet. Das ist erst ein gutes Drittel der Mobiltelefonnutzer in China. Da schon bald günstige Smartphones für etwa 100 US-Dollar in China erhältlich sein werden, erwarte ich einen regelrechten Smartphone-Boom, der gleichzeitig die mobile Internetnutzung beschleunigen wird.
Die chinesische Regierung unterstützt die Verbreitung des mobilen Internets, indem sie die Einführung der 3G-Netzwerke zur Highspeed-Übertragung von Daten vorantreibt. Aufgrund der riesigen Größe des Landes und einer in weiten Regionen unterentwickelten Infrastruktur wird die Internetwirtschaft für China insgesamt eine große Rolle spielen.